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Strudlhofstiege: Das Vorspiel ist irrsinnig lang

20.12.2007 | 14:25 |  Von Christina Böck (Die Presse - Schaufenster)

Heimito von Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" steht jetzt im Mittelpunkt eines Hörspiels und einer Theaterversion ¿ und zwar unabhängig voneinander. Eine Doppelconference mit den jeweiligen Machern, Daniela Kranz und Helmut Peschina.

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Doderer im Trend: Sein berühmter Roman „Die Strudlhofstiege“ ist innerhalb weniger Tage sowohl im Radio als Hörspiel als auch im Schauspielhaus als theatralische Serie zu sehen. An der Hörspielfassung hat Helmut Peschina ein Jahr lang allein gearbeitet, Daniela Kranz hat im Schauspielhaus ein Team von zwölf Regisseuren, die jeweils eine Folge übernehmen. Das Hörspiel kann mit 38 Sprechern auftrumpfen, die Theaterfassung muss sich auf vier Schauspieler beschränken. Das Schaufenster brachte die zwei Experten an einen Tisch, im Park des Palais Liechtenstein, also sozusagen mitten im Geschehen der „Strudlhofstiege“. Und die beiden lieferten sich eine fröhliche Doppelconference über Figurenwahnsinn, Orientierungslosigkeit und Heimitismus – und das mit nur ganz leichten Zügen der Besessenheit ...

Wie oft haben Sie die 909 Seiten der Strudlhofstiege gelesen?

Kranz: Im Prinzip hab ich‘s zweimal so richtig komplett und in einzelnen Passagen natürlich öfter gelesen.
Peschina: Ich hab‘s auch zwei- bis dreimal ganz gelesen. Im Ganzen kommt man sicher auf fünfmal. Ich komm aber immer noch auf was Neues drauf.

Was passiert, wenn man sich so richtig reinfallen lässt in so ein Buch?

Peschina: Bei mir war es zuerst einmal, wie soll man sagen, Orientierungslosigkeit.

Kranz: Man muss ja auch mal das Tempo von dem Buch aushalten. Details bekommen plötzlich eine Ausführlichkeit, wie die fallende Kaffeekanne, die sich beinahe fast jetzt aber doch in dem Schal verheddert oder solche Sachen. Ich liebe das, aber wenn man auf Handlungsstränge wartet, und plötzlich wird wieder eine neue Figur eingeführt, ist das sehr verwirrend. Man kriegt dann mit der Zeit Überblick über diesen Figurenwahnsinn.

Peschina: Man muss Geduld haben.

Kranz: Am Anfang habe ich mir Schumann-Musik aufgedreht, um mich zu konzentrieren.

Wie soll die Serie im Schauspielhaus ausschauen?

Kranz: Die Aufgabe ist nicht, ein Schmuckkästchen für die Doderer-Sprache zu bauen. Insofern finde ich es sehr schön, dass Serie und Hörspiel parallel stattfinden, denn natürlich trauert man um jeden Satz, den man rauskürzen muss. Wir haben uns beschränkt auf vier Figuren, deren Geschichten auf jeden Fall erzählt werden sollen. Das ist Edita plus ihre Zwillingsschwester, das ist Melzer, das ist René Stangeler und das ist Etelka. Es gibt immer einen Titel, der stammt aus dem Text, eine Zeile oder zwei Worte, die ein Klima vorgeben, die aber wie im Boulevard, nicht unbedingt den Kern des Ganzen treffen müssen. Die erste Folge heißt „Schöne Beine“

Peschina: „Als Mary K. noch schöne Beine hatte“, so fängt der Roman an. Die hat dann einen Unfall und verliert das rechte Bein.

Kranz: Es gibt auch eine Folge, die heißt „Zarte Wäsche“, oder einer meiner Lieblingssätze ist „Liebe ist die schwankende Deklination vom anderen Pole“.

Peschina: Wunderbar! Die Sprache ist ein Wahnsinn.

Kranz: Oder von „Champagner ins Blut“ gibt es eine Folge, dann gibt es „Rendezvous im Badezimmer“.

Peschina: Das ist dieser Skandal in der Villa, wo die die Party haben. Mit dem Kuss.

Kranz: Genau.

Peschina: (lacht) Mit so etwas kann ich nicht dienen.

Kranz: Es gibt so wunderbare Titel: „Über das Bezwingen alkoholischer Quantitäten“ oder „Die Hühnerleiter formloser Zwecke“. „Die zimperliche Welt der Patisserie“. Man möchte da doch Bilder dazu sehen! Oder „Die Orgie der Süßigkeiten“. „Rosenpopo“ heißt auch eine Folge.

