Sie saßen zusammen bei Wein, schönen Weibern, noch schöneren Männern – und schöner Kunst. Gelegentlich erschien der Meister, brachte Schattierungen an, signierte. Man verstand sich prächtig, die Freunde, die Schüler – und der Chef. Wenn einer nicht malte wie er, flog er hinaus. An begierigen bzw. begnadeten Anwärtern herrschte kein Mangel...
Wie war es wirklich, damals im 15./ 16.Jahrhundert in Italien oder im 17. in Belgien, Holland? Wer kann es letztgültig sagen, war ja keiner dabei. Sicher ist, dass sich holländische Künstler bei den Italienern umgesehen haben. Vielleicht profitierten sie nicht nur von deren Kunst-Virtuosentum, sondern schauten sich auch von der Geschäftstüchtigkeit der Südländer gar manches ab. Was die Holländer und Flamen in Rom erlebten, davon handelt derzeit eine Ausstellung in der Galerie der Kunstakademie in Wien...
Prachtband für 150Euro
Die Kunstwelt wird unterdessen von einem Skandal erschüttert. Drei namhafte deutsche Kunstexperten publizierten beim noblen Taschen-Verlag einen Michelangelo-Prachtband: Sein Gesamtwerk für 150 Euro. Doch noch bevor das Buch seinen Weg auf die Gabentische der Villen zwischen Rom und Berlin finden konnte, erschienen in der „Times“ und in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) Artikel über möglicherweise massenhaft im Umlauf befindliche Kopien von Michelangelo-Zeichnungen.
Der deutsche Kunsthistoriker Lothar Sickel hatte 2006 das Verkaufsinventar des Michelangelo-Freundes und Sammlers Tommaso de' Cavalieri von 1580 entdeckt. Bisher hatte man angenommen, dass Cavalieri 100 bis 200 Michelangelo-Zeichnungen hatte. Leider waren es nur vier. Das könnte bedeuten, dass ein paar hundert Michelangelo-Zeichnungen in den wichtigen Museen und Privatsammlungen dieser Welt nur teilweise oder gar nicht von Michelangelo sind. Wie viele bleiben noch übrig von 650 bis 900? Vielleicht nur 200 oder 300?
Schuld an der Misere sind nun die Berichterstatter: „Das ist eine fürchterliche Sache!“, sagt Frank Zöllner, einer der drei Autoren des Michelangelo-Buches und Prof. in Leipzig. Der bekannt temperamentvolle Albertina-Direktor Klaus A. Schröder, der einen Michelangelo-Rückenakt aus der Wiener Grafischen Sammlung unter dem Titel „Achtung, dies könnte kein echter Michelangelo sein“ in der FAZ entdeckte, urteilte scharf über das neue Buch: Es sei ein „Machwerk“, ein „Rülpser“.
„Das muss er tun“, sagt Zöllner: „Aber Herr Schröder sollte die Sekundärliteratur lesen. In unserem Buch werden keine originären Forschungen wiedergegeben, sondern lediglich der Stand der Debatte. Sickels Entdeckung hat schon bisher von anderen Experten geäußerte Vermutungen bestätigt. Man hat nicht auf sie gehört. Mir tut es ja auch leid. Man möchte nicht diese ganzen Zeichnungen verlieren.“ Keinesfalls dürfte man von „Fälschungen“ sprechen. Vielmehr handelt es sich um Zweifel oder, wie der vornehmere Fachausdruck lautet, um Zu-oder Abschreibungen, wie sie in der Branche üblich sind. Eine der prominentesten Untersuchungen der jüngeren Zeit auf diesem Gebiet ist das Rembrandt-Research-Project.
Dessen Forscher, die mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiteten, ordneten 1986 den berühmten „Mann mit dem Goldhelm“ aus der Berliner Gemäldegalerie einem Schüler Rembrandts zu. Auch einige Bilder im Kunsthistorischen Museum in Wien ereilten Abschreibungen. Das Rembrandt-Research-Project lief über Jahrzehnte. Der Bestand von Rembrandt-Gemälden schrumpfte, von 600 auf 300 bis 350. Bei den Zeichnungen war der Schwund noch nachhaltiger: Von 1500 blieb bloß ein Drittel.
Bei Verkauf von Kopien herbe Verluste
Von der „Presse“ befragte Kunstexperten sagen: Zu- und Abschreibungen seien vor allem für den Handel ein Problem. Wenn ein Bild oder eine Zeichnung verkauft wird, kann der Wertverlust bei „Abschreibungen“ beträchtlich sein. Den Museen ist das eher egal. Im KHM wird auf die Rembrandt-Abschreibungen nicht einmal hingewiesen.
Das Tauziehen zwischen Expansionisten, die großzügig mit Zuschreibungen sind, und Puristen, die auf Eigenhändigkeit pochen, ist fast so alt wie die Kunstgeschichte selbst. Von Schiele z.B. soll es massenhaft Fälschungen geben, um den Markt zu täuschen. „Michelangelos Fresken für die Sistina sind zweifelsfrei von ihm. Das ist durch hunderte Quellen belegt. Trotzdem wurden sie verändert – und trotzdem stehen und standen die Leute seit jeher davor und riefen: ,Ah!‘“, so ein Kunsthistoriker trocken.
Den Vorwurf der Sensationshascherei weist Buch-Ko-Autor Zöllner zurück: „Wir waren völlig überrascht von den Artikeln.“ Es handle sich, anders als Schröder vermutete, auch nicht um einen Marketing-Gag des Verlages: „In der Verlagsankündigung war von dem Thema gar nicht die Rede“, sagt Zöllner: „Uns ging es darum, das Gesamtwerk analytisch-kritisch zwischen zwei Buchdeckel zu klemmen, konträre Forschungspositionen gegeneinander ins Rennen zu schicken. Wenn man die objektiv abwägt, haben die Zweifler gewonnen. Es können nicht so viele Zeichnungen Michelangelos im Umlauf sein. Das sind die Fakten.“
Der bedeutendste Repräsentant der italienischen Hochrenaissance (1475-1564) arbeitete für Medici und Päpste, in Bologna, Florenz, Rom. Bekannte Werke: Jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kapelle in Rom, David (Florenz), Moses, Bacchus.
Rund 100 Zeichnungen in der Albertina werden dem Kreis von Michelangelo zugeschrieben, zehn sind Originale. Letzte Ausstellung: „M. und seine Zeit“, 2004.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2007)

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