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"Peer Gynt": Finaler Fiebertraum

07.09.2008 | 18:11 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Regisseur Michael Sturminger macht aus dem Welttheater „Peer Gynt“ eine dreieinhalbstündige klinische Studie, die dank des starken Ensembles überzeugt.

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Das Ende sieht man gleich am Anfang, Henrik Ibsens übertriebener Fantast Peer Gynt (Raphael von Bargen) liegt schwer krank im Spital. Sein Gesicht ist gezeichnet, das wirkt unter kaltem Neonlicht besonders gut: kahl geschoren ist er, blaue Flecken hat er. Bedrohlich piepsen die Geräte. Die melancholische Musik (Gerald F. Preinfalk, unterstützt von Maria Gstättner und Clemens Wenger) verheißt auch nichts Gutes. Vor dem Fenster sieht man einen unheimlichen zweiten Krankenhausturm wie den des Wiener AKH. Am Bett sitzt Peers Mutter Aase (Beatrice Frey). Eine grüne Putzfrau (Claudia Sabitzer), die sich als Tochter des Trollkönigs herausstellen wird, entsorgt Müll.

Gleich wird der Titelheld der Mutter vom abenteuerlichen Ritt auf dem Bock über den steilen Gendinggrat erzählen, zuvor aber schaut eine junge Patientin (Annette Isabella Holzmann) bei ihm vorbei. Sie trägt eine Halskrause, wortlos nimmt sie ihre Perücke ab und verschwindet wieder. Eine Glatze. Chemo. Liegt auch die angebetete Solveig bereits im Sterben? Gleich am Anfang also fragt man sich in der Inszenierung von Michael Sturminger, die am Freitag im Wiener Volkstheater Premiere hatte, wer diesen Peer und seine Lebensliebe Solveig überfuhr. Der Regisseur stellt das Stück auf den Kopf, das zeigt schon der erste Dialog; nicht Aase beginnt, sondern Peer: „Jedes Wort ist die Wahrheit!“, sagt der Sohn. Erst darauf antwortet die Mutter, was bei Ibsens dramatischem Gedicht die gewichtigen Anfangsworte sind: „Peer, du lügst!“

 

Küssen und tadeln zugleich

Bei diesem frühen Vivisecteur der Seele tief im 19.Jahrhundert lügen sie wohl alle. Schon küssen sich Mutter und Sohn, schon fummeln die beiden ein bisschen herum, und das ist eine wunderbare Illustration des in der Psychologie als Double Bind bekannten Mechanismus. Aase tadelt und küsst Peer zugleich. Sie, die den Niedergang der Familie, des prächtigen Hofes erlebt hat, wünscht sich als Nachkomme einen wilden Herrenmenschen, einen Raufbold und Sexprotz, der mehr aus seinem Leben macht als der trunksüchtige Vater.

Solch ambivalente Ansprüche führen leicht zu einer dauernden Verunsicherung, kein Wunder also, dass Peer, der Außenseiter in einer bigotten norwegischen Gesellschaft, in eine Scheinwelt flüchtet – als Brauträuber und Heimwerker der schiefsten Hütte, als Aufsteiger bei Trollen und Kapitalisten, als Kaiser gar. Die Drehbühne (Ralph Zeger hat sie zu einer surrealen Gebirgslandschaft mit winziger Koje gemacht) kommt in Schwung. Erst holt sich Peer Nikotin und Alkohol aus einem Medikamentenkästchen am Gang, dann hüpft er schon dürftig gekleidet durch die Welt.

 

Tolle Leistung Raphael von Bargens

Das Leben ist nur ein Traum: Für die Fahrt auf wogender See wird das Krankenbett zum Schiff, der Sex mit schönen Frauen endet darin, dass die Schwestern dem erregten Patienten als Sedativum eine Spritze setzen. Sturminger hat Ibsens Welttheater zurückgeführt zur Einbildungskraft des Dichters, er hat es zu einem Kammerspiel gemacht. Die Aufführung ufert zwar mit dreieinhalb Stunden etwas aus, doch diese Kopfgeburt ist durchaus gelungen, vor allem durch von Bargens tollen Einsatz. Die Rolle des Zerrissenen voller Bindungsängste ist ihm auf den Leib geschrieben. Er gibt völlig überzeugend einen kranken Geist in einem prächtigen Körper, das nötigt Respekt ab.

Neben ihm behauptet sich Holzmann als feenhafte Solveig, und auch Thomas Kamper spielt stark. Zwar muss er als Trollkönig mit seinem Gefolge eine alberne Müllbrigade anführen, doch seine Hegel-Persiflage des Doktor Begriffenfeldt ist köstlich; der Weltgeist hat sich zu einem Soziologen in braunem Anzug und Rollkragenpullover entwickelt. Skurriler ist nur noch Hausherr Michael Schottenberg in wenigen Kurzauftritten als nihilistischer Knopfgießer, der die Gestalt eines überheblichen Primararztes angenommen hat. „Es wird schon wieder!“, lautet die dürftige Notlüge des Mediziners.

Das ganze Ensemble aber, das vielfach mehrere Parts spielt, mit Luisa Katharina Davids etwa als entführter Braut und Sennerin, Christoph F. Krutzler als Schmied und Trollriesenbaby, Susa Meyer als Anitra und als Kapitän, Till Firit gar in fünffacher Rolle bietet eine starke Leistung, und das tröstet über die Längen besonders nach der Pause hinweg, als sich das Krankenhaus zum Irrenhaus wandelt.

 

Es wartet der Knopfgießer

Der Schluss ist nämlich absehbar und wird bei Sturminger ziemlich plakativ. Das Leben des Peer, der immer den Umweg gegangen ist, war wie eine Zwiebel, die er nun schält – ohne Kern. Die Frist ist aus, es wartet die warme Gießkelle. Ein Mann, der nie er selbst gewesen, solle nicht solche Umstände beim Sterben machen, sagt der Knopfgießer. In modernen Zeiten, da solche Manufakturen aus der Mode gekommen sind, nimmt sich das so aus: Im Spital schrillt der Alarm, das Personal bekämpft Hektik mit Routine, das Piepsen der Maschine zeigt an, dass sich Peer auf eine Reise macht, die in einem lang gestreckten Summton und in Finsternis endet. Bei Ibsen dürfte dazu Solveig singen: „Schlaf und träum, lieber Junge mein!“

Auf einen Blick

„Peer Gynt“ wird am Volkstheater unter der Regie von Michael Sturminger in der Fassung von Peter Stein und Botho Strauß nach Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde gespielt.

Die nächsten Termine: 9., 12., 14.9.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2008)

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