Eine Reprise als Festspielbeginn? Aber warum nicht wiederholen, was sich zu einem besonderen Erfolg entwickelt hat und auch noch ideal zum aktuellen Festspielmotto „Macht und Musik“ passt? Schließlich geht es in Giacomo Puccinis „Tosca“ nicht nur um Beziehungen und Liebe, sondern ebenso um Macht.
Nicht alles ist schon auf dem ersten Blick erkennbar, oft bedarf es weiterer Blicke, um Hintergründe und Zusammenhänge zu erkennen. Davon geht die Inszenierung von Philipp Himmelmann aus. Von Johannes Leiacker hat er sich ein Bühnenbild entwerfen lassen, das diese Idee vorweg suggeriert: ein ins Zentrum des Geschehens gestelltes, überdimensionales Auge, das sich im Laufe der Handlung in verschiedenen Farben zeigt, sich öffnet, herunterklappt, zum Schluss zur alles beherrschenden Scheibe wird, mit dem todgeweihten, in Ketten gelegten Cavaradossi, der nach dem tödlichen Schuss ins Wasser stürzt, in der Mitte und der schließlich ins Nichts entschwindenden Tosca ganz oben. Ein berührendes Finale.
Vor dieser Szenerie hat Himmelmann seine Regie in breitflächiger choreografischer Manier angelegt, großzügig jongliert er mit den sich oft zahlreich auf der Bühne tummelnden, in farbenprächtige Kostüme (Jorge Jara) gehüllten Protagonisten. Filmisch läuft das Geschehen ab. Die gleichfalls avisierte Absicht, die schwierige Dreierbeziehung zwischen Tosca, Cavaradossi und Scarpia aufzuzeigen, damit das Kammerspielartige des Sujets herauszustreichen, bleibt nur angedeutet. Selbst wenn das heruntergeklappte Auge zur intimen, effektvoll beleuchteten Spielfläche wird.
Schergen wie Agenten im Thriller
Dafür lässt die Regie das Sujet zuweilen ins Thrillerhafte kippen, wenn Scarpias Schergen wie Agenten die Bühne stürmen, und sie macht machtbesessene Historie lebendig, wenn die in vollem Ornat angetretene hohe Geistlichkeit zum Sinnbild erstarrter Bigotterie wird.
Insgesamt 23 Mal ist diese als eine Art Augenspiel offerierte Produktion zu sehen, in drei verschiedenen Sängerbesetzungen. Ob man für die Premiere die beste ausgewählt hat? Die Kanadierin skandinavischer Provenienz, Catherine Naglestad, hat das Durchhaltevermögen, meist die geforderte Höhe, nicht immer den stimmlichen Glanz für ihre gezügelt leidenschaftliche Tosca. Für den Cavaradossi wünschte man sich mehr schwelgerische Kantabilität und weiteren Atem, als es der kraftvoll agierende Amerikaner Andrew Richards mitbringt. Blass sind Sebastien Soules' Angelotti und Claudio Otellis zu wenig dessen dämonischen Zynismus herausarbeitender Scarpia.
Ulf Schirmer am Pult der gut studierten, mit zahlreichen exzellenten Soli aufwartenden Wiener Symphoniker und der Chöre (Einstudierung: Markus Landerer und Wolfgang Schwendinger) setzt auf schmucklose Klarheit, weniger auf sinnlich erfüllte Emotion, zeigt sich auch an den dramatischen Aufschwüngen der Partitur nur wenig interessiert. Umso mehr legt er Wert auf eine sorgfältige Begleitung der Sänger.
2009 wird „Tosca“ durch Verdis erstmals auf der Seebühne gezeigte „Aida“ (Regie: Graham Vick) abgelöst, im Festspielhaus inszeniert Intendant David Pountney eine Rarität: Karol Szymanowskis „König Roger“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2008)

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