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Was Sloterdijk mit Potter verbindet

13.06.2009 | 18:17 |  von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Der Philosoph stellte im Akademietheater sein neues Buch "Du musst dein Leben ändern" vor. Dabei faszinierte, amüsierte und strapazierte er sein Publikum.

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Der Philosoph auf der Theaterbühne punktet als Hauptdarsteller mit sich selbst. Nur am Schluss fällt er aus der Rolle. Er winkt. Das würde ein Schauspieler nie tun. Peter Sloterdijk präsentierte Freitagabend im Akademietheater sein bei Suhrkamp erschienenes Buch „Du musst dein Leben ändern“, eine Kulturgeschichte der Selbstverbesserung. Der Titel ist einem Satz Rilkes vor einem Torso Apollos entnommen. Der Lichtgott, der das Dunkel seines Gegenspielers Dionysos einzuschließen scheint, überwältigt den Dichter mit seiner unerhörten Aura.

Sloterdijk redet anfangs frei, da ist er am besten. Das geschriebene Wort erschließt sich bei Weitem nicht so leicht wie das gesprochene, wiewohl die Eloquenz sehr ähnlich ist. Wie sich beim Zauberlehrling Harry Potter eine Episode an die andere reiht, ohne dass ein Ziel erkennbar wäre, so schlägt auch der Philosoph immer neue Funken aus ein und demselben Stein. Sie glänzen alle gleich perfekt. Trotzdem sah man beim Vortrag aus dem Buch manchen im Auditorium einnicken.


Schlafen mit Händen über der Decke. Sloterdijk erzählt von den „Träumen“, die Rousseau nach seiner Flucht aus Genf auf eine einsame Insel notierte, wobei er nicht einmal in seiner beglückenden Isolation die Demütigungen, die ihm in seiner Heimatstadt zuteil wurden, vergessen konnte. Am meisten schien das Publikum von den Betrachtungen über die Schule amüsiert: Um vier Uhr früh mussten die ersten Jesuiten-Zöglinge aufstehen, um fünf oder sechs Uhr abends gingen sie zu Bett, die Hände über der Decke. Dazwischen mussten sie studieren. Die Geistlichen hatten die Hoffnung auf Bekehrung durch freien Willen, Einsicht aufgegeben. Sie setzten nun auf Zwang, Furcht und Schrecken. Das Ergebnis waren Reformation und Gegenreformation. Bis heute sind wir in der sogenannten zivilisierten Welt das Produkt drakonischer Systeme der Verbesserung. Eine angeborene Lebensfähigkeit scheint es nicht zu geben bzw. sie wurde ausgetrieben, vor Ablauf von zehn oder 20 Schuljahren kann davon gar nicht die Rede sein: „Generalisierendes Kidnapping, das sich Pädagogik nennt“, so bezeichnet das Sloterdijk. Strenge Herren, undankbare Schüler, wer die Disziplinierung überstanden hat, taugt als Leistungsträger und nützliches Mitglied der Gesellschaft.

Das Buch selbst ist in seinen Botschaften weniger ironisch, eindeutig. Rilkes Torso-Gedicht, das entstand, als er Sekretär von Rodin war und dessen unbeschreiblich harte Arbeit an seinen Skulpturen beobachtete, steht an einer Schwelle: nicht die Ganzheit, sondern das Fragment wird von der Moderne als schön empfunden. Die Natur ist durch den Fortschritt der Technik und der Wissenschaft in Misskredit geraten. Nun können auch Krüppel und Hybride perfekt sein. Ein weiterer fundamentaler Wert fällt: die Religion.


Hochkultur festigt Werte. Seit 1900 explodiert der schon bei den alten Griechen wichtige Sportkult, der nach Sloterdijks Überzeugung auch im 21. Jahrhundert dominieren wird. Der Trainer repräsentiert das bessere Selbst: „Er will, dass ich will.“ Andernfalls tobt er wie im Fußball. Immer wieder muss Sloterdijk hunderte Seiten seines Buchs überspringen. Er kommt bei der Hochkultur zum Stehen. Ihre Verbindung mit Familie und Schule festigt Werte über Generationen. Gegeben ist dies bei Brahmanen, Rabbinern und in protestantischen Pfarrhäusern. Die andauernde Differenz zwischen den eigenen Möglichkeiten und den übermächtigen Vorbildern, Forderungen erzeugt eine „chronische Höhlenkrankheit“, eine „Entzündung der Selbstwahrnehmung“.

Die Seele ist nicht überzeitliche Substanz, sondern dient dem Ausgleich: Wie weit soll und kann man mitmachen bei all den Imperativen, die auf einen eindringen? Meist sind wir ja mit unangemessener Begeisterung dabei, uns aufzureiben. Das lehrt wiederum René Pollesch. Zu dessen gesellschaftskritischen Botschaften lässt sich aber ein Philosoph nicht verleiten. Er schließt mit dem artigen Hinweis, dass er sein Publikum nicht überfordern wolle, dass aber trotzdem die wahre Überforderung noch auf die Besucher warte – wenn sie nämlich Sloterdijks Buch kaufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2009)

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1 Kommentare
Sailor
14.06.2009 10:32
0 0

Schlaue Selbstvermarkter, die wenig Inhalt anbieten, ...

müssen doch nicht gleich im Akademietheater angeboten werden. Oder hat Herr S. dieses auf seine Kosten gemietet?