Neues Klimt-Buch unter Beschuss

30.10.2007 | 18:12 |  OTMAR RYCHLIK (Die Presse)

Gastkommentar. Otmar Rychlik rechnet mit Klimt-Prachtband seines Kunsthistoriker-Kollegen Alfred Weidinger ab.

Stealing Klimt

Das von Alfred Weidinger im Prestel Verlag herausgegebene, soeben erschienene Buch über Gustav Klimt, dem ein „kommentiertes Gesamtverzeichnis des malerischen Werkes“ beigegeben ist, wird seinem Anspruch in keiner Hinsicht gerecht. Man hat den Eindruck eines rasch zusammengebastelten, weitgehend unsystematischen Wälzers, dessen äußeres Erscheinungsbild geradezu radikal missglückt ist: Das Format unsinnig groß, das Buch dadurch absolut unhandlich und viel zu schwer, im Übrigen bedient man sich einer Gestaltung, die den Stil der Wiener Werkstätte imitiert, an sich schon das eine Zumutung, darüber hinaus mit einem Mangel an Sensibilität, der seinesgleichen sucht.

Die Abbildungen sind entweder zu groß (was witzigerweise gerade auf Ausschnitte zutrifft), andererseits just im Werkverzeichnis, wo anschauliche Abbildungen unverzichtbar sind, oft genug klein wie Briefmarken; vom unsäglichen Gesamtlayout, der billigen Ausführung in allerdings güldener Karton-Hartdecke (deren Fälze schon bei geringem Gebrauch reißen) ganz zu schweigen.


Nur 30 Bilder aus Frühwerk neu

Bereits im zweiten Satz von Weidingers Vorwort heißt es, dass insgesamt „253 Gemälde ermittelt werden“ konnten. Ohne auch nur im Geringsten darauf zu verweisen, dass das verdienstvolle alte Werkverzeichnis von Johanns Dobai – neben Nebehays Dokumentation und Strobls Zeichnungenwerk eine der drei Säulen der Klimtforschung – 1967 bereits 223 Klimt-Gemälde aufgelistet hat. Die fast ausnahmslos in Weidingers Remake wieder auftauchen.

Es handelt sich also um einen „Gewinn“ von ca. 30 Bildern, der aber nicht nachvollziehbar ist, da Weidinger auf die Konkordanz der Werkverzeichnisse verzichtet. Bei rascher Durchsicht ergibt sich wohl, dass dem (verhältnismäßig unbedeutenden) frühesten Werk Gustav Klimts einiges hinzugefügt wurde; wesentliche Funde, die eine Neufassung des Werkverzeichnisses (statt eine – was seriöser gewesen wäre – überarbeitete Neuauflage des Dobai-Verzeichnisses) erforderlich gemacht hätten, sind jedenfalls nicht vorhanden. Auch fehlen eine Liste der ausgeschiedenen Werke, ein Ausstellungsverzeichnis und andere hilfreiche Handhaben, über die magere, nicht kommentierte Bibliografie und ein unvollständiges „allgemeines“ Register hinaus, mit welchen die Anmerkungen in den Texten übrigens nur unzulänglich korrespondieren.

Dem eigentlichen Werkverzeichnis (schmale 80 Seiten) ist eine lose, keinem konsistenten Gesamtkonzept folgende Aufsatzsammlung vorangestellt, die sich mit Abbildungen auf prominente 220 Seiten ausbreitet. Unter den dafür „ausgewählten Wissenschaftlern“, die im Vorwort erst gar nicht genannt werden, finden sich mit Marian Bisanz und Alice Strobl nun tatsächlich erstklassige Kennerinnen, deren Beiträge auch dementsprechend glänzen; der Text von Manu von Miller über die Beziehungen der Kunst Klimts zu Whistler verdient Beachtung, der Beitrag von Michaela Seiser über die „Künstler-Compagnie“ ist unausgegoren, wäre aber, was die Händescheidung zwischen Franz Matsch und den Brüdern Klimt betrifft, durchaus brauchbar. Susanna Partsch zieht im Artikel „Emilie, Adele, Mizzi und Hilde“ ein Klimt-Modell (Hilde Roth) aus dem Hut, dessen Authentizität durch nichts belegt wird. Die Beiträge des Herausgebers selbst sind flächendeckend flach.

„In diesem Zusammenhang“ – nämlich der Texte des Herausgebers – erfahren wir übrigens auch, es wäre „nicht unbedeutend zu erwähnen, dass sich erst kürzlich im Palais Stoclet die gezeichnete Wandabwicklung Klimts für den Beethovenfries gefunden hat“. Nur scheint es Weidinger selbst „unbedeutend“ genug gewesen zu sein, es auch seiner Mitautorin Bisanz „zu erwähnen“, denn in deren an sich vorzüglichem Aufsatz kommt diese Entdeckung gar nicht vor. Da hat sich Weidinger wohl als Fallensteller betätigt, wie auch beim Fund eines Fotos, das den verschollenen Entwurf für Klimts Karlsbader Theatervorhang wiedergibt, wovon aber Seiser, Autorin des Haupttextes über die Künstler-Compagnie, nichts weiß – so viel an Kollegialität wäre von einem „Herausgeber“ selbstverständlich zu erwarten gewesen.


Landschaften kaum beachtet? Falsch!

Die Einfalt der Eitelkeit lässt sich aber bis zur Bosheit steigern: Bereits im Vorwort mutieren die Landschaften zu einem „bis dahin“, nämlich Weidingers eigenen Texten, „kaum beachteten Genre in Klimts Gesamtwerk“ – was schlicht falsch ist, zumal Dobai bereits 1978 und 1988 bedeutende Publikationen zu diesem Thema herausgebracht hat. Auch das laut Weidinger „bisher weitgehend unbeachtet gebliebene Frühwerk Gustav Klimts“ wurde von sämtlichen „Säulen“ der Klimtforschung – besonders von Johannes Dobai in dessen Dissertation von 1958! – vor allem auch sehr tiefgehend beachtet.

Unter den einleitenden Aufsätzen fehlt die „große Erzählung“ von Klimts Leben – aus all den nur bruchstückhaft mitgeteilten, auch bei Nebehay nicht in eine zusammenhängend lesbare Form gebrachten Fakten bildet sich bis zuletzt kein umfassender Text heraus. Auch fehlt ein großer Beitrag über die Damenporträts – als Autor dafür wäre gewiss an Tobias Natter zu denken gewesen, der einst mit Agnes Husslein, Weidingers Chefin, glücklos um die Direktion des Belvedere gerittert hat.

Wenn auch hier nicht Platz genug ist, „in konsequenter, oftmals aufgestockter Form“ (eine witzige, wiewohl mir leider unverständliche Sprachschöpfung des Herausgebers) Weidingers Werk zu besprechen, hoffe ich dargelegt zu haben, dass es (mit Ausnahme der Beiträge echter Spezialisten) zumindest dem wissenschaftlichen Adressaten unzumutbar ist: Es wäre zweifellos der vornehmste Zweck einer solchen Publikation gewesen, ein übersichtliches, inhaltlich verlässliches Werkverzeichnis vorzulegen, das die vielfältigen und erhellenden Beiträge, die seit Dobais ?uvrekatalog erschienen sind, verarbeitet und zu würdigen im Stande ist.

Otmar Rychlik unterrichtet an der Universität für angewandte Kunst und veröffentlichte zuletzt das Buch „Gustav Klimt, Franz Matsch und Ernst Klimt im Burgtheater“.

