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Die reinsten Waserln

28.09.2007 | 18:37 |  HARALD KLAUHS (Die Presse)

Literatur. Sigrid Löffler kritisierte die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das österreichische Jurymitglied Karl-Markus Gauß antwortet auf ihre Vorwürfe.

APA

Die Presse: Sigrid Löffler von der Zeitschrift „Literaturen“ hat die Jury des Deutschen Buchpreises, der Sie angehören, heftig angegriffen. Insbesondere hat sie die „Shortlist“ kritisiert und gemeint, Sie hätten sich zum Schaden der Jury als „Österreich-Lobbyist“ durchgesetzt.

Karl-Markus Gauß: Sie muss es wissen, denn Sie war ja über einen geheimen Wanzenanschluss dabei. Nein, sie braucht gar keine regulären oder irregulären Informationen, ihre Ressentiments genügen ihr. Schon die Vorstellung, die sechs deutschen Juroren hätten in Frankfurt als die reinsten Waserln gewartet, dass der Quotenösterreicher ihnen sagt, wo es langgeht, ist schlicht abstrus.

Wie ist Frau Löfflers Kritik dann zu verstehen?

Gauß: Es gibt natürlich einige Leute, die es gewohnt sind, bei jeder Entscheidung des Literaturbetriebs dabei zu sein. Sind sie es einmal nicht, müssen sie laut aufschreien, auf dass man merke, dass es sie auch noch gibt. Und so haben einige, etwa Tilman Krause von der „Welt“, von außen mit wütenden Kommentaren zu intervenieren versucht. Geschenkt. Dann ist da aber auch noch etwas Persönliches: Frau Löffler ist mir schon seit gut 20 Jahren hinterher, wenn ich alles aufliste, was sie über mich gesagt hat, kommt ein hübsches Brevier enttäuschter Liebe zusammen. Intellektuell dürftig, dafür denunziatorisch heftig ist ihre Kritik vor allem an den anderen sechs Juroren, die sie zu meinen Befehlsempfängern degradiert.

Noch einmal zum „österreichischen Lobbyismus“. Wie national oder nationalistisch ist der deutschsprachige Literaturbetrieb?


Gauß: Bis auf wenige Refugien gar nicht. Es wird unglaublich viel, vor allem angelsächsische Fabrikware, ins Deutsche übersetzt, kaum deutschsprachige Literatur, auch solche von Rang nicht, in andere Sprachen. Man kann doch nicht behaupten, dass in den besseren Feuilletons in Deutschland oder Österreich nur die jeweilige Literatur eine Rolle spielt. Bleibt das Skandalon: Warum haben es so viele Österreicher, nämlich sechs von 20 Autoren, auf die Longlist und zwei von sechs auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis gebracht? Österreichischer Nationalismus in Frankfurt? Vielleicht sind die deutschen Kollegen eben so frei gewesen, die Bücher unabhängig von ihrer Herkunftsbezeichnung zu bewerten.


Frau Löffler hat dem Deutschen Buchpreis eine Art von Geburtsfehler attestiert: die Zusammensetzung der Jury, in der Autoren, Kritiker und Buchhändler vertreten sind, statt, wie sie das fordert, ausschließlich Kritiker. Wie sähe eine ideale Jury aus?


Gauß: Es gibt sie nicht. Da keine Jury unfehlbar ist. Eine Jury soll ihre Arbeit tun und danach abtreten. Beim Deutschen Buchpreis wird nach jedem Jahr die komplette Jury ausgewechselt, im Unterschied etwa zur Jury für den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse. In der sitzen einige Juroren, wie etwa Sigrid Löffler, schon von Anfang an, und sie denken das noch viele Jahre so zu halten: Eine Machtposition zu räumen, auf diese Idee kommt eben nicht jede und jeder.

Frau Löffler moniert, dass Schriftsteller in Jurys nichts zu suchen haben, weil sie „klassisch befangen“ seien, und dass in diesem Jahr gar kein echter Schriftsteller drin sitzt, sondern mit Ihnen jemand diesen Part einnimmt, der eigentlich Kritiker ist. Sind solche Rollenverteilungen heute noch sinnvoll?


Gauß: Diese Kritik ist nicht nur in sich widersprüchlich, sondern auch ungebührlich beschränkt. Denkt man das weiter, dürfen Romanciers keine Kritiken, Theaterautoren keine politischen Kommentare und Dichter keine Essays schreiben, sonst verlieren sie den vom Literaturkommissariat Löffler verliehenen Status des Schriftstellers; und umgekehrt darf offenbar von niemandem, der je Kritiken geschrieben hat, etwas literarisch Bedeutsames erwartet werden. Da steckt doch eine ganz reaktionäre Vorstellung von Literatur dahinter.

Und sind Sie jetzt „befangen“ oder nicht?


Gauß: Natürlich. Als Schriftsteller bin ich befangen gegen dumme Kritik und als Kritiker gegen schlechte Literatur.

Gibt es am Buchpreis gar nichts zu kritisieren?


Gauß: Doch. Zum Beispiel dass dieses Getue mit Shortlist und Longlist, das so hohe mediale Aufmerksamkeit erregt, einem Ranking-Unwesen entspricht, das der Literatur, wenn ich so sagen darf, wesensfremd ist.

BUCHPREIS: Jurymitglieder

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2007: Christian Döring (Lektor), Karl-Markus Gauß (Autor), Felicitas von Lovenberg („FAZ“), Ijoma Mangold („SZ“), Rudolf Müller (Buchhändler), Mathias Schreiber („Der Spiegel“), Hajo Steinert (Deutschlandfunk).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2007)


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