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Wie sicher ist der Friede in Europa?

13.03.2008 | 17:10 | VON DIMITRÉ DINEV (DiePresse.com)

Dimitré Dinev zum Gedenken an den "Anschluss" des Burgtheaters am 12. März 1938: Wie Menschen in eine Bedrohung jenes Friedens verwandelt werden, den sie hofften hier zu finden.

Die folgende Rede "Wie sicher ist der Friede in Europa" hielt der aus Bulgarien stammende, in Wien lebende Schriftstellers Dimitré Dinev bei der Veranstaltung "Die Rückkehr in ein neues Reich" zum Gedenken an den "Anschluss" des Burgtheaters am 12. März 1938:

 

"Ich bin eingeladen worden, heute bei dieser Veranstaltung zu reden, eine Veranstaltung in deren Titel folgende Worte vorkommen: Sicherheit, Europa, Frieden. Jeder dieser Begriffe ist fast so alt wie die Welt. Jeder ist bereits ein Mythos. Über jeden von ihnen kann man ein Märchen oder eine Geschichte erzählen oder eine Diplomarbeit schreiben. Man könnte sogar ein Wahlprogramm mit ihnen beginnen oder seine Kinder nach ihnen benennen, denn viele von uns sind auch Kinder der Sicherheit, Kinder des Friedens, Kinder Europas. Wenn nicht im geografischen oder ökonomischen, dann wenigstens im geistigen Sinne.

Jede Frage nach dem Frieden ist sogleich eine Frage nach der Zukunft. Wenn man in Bulgarien etwas über die Zukunft erfahren will, wendet man sich für gewöhnlich an eine Wahrsagerin und nicht an einen Schriftsteller. Und diese Möglichkeit haben sich nicht mal die größten Atheisten unter den Kommunisten entgehen lassen, denn Marx hatte nur das Ende der Geschichte prophezeit, aber was danach kommen würde, haben sie auch gern wissen wollen und sei es auch so klein, dass es auf dem Boden einer Kaffeetasse Platz finden könnte. Es ist sehr schmeichelhaft, dass man Schriftstellern prophetische Fähigkeiten zutraut. Es liegt vielleicht daran, dass man Politikern kein Wort mehr glauben kann. Es ist eine Zeit eingetreten, in der keiner mehr für seine Sätze bürgt. Die Sprache ist in Misskredit geraten, Politik und Moral sind getrennte Wege gegangen. Der Grund, warum man von Schriftstellern prophetisches Gespür erwartet, liegt nicht so sehr darin, dass ihre Worte wahrhaftiger wären, sondern dass die Kunst über die besseren Mittel zur Täuschung verfügt als die Politik.

Es begann mit einer Glocke. Es war keine Kirchenglocke, denn in den Zeiten des realen, später des reifen Sozialismus waren alle Kirchenglocken so gut wie verstummt. Sie läuteten zwar immer wieder, aber ihr Läuten sagte uns Kindern des dialektischen Materialismus gar nichts, außer dass sie nicht mehr Gottes Stunden auf Erden, sondern jene seiner Abwesenheit zählten. Nein, die Glocke, die ich meine, war eine Schulglocke. Es war das erste Schuljahr meines Lebens. Wir lernten schreiben. Im Bulgarischen wie auch in vielen anderen slawischen Sprachen beginnt das Wort Frieden mit dem Buchstaben M. Es heißt Mir. Man lernt es schreiben gleich nachdem man das Wort Mama schreiben gelernt hat und dieser Zusammenhang bleibt ein Leben lang im Bewusstsein haften. Natürlich gab es dazu auch das passende Gedicht, das wir gewöhnlich zum achten März vor unseren Eltern aufsagten. „Mit M beginnt das Wort Mama, mit M beginnt das Wort Mir..." Mit M begannen auch viele andere Worte wie Moskau zum Beispiel, und wem das damals auch noch dazu einfiel, der wurde extra belohnt. In unserer Vorstellung war der Frieden für jedes Land so etwas wie die Muttermilch für den Säugling. Er war von der Muttermetapher nicht mehr zu trennen. Es gab nichts Erstrebenswerteres. Noch bevor wir genau wussten, was der Frieden war, begehrten wir ihn. Wie weit das ging, zeigt die Tatsache, dass die meisten von uns sich von Großvater Frost (so hieß der kommunistische Weihnachtsmann) den Frieden wünschten, was unsere Klassenleiterin mit Stolz erfüllte und unseren Eltern den Geschenkkauf ersparte.