Peschina: Wenn ich das höre, weiß ich genau, wie es inszeniert ist. Ein fast trashiger Umgang mit dem Roman. Beim Hörspiel ist der Umgang ganz anders.

Traditioneller ...

Peschina: Ja, das Nicht-Traditionelle ist dann die Inszenierung, aber die Arbeit ist ein total literarischer Zugang. Der Kniff, den ich gemacht habe, sind zwei Erzähler. Ein Erzähler, das ist der Peter Matic, der die Handlung vorantreibt. Und dann ein zweiter Erzähler, der Peter Simonischek, der reflektiert. Der zeigt das Innenleben. Und sonst haben wir natürlich die Personen. Ich glaube, wir haben 38 Rollen im Ganzen.

Kranz: Das können wir uns natürlich nicht leisten.

Peschina: Uns fehlt dafür das Bild, wir haben nur den Ton, Geräusche und Musik. Die ist von Kurt Schwertsik komponiert, und da haben wir versucht, die verschiedenen Zeiten musikalisch zu zitieren. Der Kurt Schwertsik hat uns Musik gemacht, ich sage immer: vor Schönberg und nach Schönberg. Vor dem Krieg die klassische Musik und dann die Wiener Moderne.

Ist das Zufall, dass die Strudlhofstiege jetzt sozusagen gehäuft entdeckt wird?

Peschina: Bei mir war das ein Auftrag von Hamburg, der Abteilungsleiter Hörspiel, der ein großer Doderer-Fan ist, hat mich gefragt, ob ich mich an die Strudlhofstiege traue. Ich habe gleich nach dem ersten Lesen zugesagt. Dann bin ich draufgekommen, dass die Zusage haarig war.

Kranz: Den gleichen Vorgang kenne ich auch (lacht).

Peschina: Irgendwann hab ich mir gedacht, wie schaff‘ ich das, vor allem, wenn ich werktreu bleiben muss. Aber wenn man einmal angefangen hat zu streichen, dann bröckelt die „Majestät Text“ ein bisschen ab. Kann sein, das der Hörer nicht immer ganz mitkommt. Aber das war mir dann schon völlig wurscht, weil die Sprache so schön ist.

Kranz: Das ist aber auch Stilprinzip, dass man sich da verliert. Da hört man erst von Mary K. und dann wird endlos über Grete Siebenschein geschrieben und man denkt, was ist das denn, ich will wissen, was mit Mary K. los ist!

Peschina: Die taucht erst 500 Seiten später wieder auf. Für das Schauspielhaus ist die Strudlhofstiege ja naheliegend im wahrsten Sinn des Wortes. Das hätte ja sonst ich empfohlen, wenn sonst niemand draufgekommen wäre ...

Kranz: Ja, das war ja der Plan. Man zieht in ein neues Haus ein und schaut, wer sind die Nachbarn.

Peschina: (packt ein Buch aus) Haben Sie das? „Henner Löffler, Doderer-ABC. Lexikon für Heimitisten“. Da sind alle Figuren drinnen, alle Schauplätze. Es gibt ja auch Strudlhofstiegen-Wienführungen von der Doderer-Gesellschaft ...

Da reisen dann die Heimitisten an ...

Peschina: Ja, das gibt’s alles. Eine gute Freundin von mir liest das Buch jeden Sommer, seit 20 Jahren.

Kranz: Ich infiziere gerade auch meine Umgebung.

Peschina: (packt seinen Roman aus) Jetzt zeig ich Ihnen noch meine Strudlhofstiege.

Kranz: Na sie haben aber sehr ordentlich gearbeitet.

Peschina: Ja schon gell.

Kranz: Mein Roman ist bunter ...

Peschina: Da steht jetzt zum Beispiel: „Kürzen“. Naja, ja. Ein Monolog ...

Kranz: Es ist ja wenig Handlung – fürs Theater ist das natürlich auch die Herausforderung. Eine meiner Lieblingsszenen ist: Die gehen im Wald spazieren ...

Peschina: Oben auf der Rax, oder?

Kranz: Ja, René und Edita, er knöpft ihr das Sporthemd auf und sie sinkt hin, tut einen kurzen Schrei und es heißt nur kurz: Und sie umklammerte ihn nicht nur mit ihren Armen. Punkt. Dieses Unverhältnis von langen Landschaftsbeschreibungen und dann kommt der Akt und der ist nur ein Satz.

Peschina: (lacht) Man könnte sagen, das Vorspiel ist irrsinnig lang.

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