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"Auf so was kann man sich nicht freuen"

26.06.2007 | 19:02 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Für Klagenfurt vielleicht schon zu groß: Der Wiener Kandidat Thomas Stangl im Gespräch.

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„Ich glaube, auf so was kann man sich nicht freuen“: Thomas Stangl sitzt über dem Donaukanal-Ufer, Blick auf die Leopoldstadt, wo er wohnt und sein letzter Roman spielt, denkt über sich und Klagenfurt nach, dann fällt ihm ein, eine Kollegin habe den Bewerb „lustig“ gefunden. Wie er das sagt, klingt es freilich, als würde ein ins Rad gedrängter Hamster sich das Fliegen vorstellen.

Trotzdem fährt der 41-jährige Wiener zum Kärntner Wettlesen: „Nach einer Schrecksekunde dachte ich mir, dass man sich dem nicht wirklich entziehen kann – wenn man das Gefühl hat, man hat einen Text, für den man sich nicht genieren muss.“ Wenn ein Stangl das sagt, der jahrelang mit dem Publizieren gewartet hat („weil ich selten glücklich war mit eigenen Texten“), spitzt man die Ohren; denn was die eigene Person betrifft, untertreibt er offenbar grundsätzlich. Zur Begeisterung des deutschsprachigen Feuilletons über seine zwei Romane „Der einzige Ort“ (2004) und „Ihre Musik“ (2006) sagt er nur: „Ja, ich hatte relativ viel Glück mit der Kritik.“

Nicht Glück, Verdienst war das – umso mehr, als Stangls Schreiben nicht im Trend neubourgeoiser Sehnsüchte nach höchstens postmodern ironisiertem „Erzählen“ liegt. In „Der einzige Ort“ (2004) beschrieb er die Wege zweier Afrikaforscher des 19.Jahrhunderts in ein detailliertes und doch imaginäres Timbuktu. In „Ihre Musik“ geht es um eine Mutter und ihre schwerkranke Tochter, in einem Wien, in der auch Gänse „auf kleinen gelben Wolken“ dahertreiben oder Geier über einem hethitischen Tempel kreisen.

Seit Doderer hat keiner mehr einen Wiener Bezirk so präzis und poetisch in die „Tiefe der Jahre“ getaucht. Als ob der „Strudlhofstiegen“-Autor beim Spazieren Virginia Woolfs Mrs. Dalloway getroffen hätte oder Proust in das traurige Gesicht von Rilkes Malte Laurids Brigge geschaut hätte. Mit Doderer verbinde ihn wirklich einiges, bestätigt Stangl der „Presse“: „Die Übergänge zwischen innen und außen, vom Schlafen zum Wachen. Oder dass ich versuche, Handlung über Räume zu zeichnen.“ Und Proust sei ihm „sehr wichtig“. In „Ihre Musik“ versuche er ja auch, „Erinnerungsräume zu zeichnen – vom Moment aus, wo die Tochter in ihrem Sessel sitzt und stirbt“.


„Habe neuen Romananfang verdichtet“

Aber anders als bei seinen entfernten Autorenverwandten muss man bei ihm höllisch aufpassen, um aus den bald aufgestauten, bald zerfließenden Erinnerungs- und Wahrnehmungsströmen die Realitätspartikel herauszuklauben, um daraus Skelette von „Personen“, einer „Handlung“ zu basteln.

Für die Lesung in Klagenfurt, erzählt Stangl, habe er den Anfang eines neuen Romans „verdichtet“. Über den will er noch nichts sagen – oder höchstens ganz wenig: Dass er wieder in Wien spiele, und dass die Mutter Emilia aus „Ihre Musik“ darin wieder auftauche. „Es gibt einen bestimmten Punkt in Emilias Vergangenheit, der im vorigen Roman nur vage präsent ist.“ Den wollte er weiterentwickeln.

Was immer für ein Buch daraus wird: Die Beachtung wird nicht von Klagenfurt abhängen. Dort kann Stangl wohl nur eins schaden: Seine Literatur ist schon zu groß, als dass Bachmann-Juroren sie noch selbstzufrieden „entdecken“ könnten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2007)

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