Schostakowitsch gibt bei ImPulsTanz den Ton an

Das Festival zeigt eine hemmungslose Elina Pirinen und ein poetisches Stück des Serapionsensembles.

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(c) ImPulsTanz/Timo Wright

Was man mit Schostakowitsch so alles anstellen kann! Elina Pirinen zerlegt in ihrem Trio „Personal Symphonic Moment“ dessen Leningrader Symphonie in einem gewaltigen, hemmungslosen Akt der seelischen (und äußerlichen) Entblößung in Einzelteile wie Gefühle oder Kampfbereitschaft. Wie durch aufziehende Gewitterwolken nähern sich die drei Performerinnen langsam durch den dichten Theaternebel, während leise Trommeln im Hintergrund zum Widerstand (bei Schostakowitsch gegen den Faschismus) rufen. Schon bald brechen aus diesen in ihren pastellfarbenen Blüschen wie angepasste Vorstadtweiber aufmarschierenden Rebellinnen Emotionen, Erinnerungen und Lustregungen hervor, die ohne Rücksicht auf Tabus ausgelebt werden wie bei einer rauschigen Orgie oder einer Horde kleiner Kinder ohne Aufsicht. Farbe (pastell, versteht sich) rinnt über Gesichter, spritzt ins Publikum, Marshmallows klemmen zwischen Pobacken, beim Kopfbad im Eiswürfelkübel würde man im glühend heißen Odeon-Theater gern mitmachen. Die Performerinnen nehmen die Zuschauer mit in die verletzte, verwegene, auch ein bisschen verrückte Innenwelt ihrer Figuren, ein expressionistisches Spektakel, das der Furcht- und Kompromisslosigkeit huldigt. Und natürlich Schostakowitsch.

 

Märchenhaft schöner Walzer

Er gibt auch in „Anagó“ – mit dem Serapionsensemble – den Ton an. Diesmal ist es der Walzer Nr. 2 aus der Jazz Suite Nr. 2 – ein Ohrwurm für den Nachhauseweg. Auch Erwin Piplits und Max Kaufmann geht es in dieser „Parabel auf das menschliche Schaffen, Scheitern und Finden“ um den Gedanken der Revolte, doch während es bei Pirinen die Individuen sind, die sich befreien, ist es in „Anagó“ das Kollektiv. Märchenhaft schön sehen die Gestalten aus, die sich in ihren schweren Gewändern wie in Zeitlupe zum Walzer drehen. Immer wieder taucht ein geistesabwesender Engel auf und rezitiert auf Russisch. Im Verlauf der Fabel reisen die Protagonisten zu den Anfängen der Menschheit, rotten sich zusammen, zanken oder verspotten einander, durchleben Ängste und flüchten sich in hysterisches Kichern. Gedichtfetzen von Goethe, Hölderlin oder Mandelstam dringen ans Ohr. Kaufmann geleitet mit seinen Malereien ins Weltall, auf die Weltmeere, in Häuserschluchten – doch der Weg führt weiter und endet sozusagen im Seelenleben des Betrachters.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2015)

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