ZUM BUCH

42 Zentimeter hoch ist der laut Prestel Verlag „luxuriöse Prachtband“ über Gustav Klimt, herausgegeben im Oktober 2007 von Alfred Weidinger, Vize-Direktor des Belvedere. Das „ausführlich kommentierte Verzeichnis sämtlicher Gemälde von Gustav Klimt“ umfasst 320 Seiten mit 150 Schwarzweiß- und 460 Farbabbildungen im Leinenschuber, Preis: 148 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2007)


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6 Kommentare
 
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Von Gast: Kontrovers am 31.10.2007 um 14:08

Der Neid ist......

.......ein Luder!
Hat Herr Rychlik doch in einigen (vergeblichen) versuchen es noch immer nicht geschafft, ein ähnliches Werk zu gestalten, versucht er jetzt andere Arbeiten schlecht zu reden!
Fest steht, hier wurde einer jungen, engagierten und zukünftigen Kunsthistorikerikerin eine Chance gegeben, so daß Herr Rychlik, schon etwas abgehalftert in seinen Ansichten nicht zum Zug kam - denn "wer fragt schon Rychlik?"

Von Gast: Guess who? am 31.10.2007 um 13:12

Jawollllllllll!

Da scheint sich einer wohl auf der seit Jahren dahinbrausenden Welle des Klimt-Hype eine goldene Image-Nase verdienen zu wolen.
Aus der Trickkiste: 1) Hole dir die wirklichen Experten ins Boot; diese werden sich hüten, dieses absaufen zu lassen. 2) Bedanke dich bei allen; das beeindruckt.
Statt eines Dankes hätte ich mir lieber ein professionelles Verhalten des Weidinger-Teams gewünscht.
Super Artikel!

Von Gast: ABK am 31.10.2007 um 12:54

Haxlbeisser

Die bei der Bestellung Hussleins zu kurz gekommenen Möchtegerns aus der "roten Angewandten" beissen wie gewohnt in die Waden der Karawane die weiterzieht. Vienna as usual!

Antworten Von Gast: Peterle am 31.10.2007 um 13:26

Re: Haxlbeisser

ja das stimmt, weiterziehen tut sie die Schröders und Weidingers Karawane: Aber wie die Lemminge ...

Von Gast: 2 Klio Klimt am 31.10.2007 um 09:50

AUUUUUUUA

das ging ja voll ins Gemächt.
Diesen Artikel möchte ich jenen "österreichischen Kunstkritikern" der Presselandschaft widmen, die das klimtsche "Weid(inger)werk so unreflektiert rezensiert haben. Gut dass es es noch einen Kritiker gibt der die Hintergründe WIRKLICH beleuchtet.
Danke für den Einblick in die schwarze Seele der heutigen Kunstgeschichtsschreibung...

Antworten Von Gast: Goldene Adele am 31.10.2007 um 13:48

Gut, aber ein paar Einwände habe ich da doch

Ich steh auch nicht auf Gold, auf Pseudo-Wiener Werkstätte-Styl oder auf Bücher die man mit einem Handkarren transportieren muss.

Aber:
1. Trotz der sträflichen Nicht-Nennung von Johannes Dobai, bin ich der Meinung, dass 30 neue Gemälde eine stattliche Anzahl sind, die ein neues Verzeichnis rechtfertigen.

2. Was die Arbeit zu den Landschaftsgemälden betrifft bin ich der selben Meinung wie Herr Rychlik. Was das Frühwerk betrifft, würde ich Herrn Weidinger beipflichten. Seit der Dissertation von Dobai in den 50ern! ist die Literatur zu diesem "unbedeutenden" Kapitel in Klimts schaffen meines Wissens eher spärlich.

3. Ich denke die "Würdigung" einzelner Kunsthistoriker erfolgt durch das Miteinbeziehen und Zitieren ihrer Forschungsergebnisse, und das wurde auch in diesem Buch gemacht.

Trotzdem hätte ich mir ein benutzerfreundliches, im Detail sorgfältiger recherchiertes Buch gewünscht, dessen Fokus auf dem Werkkatalog liegt.

 
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