"Das Gemeindekind" in postmodernen Wirren

Im Schauspielhaus Wien wurde Marie von Ebner-Eschenbachs Roman kühl und erfolgreich dramatisiert. Libretto: Anne Habermehl, Komposition: Gerald Resch, Regie: Rudolf Frey

Thiemo Strutzenberger (Pavel)  und Franziska Hackl (Vinska)
Schließen
Thiemo Strutzenberger (Pavel)  und Franziska Hackl (Vinska)
Thiemo Strutzenberger (Pavel) und Franziska Hackl (Vinska) – (c) ALEXI PELEKANOS / Schauspielhaus Wien

Mit einem kurzen Singspiel verabschiedet Andreas Beck sich vom Wiener Schauspielhaus, das er seit acht Jahren erfolgreich geleitet und in dem er eine beeindruckende Serie von tatsächlich zeitgenössischem Theater verwirklicht hat. 2008 wurde der 1965 in Mülheim an der Ruhr geborene Theatermacher für sein Wirken mit einem Nestroy-Spezialpreis ausgezeichnet. Bei ihm bekamen inzwischen renommierte Dramatiker wie Ewald Palmetshofer, Thomas Arzt oder Anja Hilling eine Bühne. Die Liste der Entdeckungen ist lang. Beck wird mit Ende der Saison Direktor am Theater Basel. Von ihm übernimmt in der Porzellangasse Tomas Schweigen das Haus, das 220 Zuseher fasst.

Auch bei Becks letzter regulärer Produktion im Schauspielhaus gab es eine Uraufführung: Anne Habermehl (*1981) hat für „Das Gemeindekind“ das Libretto verfasst, Gerald Resch (1975) hat die Musik komponiert. Das Drama nach Motiven des 1887 veröffentlichten Romans Marie von Ebner-Eschenbachs ist eine sensible, zugleich reizende Performance von 75?Minuten mit je fünf Sängern und Instrumentalisten. Rudolf Frey (*1983) hat das Stück angenehm zurückhaltend inszeniert, manchmal wirkt es fast schon zu statisch – ein kleiner Makel. Dass die Schauspieler keine ausgebildeten Sänger sind, störte bei der Premiere am Donnerstag jedoch nicht. Sie machten es durch hohe Musikalität und viel Gefühl wett.

Nach dem Fall der Mauer. Der Realismus dieses soziale Probleme verarbeitenden Romans ist nur angedeutet, die Handlung wird in die Gegenwart verlegt, spielt wohl irgendwo in Tschechien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Von Feinstaub und Müll ist die Rede, vom Rauschen des Radios, von Sozialhilfe. Rechts stehen auf der Bühne zu Beginn die Instrumente für die Mitglieder des Ensembles von Phace: Stefan Mancic (Akkordeon), Mathilde Hoursiangou (Klavier), Reinhold Brunner (Klarinette), Bernhard Schöberl (E-Gitarre) und Alexandra Dienz (Kontrabass) geben mit Verve zeitgenössische Kammermusik, die sich anfangs an jene im frühen Epischen Theater anzulehnen scheint. Der Bühnenboden schaut nach Mulch aus, ist erdig, neun Neonröhren leuchten kalt herab, hinten sieht man auf glatter Wand zuweilen ein Flimmern, aber keinen Film. „Ich bin der König des leeren Kinos“, wird Pavel (Thiemo Strutzenberger) sagen. Er ist das Gemeindekind, dessen Vater im Roman wegen Mordes gehenkt, dessen Mutter ins Zuchthaus gesteckt wurde.

Nun soll das Dorf sich um diesen sozial benachteiligten Teenager kümmern (seine Schwester, Milada, die durch die Hilfe einer Adeligen in eine Klosterschule kommt, wird im Stück ausgespart). Verstockt, lauernd, pubertär und meist sehr zurückhaltend legt Strutzenberger seine Titelrolle an?– fantastisch. Zwei Frauen wollen seine Pflegemütter sein, sie sorgen abwechselnd für ihn: Virgilova braucht das Geld, Lehrerin Habrecht, die offensichtlich den kollektiven Träumen von einst nachtrauert, behauptet, aus reinem Verantwortungsbewusstsein zu handeln. Leicht haben es auch diese beiden Frauen ganz offensichtlich nicht im Leben. Barbara Horvath und Katja Jung arbeiten ihre Charakterstudien überzeugend heraus.

Ein Stricher mit viel Geld? Rustikal dürfen Franziska Hackl und Florian von Manteuffel agieren. Vinska, 16, und Peter, 17, testen den Umgang mit Außenseiter Pavel aus, beim Tanz in der Disco, körperlich, auch aggressiv. Vinska flirtet mit dem Außenseiter und wünscht sich etwas: ein „Wischhandy“. Er schenkt ihr vorerst eine Scherbe aus Glas, durch die man die Welt gebrochen sieht. Das ist eine rührende Szene in all dem Elend dort auf dem Lande, und gut gespielt.

Bestimmt dieses neue Sein in der Gemeinde das Bewusstsein von Pavel? Er scheint auch die Untugenden seiner Umwelt aufzunehmen, das Lügen zum Beispiel. Gegen Ende zu geht es vor allem auch um Geld, er hat plötzlich angeblich viel davon. Ist er tatsächlich ein Stricher, wie er behauptet? Wird er integriert werden, wie das romantisch-idealistisch im Roman geschieht? Man darf sich von der griffigen, kühlen, manchmal maliziösen Interpretation überraschen lassen. Starker, langer Applaus.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

"Das Gemeindekind" in postmodernen Wirren

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen