Als die Erde noch „Teegeeack“ hieß

Religion als postmoderne Collage: Scientology vermischt Science-Fiction-Fantasie mit Psycho-Slang.

Das Universum besteht aus Materie, Energie, Raum und Zeit. Das sagt die 1952 von L.Ron Hubbard gegründete Scientology Church, und das können Vertreter eines sogenannten wissenschaftlichen Weltbilds noch irgendwie unterschreiben. Dazu kommt allerdings, sozusagen als fünfte Essenz, eine Art von Seelen, die unsterblichen „Thetane“, die wenige Minuten nach der Geburt eines Menschen seinen Körper „nehmen“, die aber auch körperlos existieren können.

Diesen Thetanen gilt der Erlösungsplan der Scientologen, und sie sind zentrale Figuren im Mythos dieser Kirche, dem man deutlich anmerkt, dass Gründer L. Ron Hubbard (1911 bis 1986) zuerst ein Science-Fiction-Autor war. Ein höchst produktiver: Er soll 220 Romane verfasst haben, dazu kommen zirka 100 „Sachbücher“.

In seiner „Geschichte der Menschheit“ erzählt Hubbard, wieso die Thetane heute so missachtet werden. Vor Jahrmillionen beherrschte ein gewisser Xemu eine Föderation von Planeten, darunter die Erde, die damals „Teegeeack“ hieß. Der böse Xemu versammelte alle Planetenbürger, vorgeblich zur Steuerprüfung, fror sie aber stattdessen ein und verfrachtete sie zur Erde, um sie mit Wasserstoffbomben zu töten. Ihre Thetane wurden eingefangen und manipuliert – sodass sie vergaßen, dass sie einst allmächtig, allwissend und unsterblich waren.


Das E-Meter misst den Seelenzustand

Diese verblendeten Seelen (respektive ihre menschlichen Träger) will Scientology nun befreien, in einen „Clear“-Status überführen, bis sie – nach acht „Operating Thetan“-Stufen – nicht mehr an Materie, Energie, Raum und Zeit gebunden sind. Zur Erreichung von „Clear“ dient u.a. ein „E-Meter“, dessen Elektroden der Klient beim „Auditing“ in den Händen hält: Die Ausschläge sollen auf „Engramme“ (ungefähr: unverarbeitete Erlebnisse) deuten.

Das klingt nach durchgedrehtem Physiker, ein großer Teil der scientologischen Literatur ist aber in einem anderen, milden Tonfall geschrieben, der an esoterische Randformen der Psychotherapie erinnert. So hält die Österreich-Homepage von Scientology fest, „dass der Mensch im Grunde gut ist, und dass seine Erlösung von ihm selbst und seinen Mitmenschen abhängt und davon, dass er ein brüderliches Verhältnis mit dem Universum erreicht“. Dieses soll auch ein „Purification Rundown“ fördern, mit Sauna, Leibesübungen und Vitaminpräparaten. Psychopharmaka allerdings lehnen die Scientologen strikt ab.

Typisch ist die Melange aus Bekenntnissen zur „Spiritualität“ und wissenschaftlichem Anspruch, mit dem eben auch Funktionieren versprochen werden kann: Scientology stelle „eine exakte Route zur Verfügung“, heißt es, „um mit absoluter Sicherheit spirituelle Verbesserung im Hier und Jetzt zu erreichen“. Die spirituelle darf dabei mit materieller Verbesserung einhergehen: Die „Church of Scientology International“ vermarktet Produkte (z.B. das E-Meter) und Kurse durchaus gewinnorientiert. Dabei gibt sie sich liberal: „Scientology respektiert alle anderen Religionen“, heißt es und: „Anders als die Religionen jüdisch-christlichen Ursprungs hat Scientology keine Dogmen bezüglich Gott aufgestellt.“ Ihre eigene Begriffsklärung: „In Scientology wird der Begriff Gott als Achte Dynamik ausgedrückt – das Streben zum Dasein als Unendlichkeit oder Ewigkeit, von der man Teil ist.“ tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2008)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Als die Erde noch „Teegeeack“ hieß

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen