11.02.2012 17:47 | Meine Presse Merkliste0

Geld und Magie: „Gewinne in alle Ewigkeit“

10.09.2008 | 18:29 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Im „Faust“ hat Goethe die moderne Wirtschaft vorausgesehen, behauptet der Schweizer Ökonom Hans-Christoph Binswanger, heuer zu Gast in Lech.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Goethe hat ja als Geheimer Legationsrat und Minister am Hof des Herzogs in Weimar verschiedenste Verwaltungsaufgaben übernommen. Würden Sie ihn als einen Wirtschaftsexperten bezeichnen?

Hans-Christoph Binswanger: Das kann man so sagen. Er war ja im Ministerrat des Herzogs zuständig für die Wirtschaftsfragen. Er hat sich mit der Bergwerksproblematik auseinandergesetzt, mit der Strumpfwirkerei, er war für den Straßenbau zuständig und so weiter; er hat dem Herzog sogar aus wirtschaftlichen Gründen geraten, das Militär aufzugeben.


„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, sagt Gretchen im Faust I, aber erst im Faust II erhält das Thema Geld und Wirtschaft eine zentrale Rolle – mit vielen damals aktuellen Bezügen ...

Binswanger: Nicht nur damals. Goethe hat über seine Zeit hinausgesehen, er hat bereits über die heutige Situation geschrieben.

 

Meinen Sie die Entwicklung des „künstlichen Geldes“?

Binswanger: Zum Beispiel. Er hat die Vorstellung verdeutlicht, dass sich das Geld in riesigen Mengen entwickeln kann, aufgrund von Papiergeld, das sich heute noch zum Bankgeld weiterentwickelt hat. Im 18. Jahrhundert gab es schon erste Papiergeld-Ansätze in England, Frankreich und Österreich, um 1800 hat der österreichische Kaiser darauf zurückgegriffen, weil seine Minister die Schulden nicht bezahlen konnten.


Faust und Mephisto könnte man auch als Bankunternehmer sehen ...

Binswanger: Ja, das Vorbild war die Bank von England, eine private Bank, die das Privileg erhielt, Banknoten zu drucken.

 

An einer Stelle wird die von Mephisto vorgeschlagene Geldschöpfungsmethode misstrauisch „Chymisterei“ genannt. „Geld und Magie“ lautet auch der Titel des Vortrags, den Sie beim Philosophicum Lech halten werden, über die moderne Wirtschaft im Spiegel von Goethes Faust. Abgesehen davon, dass der historische Doktor Faustus die Schwarze Kunst praktizierte – was haben die Gesetze der modernen Wirtschaft mit Alchemie zu tun?

Binswanger: Die Idee hinter der Alchemie war es, künstliches Gold herzustellen. Die moderne Alchemie produziert Gold im übertragenen Sinn, sie macht aus Wertlosem Wertvolles. Das Papiergeld wird investiert, wie im fünften Akt von Faust und Mephisto, und wenn es investiert wird, wird auch mehr produziert, es wird nicht inflationär vergeudet, das Papiergeld wird wertvoll und bleibt wertvoll; das ist die heutige Wirtschaft.


Hat sie auch ein ähnliches Ziel wie die alte Alchemie?

Binswanger: Ja, die Idee, die Zeit zu überwinden, etwas zu produzieren, das bleibt. Gold ist etwas, das nicht verdirbt, nicht verrottet, es ging der Alchemie darum, die Zeit im Diesseits zu überwinden, nicht auf das Jenseits zu warten. Auch das ist heute der Fall – indem man Kapital produziert in der Hoffnung auf Gewinne. Die Aktie ist so viel wert, wie man sich Gewinn erwartet, und das wiederum setzt voraus, dass sich die Gewinne in alle Ewigkeit fortsetzen werden. Die Ewigkeit in das Diesseits einbezogen – das ist die Börse.


Am Ende glaubt Faust tatsächlich, als wirtschaftlicher Unternehmer die Vergänglichkeit überwunden zu haben – mit seinen Worten „Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick“ verliert er die Wette gegen Mephisto und damit sein Leben ...

Binswanger: Faust wollte ja eigentlich die Wette verlieren, er wollte ja „den höchsten Augenblick“, aber er irrt sich, er hat die Vergänglichkeit nicht überwunden. Die Vorstellung, er habe mit diesem eingedeichten Land, dem Neuland der Wirtschaft, die Zeit überwunden, trifft nicht zu. Dieses Neuland ist ständig gefährdet, die technischen Maßnahmen halten der Natur nicht stand, man muss das Land immer wieder entsumpfen – das heißt, es ist ein endloser Prozess, in dem man ständig Dinge korrigieren muss, die in diesem Prozess entstanden sind.


Mephisto weiß es offenbar besser als Faust, er sagt: „Auf Vernichtung läuft's hinaus“. Verstehen Sie das als Botschaft des Autors?

Binswanger: Na ja, gleichzeitig mit dem Faust hat Goethe „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ geschrieben, darin vermittelt er eine optimistischere Einstellung. Das sind also zwei Seiten seiner Sicht.

 

Und worin genau besteht der Grund für den Pessimismus im Faust? Fausts Pioniertat ist ja mit Zerstörungen verbunden – die Hütte des alten Ehepaares Philemon und Baucis etwa wird niedergebrannt.

Binswanger: Der Mensch vermeint die Natur zu beherrschen, aber sie lässt sich nicht beherrschen, das ist das eine. Dazu kommt die Frage des Verlusts der Schönheit – und des Verlusts der Gegenwart. Man darf nie aufhören zu investieren – wenn Faust blind wird, heißt das, er sieht nur noch die Zukunft, er wird blind für die Gegenwart.

Philosophicum Lech zum Thema Geld

Hans-Christoph Binswanger, geboren 1929 und heuer in Lech zu hören, ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre
an der Universität St. Gallen. Bücher: u.a.
„Die Wachstumsspirale – Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses“ (2006), „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ (1998).

Vom 17. bis 21. September tagt heuer das von Philosoph Konrad Paul Liessmann gegründete und geleitete Philosophicum
in Lech am Arlberg, und zwar zum Thema „Geld. Was die Welt im Innersten
zusammenhält?“.

Zu Gast sind Philosophen, Ökonomen, Kulturwissenschaftler und Soziologen.

Anmeldungen: 05583/2161-218.

www.philosophicum.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen