Das Wort Sommer hören die Intendanten, Peter und Renate Loidolt, im Zusammenhang mit den Festspielen Reichenau nicht gern. Das Festival feiert heuer seinen 20. Geburtstag – man möchte mit Salzburg verglichen werden, nicht mit Sommerspielen.
Die Wahrheit liegt in der Mitte. Reichenau ist nicht Salzburg, aber auch kein Sommertheater. Hier wird auf gutem bis hervorragendem Niveau für ein bürgerliches Publikum, das sich nicht um Regietheater reißt, die Bühnenkunst gepflegt. Zuletzt zeigte man mehrfach dramatisierte Prosa.
Heuer hat Hermann Beil Goethes „Wahlverwandtschaften“ bearbeitet, er führt auch Regie: Es spielen Julia Stemberger, Martin Schwab, Bernhard Schir. Die Premiere im Südbahnhotel/Semmering gilt Tschechows „Möwe“ mit Miguel Herz-Kestranek und Franziska Stavjanik. Ferner zu sehen: Stefan Zweigs „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ nach der gleichnamigen Novelle mit Peter Matic und Regina Fritsch. Nicht immer gibt es in Reichenau auch etwas Lustiges, aber natürlich ist es das, was die Gäste am meisten mögen: Joseph Lorenz spielt Nestroys „Zerrissenen“, Stefanie Dvorak ist seine Kathi. Am Sonntag, den 13.7. gestalten dann Nicholas Ofczarek und Nicolaus Hagg einen Farkas-Abend der etwas anderen Art. Titel: „Parkbank“-Philosophen. Mit Farkas haben die Festspiele 1998 begonnen.
Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Weil es jährlich immer mehr werden und die Nachfrage schneller als das Angebot wächst, was nicht alle Theater von sich behaupten können, wurde heuer ein neuer Rekord gebrochen: 43.000 Karten sind verkauft. 2009 wird Milva die Hauptrolle in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ spielen. bp
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)

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