Stammzellen nähern sich der klinischen Praxis, und zwar beide, sowohl die umstrittenen embryonalen Stammzellen als auch die wenig kontroversiellen adulten Stammzellen. Letztere dienen erwachsenen Körpern als Nachschub, es gibt sie in verschiedenen Geweben, etwa in der Hornhaut des Auges. Dort wollen Ärzte in Edinburgh um Bal Dhillon sie entnehmen – Leichen – und auf Patienten verpflanzen, die an Hornhautleiden erblindet sind. Es ist laut Dillon die „erste derartige Studie auf der ganzen Welt“.
Sie zieht auch keine Grundsatzkritik auf sich. Das tut umso mehr die zweite Premiere, die für diesen Sommer angekündigt ist: Ärzte um Keith Muir (Glasgow) wollen an zwölf Patienten testen, ob sich die Folgen eines Hirnschlags mit embryonalen Stammzellen therapieren lassen: Für gewöhnlich erholt sich ein Drittel aller Hirnschlagpatienten gänzlich, den anderen zwei Dritteln bleiben Folgen, weil das Gehirn die durch den Sauerstoffverlust getöteten Zellen nicht ersetzen kann (es kann nur in geringem Maß neue Zellen bilden).
Deshalb sollen Hirnzellen aushelfen, die aus embryonalen Stammzellen gezogen werden. Dieser klinische Test wird klein sein – „Stufe 1“, dabei geht es nicht um Heilung, sondern um Prüfung der Sicherheit des Verfahrens –, die Zellen werden nach einem Verfahren der Firma Reneuron produziert. Die wollte vor zwei Jahren einen Test in den USA durchführen, es wurde nicht genehmigt. In Großbritannien wurde es nun genehmigt.
Die Zellen stammen von einem toten Embryo – einem abgetriebenen –, das hat laut BBC die Society for the Unborn Child zum Urteil gebracht, das Vorhaben sei „krank. Es schließt das Kannibalisieren eines ungeborenen Kindes ein.“ Allerdings wurde dieser Embryo nicht eigens erzeugt und dann zerstört, sondern er war so tot, wie es die Spender der Augenstammzellen waren. jl
■Embryonale Stammzellen können sich in jede Körperzelle differenzieren, das macht sie zur Hoffnung der Medizin. Aber sie können nur aus Embryos gewonnen werden, das macht sie ethisch umstritten.
■Adulte Stammzellen werden aus Erwachsenen gewonnen, ohne ethisches Problem, aber ihre Wirksamkeit ist unklar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2009)
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