Mit sich hat sich der Künstler Egon Schiele nicht nur in seinen Selbstporträts beschäftigt. Er hat "Selbstbilder" auch in Worte zu fassen versucht. Dass Schiele nicht nur ein großer Maler und Zeichner, sondern auch ein expressiver Lyriker war, zeigt nun ein der in Wien vorgestellte Band "Der Lyriker Egon Schiele - Briefe und Gedichte 1910-1912 aus der Sammlung Leopold".
"Ich bin für mich und die, denen die durstige Trunksucht nach Freisein bei mir alles schenkt, und auch für alle, weil alle ich auch liebe, - Liebe", heißt es etwa. Das Ringen um Ausdruck, der Versuch die Oberfläche zu durchdringen und Verborgenes zum Vorschein bringt, kennzeichnet die Gedichte ebenso wie die Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, die ihnen gegenübergestellt werden.
Der enge Zusammenhang wird etwa bei Schieles Beschreibung des "Tannenwaldes" deutlich: "Augenstämme" sieht er, die "dicht sich greifen und die sichtbare nasse Luft ausatmen.- Wie wohl! - Alles ist lebend tot." Wenn er in einem Selbstbild kaum weiß, wohin mit dem "süssesten Lebensüberschuss", der "aufgeregten Lust" und der "Qual des Denkens", dann scheint es ihn in den Gedichten ebenso zu zerreißen wie in den Selbstporträts.
"Unpassender Schüler aller Schulen"
"Schiele, der von seinen Zeitgenossen als vornehm und eher schüchtern beschrieben wird, hat sein ganzes unbändiges Temperament in seine Kunstwerke gelegt", schreiben Elisabeth Leopold und Sandra Tretter. Das befremdete manche Zeitgenossen. Unter den vielen im Faksimile abgedruckten Dokumenten finden sich auch Selbstzeugnisse wie eine biografische Skizze, in der es u.a. heißt: "Unpassender Schüler aller Schulen. Ich kam mit 16 Jahre an die Akademie in Wien wurde natürlich als verrückt erklärt und mir mein Dortsein angefeindet."
Und in einem Brief schildert er die Geschehnisse rund um seine Verhaftung wegen angeblicher "Verführung einer Minderjährigen" 1912: "Ich bin neugierig wie die Geschichte ausgeht." - Schiele wurde wegen "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" verurteilt.

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