Ich weiß nicht, ob es an der Etymologie des Wortes lag, denn Mir bedeutet im Slawischen genauso Welt, oder an der kommunistischen Ideologie, aber der Frieden wurde immer als eine globale Sache gedacht. Er betraf die ganze Welt. Frieden bedeutete zugleich Weltfrieden und Frieden konnte man einzig und allein in dieser Welt finden, denn es gab kein Jenseits. Natürlich würde der richtige Frieden erst dann eintreten, wenn der Imperialismus besiegt war und die Diktatur des Proletariats sich über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Ich werde nie vergessen, wie unsere Lehrerin ein paar Jahre später das Klassenzimmer betrat, mit einer uns noch unbekannten Stimme sagte, dass gerade China unser Bruderland Vietnam angegriffen habe, und sich eine Träne aus den Augen wischte. Niemand wollte sie weinen sehen, alle wollten den Frieden. Wir waren seine Kinder und er unsere zweite Mutter geworden. Natürlich gab es auch die Väter, die Kämpfer für den Frieden, die Garanten des Friedens. Sie hingen an den Wänden, schauten uns zuversichtlich an, verfolgten jeden unserer Schritte. Der Genosse Shivkov, der Genosse Breshnew. Doch der größte Held war der Genosse Dimitroff. Er war bereits ein Mythos. Der Held des antifaschistischen Widerstands, der Held vom Reichstagsbrandprozess, der einzige Kommunist, der in einem öffentlichen nationalsozialistischen Gericht als Sieger hervorgegangen war und dessen Rededuell mit Göring im Gerichtssaal die ganze Welt fasziniert hatte. Sein Bildnis lächelte uns von überall an. Sogar von den 10 und 20-Leva-Scheinen, den größten die es damals gab. Mit Dimitroff in der Tasche war man schon wer. Für einen solchen Dimitroff öffnete sich auch jedes Herz. Und jedes Mal wenn man zahlte, erlebte man von neuem den Sieg über den Faschismus. Und man erwartete, es eines Tages mit demselben Schein auch dem Imperialismus und dem Kapitalismus heimzuzahlen.

Im Gymnasium hatten wir ein Fach, das sich Militärbildung nannte. Es gab auch ein Zimmer dafür. Es war wie jedes andere Schulzimmer, nur dass man darin schießen konnte, natürlich nur mit Luftdruckgewehren. Was wir dort unter anderem lernten, war, wie man sich bei einem Atomangriff verhält. Das gehörte zum Unterrichtsstoff, so wie Geschichte, Geografie, Literatur, Mathematik, Physik. Man lernte die Bestandteile einer Atombombe, die Phasen der Detonation und ihre Auswirkung, so wie man 2x2 gelernt hatte. Und wer den Unterricht nicht ernst genug nahm, lief bald in voller chemischer Schutzausrüstung um die Schule herum. Unser Lehrer war ein Oberst. Wie sehr er alles Faschistoide verabscheute und wie sehr ihm der Weltfrieden am Herzen lag, bezeugt folgende Geschichte. Der Oberst trug gern Sonnenbrillen. Er nahm sie sogar beim Unterricht selten ab, so sehr liebte er sie. Eines Tages sagte ihm einer der wenigen männlichen Lehrerkollegen an der Schule, dass er mit diesen Brillen wie Pinochet aussehe. Das traf ihn so tief, dass er seitdem nie wieder mit diesem Kollegen sprach, sehr wohl aber mit dessen Frau, mit der er anschließend eine Affäre hatte. Böse Zungen erzählten, dass sie bei ihren Liebesspielen oft von ihm verlangte, die Brille aufzulassen.

