„Die Botschaft von Kambodscha“: Schwimmend die Welt ertragen

Zadie Smiths „Die Botschaft von Kambodscha“ handelt von einer afrikanischen Einwanderin in London – und wird im Becken des Wiener Jörgerbads aufgeführt.

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(c) Helmut Wimmer/Wenn es so weit ist

Fatou zieht ihre Bahnen. Mit stoischem Blick schwimmt sie eine Länge nach der anderen, in gleichmäßigem Tempo, mal vorwärts, mal auf dem Rücken liegend. Man folgt ihren Bewegungen, lässt den Blick über das Becken schweifen, zum schimmernden Licht, das die Scheinwerfer über den Umweg der Wasseroberfläche an die Wand bringen. Dazu lauscht man den Worten, die der Erzähler vom Beckenrand aus spricht, und den Klängen von Synthesizer und gezupfter Geige, wie tanzende Wassertropfen erfüllen sie den Raum. Ja, es hat etwas Beruhigendes, fast Berauschendes, dieses Theater.

Die Gruppe „Wenn es so weit ist“, die mit der Produktion „Ganymed Boarding“ im Kunsthistorischen Museum einen Publikumserfolg erzielte (unter dem Titel „Ganymed Dreaming“ werden ab September wieder Gemälde zum Leben erweckt), hat die Erzählung „Die Botschaft von Kambodscha“ der britischen Autorin Zadie Smith in Szene gesetzt. Bühne sind Becken und -rand des Wiener Jörgerbads, das Publikum sitzt auf Hockern um den Pool oder sieht von der Galerie im ersten Stock aus zu, wie sich unter der Regie von Jacqueline Kornmüller die Geschichte der Afrikanerin Fatou aufrollt.

 

Sklavin oder doch nicht?

Diese (anmutig: Mimi Grünwald) ist Kindermädchen und Haushälterin bei der Familie Derawal in London. Sie überlegt, ob sie sich als Sklavin bezeichnen soll, schließlich wird sie ohne jeglichen Respekt behandelt und auch nicht bezahlt. Immerhin darf sie das Haus verlassen, wann immer sie will, jeden Montag etwa, wenn sie im Wellnesscenter schwimmen geht. Es ist die einzige Ablenkung von ihrem tristen, monotonen Alltag. Während Grünwald also ihre Bahnen zieht, trägt Erzähler Peter Wolf den gekürzten Text Zadie Smiths vor, erzählt von Fatous Vergangenheit, vom weißen Mann, der sie als Angestellte eines afrikanischen Hotels in sein Zimmer zog, vom Tag, an dem sie beschloss, katholisch zu werden, und der Demütigung, die sie im Haus der Derawals täglich erfährt.
Wiederkehrender Erzählpunkt ist die Botschaft von Kambodscha, an der Fatou jeden Tag vorbeikommt, und der Federball, der immer über ihren hohen Mauern hin und her fliegt: als Zeichen der Beständigkeit, als rätselhafte Erinnerung daran, dass die Dinge weitergehen, welche Ungerechtigkeit Fatou auch zustoßen mag.

Kornmüller inszeniert träumerisch, märchenhaft, ausgedehnt. Schlüsselszenen werden – halb im Wasser – dargestellt, die meiste Zeit verbringt die Hauptdarstellerin schwimmend, während Wolf erzählt und Klemens Lendl und David Müller, bekannt als die Strottern, für die Klangkulisse sorgen. Das Schwimmbad lässt die Töne und Worte hallen wie in einer Kathedrale, für das akustische Verständnis ist das zuweilen kontraproduktiv, doch es passt zur Stimmung des Stücks. Am Ende gibt es herzlichen Applaus – auch von der sichtlich gerührten Zadie Smith.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2015)

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