Wien tanzt! Wien brennt!

„Dr. Österreicher sieht fern“ setzt sich mit dem umstrittenen Akademikerball auseinander. In drei kurzweiligen, bissigen Sendungsformaten. Mittwoch hatte das Stück im Kosmotheater Uraufführung.

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(c) Kosmotheater

„Mit den Gästen holt man sich auch immer gleich die Fremden herein“, näselt die weißgepuderte Hausdame der Hofburg. Ihre Kollegin und sie sollen durch diesen Ballabend führen. Wobei die beiden nicht so genau zu wissen scheinen, welchen Ball es zu moderieren gilt und wer hier überhaupt tanzt, wenn alle draußen demonstrieren. Ob „Opernball oder WKR-Ball oder Scheiß-Nazi-Ball“ – auf eines können sich die beiden süffisant grinsenden Damen einigen: „Wenn schon Heimat, dann ironisch“. Spätesten hier dürfte dem Zuschauer bewusst sein: Nichts in der Uraufführung von „Dr. Österreicher sieht fern“, ist ernst gemeint. Und gleichzeitig fast alles. Mittwoch feierte das Stück im Wiener Kosmostheater unter der Regie von Susanne Draxler Premiere.

„67 Prozent der Österreicher“ verfolgen das alljährliche Treiben am Heldenplatz vor ihren Bildschirmen. Diese generalisierten, passiven „Zuschauer“, diese „67 Prozent“ - das sind an diesem Abend die Premierengäste. Für sie werden in ständig wechselnden TV-Formaten die Ereignisse vor und auf dem Akademikerball persifliert. Die Schauspieler Peter Bocek, Nikolaus Firmkranz und Maria Fliri schlüpfen chamäleonhaft in unzählige Rollen. Die kleine Bühne mit TV-Studio und Talkshowcouch ist dicht bevölkert von skurrilen Charakteren.

In der Hofburg granteln sich die drei als Gäste der Sendung „Messer, Gabel, Hirn“ in Bernhard’scher Manier durch das Menü. Es wird auf die 8,5 Millionen Habgierigen, den Judenhass und das „nicht ganz koschere Lamm“ der dauerabwesenden Gastgeberin geschimpft. Szenenwechsel: Wir befinden uns „Am Schauplatz Hofburg“. Dort versucht eine verzweifelte Moderatorin, ihres Mikrophons habhaft zu werden. „1000-jährige Walzertanzende“, homophile Burschenschafter, beatboxende Securities, schwarzumhüllte Randalierer und viel mehr Kurioses erhascht dafür eine Minute Ruhm in Fernsehen. All das erfährt noch eine Überhöhung ins Skurrile im „Club 3000“. Dort wird mit leeren Worthüllen – „Meinungen“ – um sich geworfen. Der Selbstinszenierungsgrad der Talkshowgäste ist hoch, das Gesprächsniveau niedrig und grundsätzlich hört sowieso keiner dem anderen zu.

Gegen Ende der kurzweiligen Inszenierung geht das Licht an. „Die Mehrheit hat mit nichts ein Problem. Sie will nicht damit behelligt werden“, ruft eine der weißgepuderten Damen ins Publikum. Auf den Spaß folgt die recht vorhersehbare Moral der Geschichte: In jedem von uns steckt ein bisschen „Dr. Österreicher“.

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