Die von Wolfgang Schüssel moderierte, eineinhalbtägige Debatte, die zur nebenan publizierten Salzburger Trilog-Erklärung führte, war lebhaft, spannend, von den sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten am Tisch geprägt. Bei allen Unterschieden in Zugang und Reflexiosniveau verband alle Teilnehmer das teils sehr emotional geäußerte Bewusstsein, dass es in den kommenden Jahren um nichts weniger geht als um die Rettung der Menschheit vor der kollektiven Selbstzerstörung.
Das führt gelegentlich in nicht ungefährliche Regionen des Denkens: Wenn man, wie etliche Diskutanten, davon ausgeht, dass „weder die Demokratie noch der Common sense“ Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit bieten, ist es zum Zweifel an der Demokratie und zum Ruf nach „Leadership“ kein sehr großer Schritt. Ein Teilnehmer hielt die Verhaltensänderungen, die zwingend vor uns stünden, für so gravierend und umfassend, „dass keine Politiker in einer demokratischen Gesellschaft, der wiedergewählt werden will, es wagen würde, sie anzugehen“.
Die Grundüberzeugung, dass es mit „unserem alten Modell“ – billiges Öl, große Firmen und billige Produkte – „nicht mehr geht“, erzeugt naturgemäß einen gewissen Druck in Richtung der großen Gesten und der großen Lösungen. Wenn das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht, braucht es den ganz großen Paradigmenwechsel, wir sind ja mit dem aktuellen Paradigma „nicht überlebensfähig“. Das neue Paradigma sei die „Wissensökonomie“, meinte ein Teilnehmer, den Umstieg hätten wir aus einem „Mangel an Spiritualität“ noch nicht geschafft. Das gegenwärtige „System“, das für „europäische Modernität“ steht, habe bei den Jungen „null Glaubwürdigkeit“, weil es ihrer Meinung nach in den kollektiven Selbstmord führe. Ihnen seien andere Dinge „heilig“ als ihren vom europäischen Machbarkeitsdenken geprägten Großeltern, sie wollen wieder „mit dem Kosmos und der Natur verbunden“ sein.
Ähnliches gilt für das Grundproblem der unterschiedlichen Lebensstile zwischen dem Westen und den aufsteigenden Mächten. Die Angleichung dieser Lebensstile würde einen Ressourcenverbrauch bedeuten, der bei weitem nicht mehr gedeckt werden könne, weshalb eine der drängendsten Aufgaben die Suche nach neuen Energiequellen sei. Etwa Sammlung von Sonnenenergie im All und ihre drahtlose Übertragung auf die Erde, für die es schon seit 1973 ein technologisches Konzept gebe, das aber nicht zur Produktionsreife geführt worden sei.
Teilen wir wirklich Werte?
Voraussetzung für jedes „neue“ Handeln wäre die Überzeugung, dass wirklich alle die Überzeugung teilen, dass alles, was getan wird, auf den Grundwerten von Gleichheit und Freiheit beruhen muss. Diese gemeinsame Überzeugung gibt es aber nicht wirklich, das zeigte sich immer dann, wenn es zum Beispiel um die Rolle Chinas als aufsteigende Supermacht ging. Die Chinesen sagen „wir“, wenn sie über ihren Staat reden, das Individuum spielt in diesen Debatten eine völlig andere Rolle als im westlichen Denken.
In der Abschlussdiskussion mit Studenten des „Salzburg Seminars“ in Leopoldskron, das Rui Yang, Anchorman von „CCTV9“, dem englischsprachigen Dienst des chinesischen Staatsfernsehens, moderierte, kam dann auch noch einmal deutlich das chinesische Unbehagen über die westlichen Medien zum Ausdruck: Junge Chinesen, die in den westlichen Medien die Proteste der Tibeter sehen, nicht aber die Demonstrationen jener Chinesen, die Tibet ganz selbstverständlich als Teil Chinas betrachten, würden sehr schnell den Glauben an die angeblichen Segnungen der Freiheit des Westens verlieren.
Wie bei solchen Anlässen üblich, kam es natürlich auch regelmäßig zu Großangriffen auf das „kapitalistische System“ an sich, dessen Nichtfunktionieren angesichts der Probleme, die sich heute zeigten, vom Hunger im subsaharischen Afrika bis zur Klimakatastrophe, doch wohl ausreichend dokumentiert sei. Und dass man über die Möglichkeiten im Bereich der erneuerbaren Energien so wenig wisse, sei in erster Linie auf die Manipulationen der profitgierigen Konzerne zurückzuführen.
Kritische Fragen wie jene, wie man denn mit Leuten umgehen wolle, die sich nicht neuen starken „Leaders“ anvertrauen und keinen großen „change of mindsets“ vollziehen wollten, wurden eher verhalten gestellt. Der Hinweis, dass es möglicherweise doch einer größeren intellektuellen Anstrengung bedürfe als der Formulierung von Appellen zur großen Umkehr der Herzen, wurde von einem englischsprachigen Teilnehmer mit einem Hölderlin-Zitat beantwortet: „Wo Gefahr ist, das wächst das Rettende auch.“
In einer solchen Stimmung kann es schon auch einmal passieren, dass der Klimawandel mit Adolf Hitler verglichen wird. Eine Teilnehmerin zitierte unter Verweis auf diese größte aller Herausforderungen aus einer Churchill-Rede: „Das Zeitalter des Zögerns ist vorbei, jetzt kommt die Zeit der Entscheidungen.“
Es gab auch mildere Vorschläge: Ein Teilnehmer zitierte die biblischen Seligpreisungen als Modell einer gemeinsamen Sprache, verbunden mit der Frage, ob es bei aller Notwendigkeit der Säkularisierung als Trennung von Politik und Religion nicht gleichzeitig auch zu einer Vernachlässigung der Religion als Quelle einer gemeinsamen Sprache auf der Basis gemeinsamer Werte gekommen ist.
Und die Kunst nicht zu vergessen, in Salzburg zumal die Musik. Wie das gehen könnte, zeigte der Kurzbesuch von Nino Machaidze, dem neuen Salzburg-Star aus „Roméo et Juliette“. Da sprachen zumindest am Debattentisch alle dieselbe Sprache der Begeisterung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

"Kahlschlag in der privaten Medienlandschaft"
Linz 2009: Hitler im Pöstlingberg


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