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Jelinek-Uraufführung: Massaker mit Ei

30.11.2008 | 18:09 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Jossi Wieler inszeniert an den Münchner Kammerspielen „Rechnitz“. Die Schauspieler sind fantastisch. Die Bebilderung des gewaltigen 100-Seiten-Monologs wirkt zeitweise einfallslos und albern.

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Essende Menschen schauen selten gut aus. Jossi Wieler, schweizerisch-israelischer Regisseur, Jelinek-Spezialist, treibt bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ in den Münchner Kammerspielen die Obszönität des Mampfens auf die Spitze. Die Akteure zerkrümeln Pizza, schlabbern Kaffee, pampfen harte Eier. Am Ende schlecken sie Torte. Das Dritte Reich ist schwer verdaulich, liegt auch Jahrzehnte nach seinem Ende im Magen. Umso mehr muss bei seiner Verstoffwechslung für Unterhaltung gesorgt werden. Das gebietet schon die riesige Textfläche: 100 Seiten! Ohne Rollen, ohne Handlung. So lieben wir die modernen Dichter: maßlos, grenzenlos.

Wieler hält Trost parat: Let me entertain you! scheint er zu rufen. Er lässt die Schauspieler sich an-, aus-, umkleiden. Sie verschwinden zwischen den beweglichen Lamellen der Bauernstube mit Hirschgeweih, die später ihre schneeweiß gewaschene Fliesenkehrseite zeigt (Bühne & Kostüme: Anja Rabes). Die Mimen setzen sich Kopfhörer auf. Sie machen auf Show, als hätte sich Gottschalk mal was Neues einfallen lassen: „Wetten, dass wir auch die Nazis zur familienfreundlichen Samstagabendunterhaltung machen können?“ Also: immer fleißig grinsen und ins Publikum winken. Sogar unheimliche Elemente wirken auf diese Wiese harmlos. Aus einer Tür, die gelegentlich versehentlich einer öffnet, purzeln Gewehre, Pelzmäntel. Unterhaltungsmusik ertönt, einmal krachen Schüsse...

 

Der Mensch wird zum Tier, jederzeit

Im Wiener Volkstheater inszenierte vor Jahren Michael Wallner „Wolken.Heim“, puristisch und bedrohlich. Einer der echten Jelinek-Klassiker in Wien bleibt aber wohl „Das Sportstück“, überwältigendes zeitgeschichtliches Panorama in der Regie des verstorbenen Einar Schleef. Die jüngeren Regisseure schürfen nach dem Amüsanten im Werk der Nobelpreisträgerin für Literatur. Das ist legitim. Jelinek, auch eine Pop-Artistin, scheut ja keineswegs den Kalauer. Freilich: Hier wird durch alberne Scherze das Wuchtige, Erschreckende des Stoffes verwässert.

Jelinek erdachte für „Rechnitz“ ein geniales Patchwork: Sie verbindet das Massaker der SS 1945 an rd. 200 jüdischen Zwangsarbeitern im Schloss der Gräfin Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, mit Euripides' „Bakchen“. Der Stückuntertitel „Der Würgeengel“ stammt von einem Buñuel-Film (1962): Nach einer noblen Party finden sich die Gäste eingeschlossen. Sie können das Haus nicht verlassen. Die Bourgeoisie ist in sich selbst gefangen. Draußen scheint es Unruhen zu geben. Die Polizei schreitet ein. Der Filmtitel ist dem Buch Exodus der Bibel entnommen: Gott straft die Ägypter, weil Pharao die Israeliten nicht ziehen lässt. Ein Engel tötet alle ägyptischen Erstgeborenen, die Juden bleiben verschont, weil sie ihre Türen mit dem Blut des Pessach-Lammes kennzeichneten.

„Die Bakchen“ wiederum handeln von Agaue und ihren Schwestern, die Dionysos mit Wahnsinn schlug; Agaue zerreißt in einem barbarischen Ritual ihren eigenen Sohn, der sich auf einer Fichte versteckt hat, um die Frauen zu beobachten. Der Mensch ist absolut und jederzeit anfällig, sich in einen Unmenschen zu verwandeln. Eine wirkliche Erklärung gibt es nicht, aber auch die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) reicht als Begründung nicht aus.

Das ist wohl eine der Botschaften Jelineks: „Dieser Sprung vom Mensch zum Tier ist ja so nichtssagend!, und so lange her!, und der vom Tier zum Mensch sagt auch nicht viel, so, da wollen wir also springen...“ Das Grauen ist zwar in diesem Fall an der SS und der Gräfin festgemacht – die es nicht verhinderte, sich vielleicht sogar am Massenmord beteiligte –, doch in Wahrheit ist die Vernunft allerorten am Kippen: im Organhandel, in der Schönheitschirurgie, in „harmlosen“ Erscheinungen wie dem Tourismus. In Jelineks reißendem Strom von Assoziationen tauchen immer neue Motive auf. Jeder mag nehmen, was ihn interessiert. Dass auch wirklich jeder Satz vernommen werden kann, dafür sorgen die fünf hervorragenden Schauspieler, allesamt Boten in Anspielung an die verschiedenen Versionen über das Massaker von Rechnitz: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl bringen den Text perfekt über die Rampe. Man schläft nicht ein, man steigt nicht aus. Das ist viel bei fast zwei Stunden Monologen – und das eigentliche Verdienst des Regisseurs.

Trotzdem geht man mit leichtem Befremden weg: Jelinek gehört heute zum „heiligen“ Literaturkanon, man könnte auch sagen zum Kanon der Theaterschickeria. Die sind wir alle. Wir hören ihr zu. Sind angemessen beeindruckt – und verteilen uns anschließend in den umliegenden Bars. Erschütterung, Katharsis? Kaum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2008)

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12 Kommentare
woizi
01.12.2008 20:14

Grauslich

Nachlesen, Frau Nobelpreisträgerin: In Exodus gibt es keinen Würgeengel.

Es ist schon Gott selbst der sich nicht spotten lässt und die Größenwahnsinnigen tötet.

Je mehr der Mensch Gott spottet, desto tierischer wird er und desto kälter wird es hier in dieser Welt.

Frohen Adventus.

Antworten woizi
01.12.2008 20:15

Re: Grauslich

er, der Mensch!

woizi
01.12.2008 20:11

Jelinek

Stammt wohl auch aus katholisch geprägten Kreisen, die Gott zum lieben Hampelmann machen.

Einen Würgeengel gibt es in Exodus nicht. Bitte nachlesen.

Es ist schon Gott selbst, der die umbringt, die sich ihm widersetzen.

Letztendlich hat der Schöpfer ja alle Menschen mit der Todesstrafe geschlagen. Ob er einige früher und andere später bestraft, ist seine Sache.

Sterben tun wir alle. Denn so wie wir sind, können wir nicht vor Gott treten.

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist schon der:
Das Tier muss sich nicht vor Gott verantworten, der Mensch schon, sodass das ewige Leben des Menschen unendliche Bedeutung hat.
Es gibt halt Menschen, die diese unendliche Bedeutung des menschlichen Lebens nicht kapieren und darum nur Scheiße produzieren.
Gottesfurcht ist keine Krankheit sondern eine Tugend, auch wenn es der moderne Mensch nicht hören will und darüber lacht.
Je mehr er Gott spottet, desto kälter und grauslicher wird es in dieser Welt.
Schönen Adventus

ujvar
01.12.2008 11:45

Terroristen die sich sogar zu Morden bekennen, nennt die Presse legally correct "mutmassliche Täter". Jelinek macht ihr Geschäft ohne Rücksicht auf Österreich und Personen in Verurteilung durch ihre eigene Lynchjustiz. Schamlos, wie das meiste was sie wülstig anpackt.

Die wahre Story hat Jelinek nicht interessiert, der Verein der sich seit Jahren mit dem Thema befasst ist über die Verstümmellung der wahren Geschichte durch den Playboy und Buchschreiber entsetzt.

Niemand hat der Hausfrau ernstlich vorgeworfen, sie wäre mit ihren 25 Jahren in irgendeiner Weise ursächlich oder zustimmend zu Morden an Menschen gewesen; ihr Haus war von der SS besetzt. Es ist dieselbe Logik, mit der bestimmte Kreise Polen für die Vernichtung von Juden, Polen, Christen, Schwulen u.a. in den KZ¿s verantwortlich machen.

mamba13
01.12.2008 10:30

So ein Jelinek'scher Schwachsinn

Man kann zum 3. Reich stehen wie man will (kein normaler Mensch würde das 3. Reich in der heutigen Zeit gut heißen!!), allerdings würde keinem intelligentem Menschen einfallen die Bibel auch noch in den Schmutz zu ziehen und daraus auch noch Kapital zu schlagen!

Allerwerteste Frau Jelinek, ich gebe ihnen einen Rat: Verlassen Sie das Ihnen so sehr gehasste Österreich und ziehen sie um, dahin wo der Pfeffer wächst und suchen Sie dort Ihresgleichen! Vielleicht finden Sie dort auch einen Psychiater der sie kostenlos terapiert!

So etwas (dieses perverse "Drama") auch noch "KUNST" zu nennen ist eine Frechheit, das seinesgleichen sucht!

Salve
mamba13

enzo
30.11.2008 20:27

Sinnvoller und erbaulicher

wäre es gewesen das Kartengeld gleich in der Bar zu investieren.

Gast: Alfred Gusenbauer
30.11.2008 19:58

Katharsis

Sehr geehrte Frau Petsch,

es ist durchaus verständlich, dass Sie nach zwei Stunden des Nichteinschlafens in die Bar gewechselt haben. Noch dazu wo Sie vergeblich auf die doch schon so lang ersehnte Katharsis warten mussten. Aber irgendwann klappts dann sicher auch bei Ihnen!
Mit angemessen beeindruckten Grüßen, A.G.


Gast: pour le merite
30.11.2008 19:41

Dass Leute schon derartig "entmenscht" sind,

Geld zu bezahlen, um sich diesen unglaublichen Schrott auch noch anzusehen?

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Antworten Gast: J.B.
01.12.2008 10:01

Re: Dass Leute schon derartig

Oh - schon wieder ein Wiener Besserwisser, der garantiert nicht in der Münchner Aufführung war aber glaubt, seinen senf dazu geben zu müssen. Die Menschen in diesem land werden immer lächerlicher - vielen Dank für diese Einsicht!

Antworten Antworten Gast: <<<Pecka
01.12.2008 14:58

Re: JB Essensaufnahme bzw. orale Aufnahme gestört?

Massaker mit Ei - wems gefällt - der darf selbstverständlich dafür bezahlen.

Eierpecken muß für Sie dann ja der doppelte Spaß sein!


Antworten Gast: modestus
30.11.2008 20:31

"entmenscht"


?

Antworten Antworten Gast: Brennstein
30.11.2008 21:11

Richtig!

Entmenscht.

Schlagzeilen Kultur