In dieser Zeit haben wir gelernt, dass wir zwar im Frieden lebten, dieser Frieden aber jederzeit gefährdet werden konnte, solange es den Imperialismus gab. Der einzige Garant dieses Friedens war also eine große und starke Armee. In jenen Zeiten wurden auch Ausdrücke geboren wie „die persönliche Freiheit und den Frieden stärken". Man behandelte beide Begriffe als ginge es um Muskeln, und die Organe, die sich am besten dazu eigneten sie zu stärken, waren natürlich die Miliz und die Armee. Die Miliz kümmerte sich um die Freiheit, die Armee um den Frieden. Und da es keinen Frieden ohne Opfer gab, war es die Pflicht jedes bulgarischen Schulabsolventen zwei Jahre seiner persönlichen Freiheit zu opfern um in der Volksarmee zu dienen und so einen aktiven Friedensbeitrag zu leisten. Der einzige Nutzen, den dieser Dienst in Bezug auf Frieden hatte, war der, dass nach diesen zwei Jahren die meisten Rekruten so angewidert von dem Drill in der Armee waren, dass sie nie wieder freiwillig eine Militäruniform anziehen wollten. Aber ich bezweifle sehr, dass unsere damaligen Ideologen das bewirken wollten.

Was aber die Kommunisten durch ihre Dialektik schafften, war, das Böse vollkommen zu entmystifizieren. Kein obskures Ritual konnte es auslösen, keinen magischen Prinzipien war es mehr unterworfen. Es war stets eine Handlung, eine Beleidigung, die der Mensch dem Menschen antat. Demzufolge steckte in jeder Beleidigung eine Bedrohung des Friedens.

Mit dieser Überzeugung und der Bereitschaft den Beleidigten jeder Zeit zu Hilfe zu eilen wuchsen wir auf.

Frieden ist das Wort, dem ich, seit ich in Österreich bin, am häufigsten auf Friedhöfen begegne. Es ist das Wort danach, das Wort nach dem Unglück, nach der Katastrophe, die Abwesenheit der Gewalt durch die Abwesenheit jeder Handlung, die Passivität schlechthin. Ich soll darüber schreiben, wie sicher der europäische Frieden ist, dabei bin ich mir nicht mehr sicher, was genau Europa ist. Wo beginnt es, wo endet es? Beginnt es an einem Ort oder im Denken, ist es nur ein Mythos? Und von wo schaut man, wenn man Europa sagt? Gehören alle seine Soldaten, die über die Welt verstreut sind, dazu? Was ist mit der Türkei, mit Russland?

Der letzte Krieg ist nicht lange her und Europa hat sich nicht gerade mit Ruhm bedeckt. Sein Versuch Frieden zu stiften, ist fehlgeschlagen. Es hat versagt. Es kam sogar noch schlimmer. Denn während die vom Krieg vertriebenen Menschen an seine Türen klopften, wurden die Rechtsparteien stärker und die Aufenthaltsgesetze strenger. Der Europäer hat sich so verhalten, als ob dieser Krieg gar nicht in Europa stattfände, als ob er ihn gar nichts angehe. Die Fähigkeit zu verdrängen hat in Europa lange Tradition. Europa schläft lieber auf seinen Konten, die Träume von der Zukunft den Banktresoren anvertraut. Ihr sehnt euch nach Frieden, aber von unserem Frieden wollen wir euch nichts abgeben, verkündet der Europäer allen Menschen, die ihr Leben riskieren um hierher zu kommen. Doch den Frieden kann man nicht besitzen. Er ist kein Gegen-, sondern ein Zustand.

Im Unterschied zum Frieden, begegne ich dem Wort Sicherheit tagtäglich. Ich lese es in Zeitungen oder auf Plakaten, die die Haltestellen zieren. Denn mit der Sicherheit lässt sich viel leichter Politik machen als mit dem Frieden. Es ist ein sehr praktisches, ein sehr dankbares Wort. Es lässt sich endlos ausdehnen. Sogar ganze totalitäre Gesellschaften können sich dahinter verstecken. Wenn man das Wort Sicherheit in einem Land wie Österreich verwendet, an wen wird da appelliert? Worum soll der Österreicher Angst haben? Um seinen Besitz? Um seinen Arbeitsplatz? Von wem wird er eigentlich bedroht? Von den Arbeitslosen? Von den Fremden? Oder vom Kapitalismus selbst? Von jenem System also, in dessen Namen er geschützt wird und das hauptsächlich von seinen Ängsten profitiert. Das Wort Sicherheit ist kein Frieden stiftendes Wort. Es ist ein Wort, das ausschließt. Es ist ein Wort, das trennt. Es trennt zwei Gesellschaften, aber auch die Individuen einer und derselben Gesellschaft. Der Frieden dagegen sucht immer die Vereinigung. Das eine richtet sich an die Habenden, das andere an die Seienden. Das eine bezieht sich vor allem auf die Dinge, das andere auf die Menschen. Doch die Dinge haben keine Identität. Sich in einem Land wie Österreich für die Sicherheit zu entscheiden, bedeutet, einen rein materialistischen Weg zu gehen. Der Weg des Friedens dagegen ist ein geistiger. Wie lautet die schöne Devise: Jeden Gegenstand verachten, jeden Menschen lieben. Der Europäer setzt aber immer mehr auf die Wirtschaft, auf die schnellen Gewinne als auf die Bildung, auf die Jugend. So setzt er seinen philosophischen Rang aufs Spiel, der ihm eigentlich seinen Frieden sichern sollte. Das europäische Gewissen lebt nicht im Frieden. Viel zu oft hat der Europäer das soziale Versagen seiner Wahrheiten erlebt. Oder hat er ein schlechtes Gewissen weil er wie ein Besitzender wählt? Wenn man vom Frieden spricht, meint man dann nur das Ende der politischen Gewalttätigkeiten oder auch das Ende der sozialen Gewalttätigkeiten? Sind sie voneinander getrennt? Wie sicher kann ein Frieden sein, in dem die sozialen Probleme ungelöst bleiben?

Wo schlafen die bösen Geister, die uns Europäer in der Entwicklung immer zurück werfen? Die uns jederzeit in Nationalisten und Chauvinisten verwandeln können. Verstecken sie sich nicht in jenen Worten, die wir neben Mutter und Vater schreiben lernen? Verstecken sie sich nicht in diesen zahllosen schönen Pflanzenmetaphern, die uns an einen Ort binden oder wie Emmanuel Levinas es wundervoll formuliert hat: das Eingepflanzt-Sein in eine Landschaft, die Verbundenheit mit dem Ort, eben dies ist die Spaltung der Menschen in Einheimische und Fremde. Gefährlich ist dieses Beschwören der Geister eines Ortes. Denn der Mensch ist keine Pflanze, er bewohnt die Erde ganz anders. Der Mensch entdeckt die Menschen bevor er die Landschaften und die Städte entdeckt. Er ist in einer Gesellschaft heimisch bevor er in einem Haus heimisch ist.

Was garantiert uns den Frieden? Ein Vertrag? Eine Armee? Die besseren Waffen? Steckt der Schlüssel zum Frieden nicht vielmehr in der Überwindung jener Metapher, die die Geister des Ortes beschwören? In jenen Worten, die die Kinder auf die Seiten ihrer Hefte zu bändigen versuchen. Wie lange braucht der Geist noch, um jenen Schritt der Evolution nachzuvollziehen, den die Natur längst vollzogen hat, indem sie aus Pflanzen Menschen gemacht hat?

