Theater an der Wien: „Perlenfischer“ im Dschungelcamp

Bizets „Pêcheurs de perles“ mit Diana Damrau als Léila werden dank einer kühnen, konsequenten Reality-Show-Inszenierung zum unerwartet einhelligen Erfolg.

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Auf dem Reality-TV-Scheiterhaufen: Diana Damrau als Léila, Dmitry Korchak als Nadir. – (c) APA/PHOTOWERK/WERNER KMETITSCH (WERNER KMETITSCH)

„Au fond du temple saint“: Das schwelgerische Duett von Tenor und Bariton kennen sogar viele Opernfreunde, die das Stück noch nie komplett erlebt haben. Plattensammlern ist darüber hinaus noch die ätherisch-heikle Tenorromanze teuer: Beniamino Gigli sang sie vor über 80 Jahren, wenn auch transponiert, mit sublimer, an Cremehonig erinnernder Voix mixte – und bis heute lässt sich darüber diskutieren, bei welchen Verzierungen oder Rubati sich die gleichsam natürliche Süße seines Vortrags doch in Saccharin verwandelte. Jedenfalls erweist sich daran, dass die Frage nach Authentizität oder Kitsch oft erst an der Interpretation zu beantworten ist, nicht am Werk selbst.

Womit wir erst recht bei Georges Bizets „Pêcheurs de perles“ ganz im Allgemeinen ebenso gelandet wären wie bei der speziellen Neuinszenierung, die nun im Theater an der Wien zu erleben ist – und die Jean-Christoph Spinosi am Pult des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien mit viel Animo und etwas weniger Sinn für Schmelz und Kantilene betreut. Mag auch das Libretto zweier recht schematisch arbeitender Texthandwerker immer wieder als schwach und unglaubwürdig angeprangert werden: Das einst erfolglose und nur in einer reduzierten Dirigierpartitur überlieferte Werk des erst 25-jährigen Komponisten erfreut sich gerade in den vergangenen Jahren immer größerer Beliebtheit. Vielleicht erleben wir ein spätes Echo auf die Popularität jener stets erotisch unterfütterten Exotik, mit der die Impresarios schon während der Blüte des blutigen Kolonialismus die Massen anzulocken versuchten. Denn die Story rund um eine ceylonesische Priesterin, die sich trotz Keuschheitsgelübdes zwischen zwei sie liebenden Männern wiederfindet, die eigentlich aus Freundschaft auf sie verzichten wollten, entbehrt nicht der Pikanterie – und bietet auch in unserer desto schaulustigeren Gegenwart allerlei neue Gelegenheit für halb Verhülltes, halb Enthülltes.

 

Quotenkampf und Todesvotings

Nun kann man grundsätzlich beklagen, dass sich eine Regisseurin nicht auf die Bedingungen eines romantischen Märchens einlassen mag, als welches sich die Geschichte sehr wohl begreifen ließe: Märchenfiguren treffen oft erst nach langer Zeit wieder aufeinander – eben nicht im Rahmen herkömmlich-lebensweltlicher Plausibilität, sondern mit der unerbittlichen Konsequenz der Erfindung. Banaler Realismus ist in solchem Zusammenhang suspendiert: Auch ein Hitchcock wollte seinem Publikum „not a slice of life, but a piece of cake“ bieten. Ja, man kann es beklagen – oder sich auf den ganz anders gearteten Kuchen einlassen, den die hochbegabte junge Niederländerin Lotte de Beer hier serviert und dafür nicht nur den Mut, sondern auch das Durchhaltevermögen und vor allem eine unbändige Liebe zum Detail hat.

De Beer macht nämlich die schon erwähnte Schaulust auf andere Art zum Thema – und zeigt, dass im Fernsehen nichts so sehr vom inszenierenden Eingriff abhängig ist wie sogenannte Realityshows. „Perlenfischer – The Challenge“ läuft da also in reißerischer Privatsendermanier ab, moderiert vom eitel-sonoren Hohepriester Nicolas Testé – ein Dschungelcamp der besonderen Art, in dem die Teilnehmer nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Die biedere Léila, die mit Yoga zur inneren Ruhe kommen will, wird nicht nur in folkloristische Gewänder gesteckt, sondern vor allem mit ihrem Ex, Nadir, und einem Mann aus weiterer Vergangenheit konfrontiert – das garantiert Quote im zynischen Spiel und räumt nebenbei mit den Unplausibilitäten des Librettos auf.

Die Emotionen aber bleiben echt: Wenn Léila im zweiten Finale das Bewusstsein verliert, liefert der Kameramann Großaufnahmen – die beklemmende Wendung nach allerlei komischen Seitenhieben, die vor allem Diana Damrau mit Genuss ausspielt. Sie ist das sängerische Zentrum des Abends, gibt dem zarten Lyrismus Körper und weiß auch furios zu zürnen; Nathan Gunn als viriler Zurga mit verschlissenem Bariton fällt deutlich gegen sie ab. Kein Wunder, dass sie lieber Dmitry Korchak wählt, der als wackerer Nadir über die nötigen schlanken Phrasen verfügt. Das Publikum, apropos Hitchcock, ist im Hintergrund wie im „Fenster zum Hof“ in verschiedensten Wohnungen beim individuell ausgeformten Mitfiebern vor den Bildschirmen zu sehen – und wird zuletzt, als es sich um den per Voting beschlossenen Feuertod des Liebespaars betrogen sieht, brutal handgreiflich: Hinreißend, wie der Arnold-Schoenberg-Chor das alles verwirklicht. Großer Jubel.

Weitere Termine: 19., 22., 25., 28. und 30. 11., 19 Uhr
Live auf Ö1: 22. 11., 19 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2014)

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