So vü Zuschauer wird er bei der Premiere ned hom“, zischt ein Journalistenkollege. Mit „er“ ist Hubsi Kramar gemeint, und der lud Donnerstag zu einer Pressekonferenz, weil sein Stück „Pension Fritzl“ schon vor der Premiere für „teils entglittene Berichterstattung“ gesorgt hatte. Sechs TV-Kameras, zahlreiche Fotoapparate, Handys sind auf ihn gerichtet, als er ansetzt: „Sie, die Medien, schreiben dieses Stück. Ich führe nur Protokoll.“ Ein Text existiert noch nicht. Die (Selbst-)Inszenierung, auch die der Medien, im Seziersaal des 3raum-Anatomietheaters gibt ihm recht – dann wieder nicht. „Jeder spielt seine Rolle. Auch ich“, gibt er zu.
Eine Mediensatire soll „Pension Fritzl“ werden, „echtes Volkstheater“: „Wir sind die Fritzls.“ Die Idee hatte laut Kramar Hermann Fritzl: „Seien Sie versichert, es gibt ihn wirklich!“ Österreich sei ein „Fritzlland“, Josef F. nur sein Produkt. Kramar spricht von „dem Fritzl in mir“ wie „dem Adolf in mir“. Beim Opernball 2000 hatte er für einen Eklat gesorgt, als er als Hitler vorfuhr, auch das eine satirische Aktion. Von vielen dafür geprügelt, ist er ein Aufdecker, der gegen die österreichische Verdrängung arbeitet (und das – empörend! – am Opernball) und sie uns aufdrängt. Das ist unangenehm. Muss aber sein.
So macht er es auch mit dem Inzest, „verdrängtestes Thema einer patriarchalischen Gesellschaft“. Psychotherapeutin Yasmin Randall schloss sich seinen Vorwürfen an. Kramar: Für Medien sei Inzest nur interessant, wenn sie ihn als „Wichsvorlage“ kommerzialisieren können – „unter dem Vorwand, sich um die Opfer zu kümmern“. Erst habe er das Stück „Der Herr Fritzl“ (in Anlehnung an Qualtingers „Herrn Karl“) nennen wollen: Es gehe ja um das gesellschaftliche Phänomen – „und sicher nicht um eine Familie aus Amstetten“. Die Aufführungen werden unter Polizeischutz stattfinden.
„Das Fritzl-Monster Österreichs, das ist diese Dichand-Abteilung“, findet er: Medienmacher mit Einfluss wie Hans Dichand („Krone“) oder Italiens Silvio Berlusconi hätten freie Hand, ihren Profit- oder ideologische Interessen zu folgen. „Und keiner fährt ihnen über den Mund. Die Politik fürchtet sich genauso vor dem Fritzl-Monster!“
Das poltert schon: Die FPÖ beschwerte sich in einer Aussendung, allein der Titel „Pension Fritzl“ sei „verabscheuenswürdig genug, sodass es sofort gestoppt gehört“. Das U-Bahn-Gratisblatt „Heute“ schreibt seit Tagen gegen die „Inzest-Komödie“ an. Michael Jeannée ließ Kramar in der Sonntags-„Krone“ wissen: „Sie sind ekelhaft.“ Und „Österreich“ vermutet Wolfgang Priklopil als „Überraschungsgast“ in der „Grusel-Show“. Die britische Qualitätszeitung „The Guardian“ heißt Kramar übrigens einen „Harvard-educated artist“. Der Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“: „Man verstand Wiener Künstler im Ausland schon immer besser als vor Ort.“
Der anfangs zitierte Kollege arbeitet übrigens bei „Heute“, stellte sich später heraus.
Premiere, 23.2., 3raum-Anatomietheater Wien, ausverkauft, und 25., 26., 27., 28.2.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2009)

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