Die Zeugen des letzten Weltkrieges werden alt, sterben aus. Doch jene, die den letzten Krieg auf europäischem Boden erlebt haben, sind noch jung. Viele leben unter uns. Man könnte sie ansprechen, mit ihnen reden und schon würde man mehr über Krieg und Frieden erfahren, als je in einem Buch geschrieben wurde. Aber nur wenige tun es. Man fühlt sich nicht verantwortlich. Weder für den Krieg, vor dem sie geflohen sind, noch für den Frieden, den sie suchen. Man will nicht einmal ihre Namen wissen. Man vertraut weiterhin lieber den Zeitungen. Man übergibt die Verantwortung lieber den zuständigen Behörden. Der Apparat soll sich darum kümmern. Er soll entscheiden, ob es für sie einen Platz in der Gesellschaft gibt. Und der Apparat kümmert sich, so wie sich eben Apparate um Menschen kümmern. Man nimmt ihre Fingerabdrücke, man überprüft jedes Wort, das sie sagen und jede Narbe an ihrem Körper, als ob sich Leid in Worten und Narben messen ließe. Man erlässt Gesetze, die ihnen den Aufenthalt und die Integration in die Gesellschaft nur erschweren. Man verbietet ihnen zu arbeiten. Manche steckt man in Schubhaft. Man behandelt sie so, als ob sie eine Bedrohung für die Gesellschaft wären. Und bald ist die Verwandlung vollzogen. Es geschieht so schnell, dass sie eine Weile brauchen, bevor sie begreifen, dass man sie selbst in die Bedrohung jenes Friedens verwandelt hat, den sie gehofft hatten hier zu finden. Und die Gesellschaft hat meistens nur Verachtung und Beleidigungen für sie übrig. Aber sie sind geduldig. Sie sind so froh, dem Krieg oder einem unvorstellbaren Elend entkommen zu sein, dass sie bereit sind, jede soziale Gewalttätigkeit über sich ergehen zu lassen. Sie haben Meere und Wüsten und Berge durchquert, manchmal sogar die halbe Welt. Sie haben ihr Leben riskiert, um ein wenig Frieden zu finden. Sie sind eben mit wenig zufrieden. Manchmal wird jemand auf der Straße verprügelt oder in einer Schule. Manchmal wird ein Asylantenheim angezündet oder es brennen die Autos in den Pariser Vororten. Aber was soll´s. Das sind nur kurze Albträume im tiefen europäischen Friedensschlaf.

Ich bin eingeladen, über den Frieden zu reden, dabei gehöre ich selbst zu jener Gruppe, die als Bedrohung jenes Friedens angesehen wird. Der Gruppe der Migranten, der Fremden, der Ausländer. Lange Zeit war der einzige Beweis meiner Existenz ein maschinengeschriebenes Blatt Papier mit einem Foto darauf, das vor einer der Wände im Lager Traiskirchen von mir gemacht wurde. Aber was soll´s? Die Existenz eines Autors war immer schon von Papier abhängig. In den 17 Jahren, die ich hier verbracht habe, wurde im Fremdenrecht ein Gesetz nach dem anderen erlassen und jedes hatte allein den Zweck, Leuten wie mir den Aufenthalt hier so schwer wie möglich zu gestalten. Nun stehe ich vor Ihnen und darf reden, darf vortragen, doch dieses Glück verdanke ich weder dem Gesetz, noch dem Staat. Das Glück, dass in all diesen Jahren meine Existenz nicht zerbrach, dass ich nicht verzweifelte, dass ich überlebte, verdanke ich jenen unendlichen, ungeahnten Ressourcen an Güte und Barmherzigkeit, die jenseits des Rechts und sogar ohne dieses Recht zu brechen jeder Person zur Verfügung stehen. Ich verdanke es einzelnen Personen, ich verdanke es der Macht der Einzelnen. Eine Macht, die unabhängig ist von Herkunft, Beruf und gesellschaftlicher Stellung. Wenn es eine Macht auf dieser Welt gibt, die den Frieden sichern kann, dann ist es genau diese.

Bei meinen Aufenthalten in Bulgarien besuche ich immer wieder ein Kloster, das in den Rhodopen liegt, nicht weit von meiner Geburtsstadt entfernt. Man sagt von solchen Plätzen, sie seien Orte des Friedens. Auf der steingepflasterten steilen Straße die zum Kloster führt, begegne ich manchmal Christo, einem Bettler, der nur an Werktagen dort anzutreffen ist. Er sagt, am Wochenende sei die Konkurrenz zu groß. Da kämen diejenigen, die das Leben viel schwerer beleidigt und das Schicksal härter gezeichnet habe. Ihnen fehlen Hände, Füße, Augen und andere Körperteile. Ihm dagegen fehle nur Geld. Was sich auf die Dauer genauso auf Körper und Seele auswirke, wie ein Gebrechen. Er spricht auch Deutsch. Er hat in Deutschland gearbeitet. Dann wurde er abgeschoben. Er kennt viele der Straßen Europas, auch als Bettler. Er könnte viel darüber erzählen, in welchem Ausmaß Phänomene wie Barmherzigkeit und Güte in den verschiedensten europäischen Städten vorhanden sind. Er hat sie ja unfreiwillig studiert. Nun bettelt er in Bulgarien. Nur an Werktagen, denn da hat er seinen Frieden.
In diesem Kloster lebte auch ein Mönch, mit dem ich mich oft unterhalten habe. Es gab zwei Sachen über die er gern sprach. Über Bücher und über deutsche Frauen. Es kamen ja immer welche das Kloster besuchen. Einmal sagte er zu mir. „Ich habe jetzt Homer auf Altgriechisch gelesen und weißt du, in der Ilias kommt kein einziges Mal das Wort Liebe vor. Wenn er über Liebende berichtet, dann benutzt er die Worte „sie wussten viel von einander". Es geht also um Erkenntnis. Den anderen erkennen und anerkennen. Die Erkenntnis ermöglicht, entfaltet die Gefühle. Sie sind ihr unterworfen." Ich konnte ihm nichts erwidern, da mein Altgriechisch unzureichend ist. Als ich ihn ein Jahr später wieder besuchen wollte, habe ich ihn nicht angetroffen. Er mache Urlaub, wurde mir gesagt. Im folgenden Jahr traf ich ihn wieder nicht. Ich erfuhr nur, dass der Igumen ihm sehr böse sei, weil er weder von seinem Urlaub zurückgekehrt sei, noch etwas habe von sich hören lassen. Vielleicht wollte er endlich mehr über die deutschen Frauen wissen. Und Erkenntnisse brauchen ihre Zeit. Ich habe ihn jedenfalls seitdem nie wieder gesehen. Hoffentlich hat er seinen Frieden gefunden. Aber was uns betrifft, wir Erben des griechischen Denkens, wir aus einem Mythos entsprungenen und demzufolge alle an einem fremden Ort geborenen, wir Kinder griechischer und hebräischer Texte, nach deren Protagonisten wir großteils auch benannt sind, wir Mono-, Pan- und Atheisten, vielleicht gelingt uns eines Tages, die Geister des Ortes einzusperren und, wie einst Salomon, sie auf den Meeresgrund zu verbannen. Vielleicht finden wir unseren Frieden erst dann, wenn wir es schaffen, mehr voneinander zu wissen. Und wer weiß, aus diesem Wissen könnte eines Tages die erste Europäerin oder der erste Europäer geboren werden. Und mit seiner Kinderschrift neben Mutter und Vater auch jenes Wort niederschreiben, dass weder eines Heeres noch politischer Macht bedarf und deswegen wahrhaftig Frieden bedeutet."


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