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Kritik: Staatsoper: Gewissensqualen eines Zaren

06.12.2007 | 18:23 |   (Die Presse)

Überzeugendes Debüt: Sebastian Weigle dirigiert „Boris Godunow“.

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Wie er sich windet und ächzt! Unkontrolliert zucken die Beine, die Haut der Arme muss vom nervösen Kratzen durchgescheuert sein. Filmreif schließlich, wie er sich beim finalen Herzkasperl das Hemd aufreißt: Wenn Ferruccio Furlanetto die Gewissensqualen des Boris Godunow erleidet, ist das großes Kino. Kein aufbrausender Despot, ein dünnhäutiger Emporkömmling, durch dessen Inneres schon bei der Thronbesteigung düstere Ahnungen wie Maden wühlen. Seine Tat – die Ermordung des legitimen Thronfolgers – hängt wie Blei an der Krone.

Gleichzeitig wird gerade an Furlanetto die Schwäche dieser Aufführung deutlich: Was an darstellerischen Impulsen kommt, entspringt offenbar individuellem Vermögen, von ordnender Regiehand ist wenig sichtbar, obwohl die Produktion erst ein halbes Jahr alt ist und in einigen Schlüsselpositionen die Premierenbesetzung am Werk ist. Gewohnt souverän zeigte sich etwa Robert Holl (Pimen), dessen wohltönender Bass auch in der Höhe zu schmeicheln wusste.


Weiblicher Wirbelsturm

Ein überzeugendes Rollendebüt gibt Elisabeth Kulman als Marina: Wie eine Naturgewalt kommt sie über die Bühne, die ihr raumgreifend kraftvoller und zugleich nuancierter Mezzo binnen Tönen in Besitz nimmt. Marian Talaba bemüht sich als Grigori redlich, kommt aber weder stimmlich noch darstellerisch gegen diesen weiblichen Wirbelsturm an. Profil gewinnt dieser Grigori so wenig wie der blasse, gleichwohl vokal ansprechende Schuiski von Jorma Silvasti. Von ganz anderem Intrigen-Holz ist da Boaz Daniel (Rangoni) geschnitzt, der für einen Jesuiten auffallend viel über Verführung weiß.

Die wichtigste Neuerung spielte sich im Orchestergraben ab: Sebastian Weigle stand erstmals bei Boris am Pult und bestach durch ein angenehm subtiles Dirigat. Weigle hat hörbar Sinn für die Zwischentöne dieser Partitur. Und er nimmt Impulse von der Bühne auf, wie der berückende Dialog des Orchesters mit Holl bei dessen zweitem Auftritt deutlich machte. Übrigens: Die größte Anomalie der aus mehreren Fassungen collagierten Wiener Hybrid-Variante, das Nebeneinander von Basilius-Kathedralen- und Revolutionsbild, wurde durch das Streichen des ersteren beseitigt. hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2007)

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1 Kommentare
pimen
06.12.2007 21:08

Mangelende Kompetenz

Es ist schon erstaunlich, wie wenig komptent manche Presse-Kritiker sind. Die Mischfassung ergab sich nicht aus dem Nebeneinander von Revolutionsbild und Basiliuskathedrale (dieser Praxis folgte auch Abbado) sondern aus der Mischung von Ur- und Originalfassung im 2. Akt. Die Streichung der Basiliuskathedrale nimmt dem Werk viel an Sinn, weil die zentrale Begegnung zwischen Boris und dem Gottesnarren nun weg fällt. Stand der angekündigte Daniele Gatti vielleicht wegen dieses Strichs nicht am Pult? Sebastian Weigle hatte offenbar weniger künstlerische Skrupel. Übrigens: Durch den Strich der Basilius-Kathedrale kam auch der Kinderchor um seinen Auftritt, wurde aber trotzdem am Abendplakat genannt. Dieser Widerspruch ist dem Presse-Kritiker offenbar nicht aufgefallen.

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