Handke: „Ich habe Sympathie für die Schmiere!“

Peter Handke spricht anlässlich der Uraufführung seines Stückes „Die Unschuldigen“ über seine Vorlieben im Theater. Er lacht gern – und schätzt griechische Dramen.

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„Theater soll kein Roman, kein Film und kein Fernsehspiel sein“, fordert Peter Handke. – (c) Serge Picard / Agence Vu / picturedesk (Serge Picard)

Die Presse: Ein Mann sitzt auf seiner Landstraße und wehrt sich gegen eine Invasion. Das sind die „Unschuldigen“, grob gesagt. Meiner Tochter hat der Plot gefallen: „Das ist schön!“, rief sie. Was sehen junge Leute in Ihren Stücken? Utopien?

Peter Handke: Ich weiß es nicht, ich habe mit dem Theater nur in meiner Fantasie Kontakt. Ich habe eine Scheu entwickelt, ins Theater zu gehen, das ich einmal sehr gern hatte. Wenn Theater wirklich stark ist, ist es mit nichts zu vergleichen, aber ich erlebe das selten. In „Immer noch Sturm“ in der Regie von Dimiter Gotscheff gab es Momente, in denen sich alles erfüllt hat – im Spiel lebender Menschen. Theater soll kein Film und kein Fernsehspiel sein. Man muss sich konzentrieren auf sprechende Menschen. Wenn ich diese Fotos von Aufführungen sehe, in denen die Leute herumhüpfen und Grimassen schneiden! Nein! Ich habe große Achtung vor den Schauspielern, aber ich frage mich manchmal, wozu Regisseure da sind. Theater ist ein ernstes Spiel, wie Goethe sagt. Mit dem Ernst kommt das Spiel. Aber heute ist alles im Theater nur Spiel.

 

Waren Sie als Bub im Theater?

In der Volksschule habe ich Raimunds „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ von einer Wanderbühne gesehen. Wahrscheinlich war es Schmiere. Ich habe Sympathie für Schmiere, wenn sie selbstbewusst ist. Der Barometermacher hat gelacht. Wir Kinder konnten auch nicht aufhören zu lachen. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen.

 

Sind Sie noch aufgeregt, wenn ein Stück von Ihnen in die Burg kommt?

Als Schriftsteller ist man ausgeliefert, man könnte auch sagen, geliefert. Das Burgtheater ist ein schöner Raum! Aber manchmal frage ich mich, ob meine Stücke nicht in kleinen Räumen heftiger wirken. Für uns aus der Provinz hatte das Burgtheater einmal eine Magie: Oskar Werner, Albin Skoda! Heute ist das Theater oft würdelos und austauschbar. Es werden Romane und Reportagen theatralisiert. Ich habe Tolstois „Krieg und Frieden“ wieder gelesen. Ein gewaltiges episches Werk wie Homer oder Wolfram von Eschenbach. Das kann man nicht auf die Bühne bringen! Es gibt so herrliche Dramenliteratur! Von Aischylos bis Goethe. „Torquato Tasso“! Poesie entsteht dort, wo das arme Würstchen Mensch aufhört zu sprechen.

In Ihrem Stück treten ein Erzähler-Ich und ein „Ich, der Dramatische“ auf.

Das ist eine Art Schizophrenie. Ich habe immer gewusst, wie man eine Erzählung zu Ende atmen lässt. Mit Stücken aufzuhören, ist schwierig. Shakespeare konnte das. Mein Wunsch wäre, dass sich nach einer Aufführung alle zusammensetzen und erzählen, was sie erlebt haben. Das wäre wundervoll!

Stört es Sie, wenn Ihr Text gekürzt wird?

Überhaupt nicht!

Sind das am Ende im Stück Flüchtlinge?

Wie schon in „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ ist es auch in den „Unschuldigen“ so, dass sich die Jahreszeiten ändern und die Menschen ihre Rollen tauschen. Die Gebückten, Armen, Flüchtlingshaften, wie Sie sagen, gehen plötzlich stolz und aufrecht. Und diejenigen, die als Herren kamen, schleichen dahin.

 

Claus Peymann hat Sie im Theater durchgesetzt mit der „Publikumsbeschimpfung“ 1966 in Frankfurt, oder?

Das Wort „durchsetzen“ passt nicht. Er hat die Sache in die Hand genommen. Es war eine andere Zeit als heute, als das Theater noch sehr große Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit bekommen hat, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Das gilt auch für andere Kunstformen. Ich denke an ein Bild William Faulkners. Der Mississippi trat über die Ufer. Es gab eine schlimme Überschwemmung, das schmutzige Wasser floss über 100 Meilen weit. Doch ganz tief, unterirdisch hörte man immer noch das Röhren des ursprünglichen Flusses. Manche Bücher, manche Stücke haben noch eine Wirkung, aber man muss sehr genau hinhorchen, denn das Theater ist mit allem möglichen anderen vermengt.

 

Theater soll nur aus Dialogen bestehen?

Und aus Monologen. Das griechische Theater steht mir nahe. Man sieht nicht, wie Medea ihre Kinder tötet, sie geht ins Haus. Aktionen zu zeigen, das ist wie ein Tabu.

 

Das Lustige in Ihren Stücken wird unterschätzt, finde ich. Sie wirken zu weihevoll.

Fad? Ich lache oft, wenn es gut ist.

Ist Ihr Theater postdramatisch?

Das ist ein Modewort. Ich bin ein völlig altmodischer Theaterschreiber, naiv in einer gewissen Weise. Ich denke beim Schreiben an nichts als einen Raum, in dem ich Personen konfrontiere. Die Zuseher müssen spüren, es geht um alles! Es geht um die Welt.

 

Wollten Sie eine neue Dramaturgie erfinden, wie Tschechow oder Horváth?

Ich träume, dass aus dem Publikum ein einziger Mensch wird. Als Wim Wenders 1982 bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule „Über die Dörfer“ inszeniert hat, dachte ich, das ist himmlisch und irdisch zugleich. Ich habe das Gefühl, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und „Über die Dörfer“ sind die schönsten Stücke im 20. Jahrhundert. Das sage ich nicht als Angeber. Ich spüre das so. Ich will nichts als schöne Geschichten erzählen. Ich bin kein Poet.

 

Kokettieren Sie jetzt?

Führen Sie mich nicht in Versuchung, mich zu definieren. Manchmal fliegt es mich an, dass ich dichte. Dann bin ich wieder ganz froh, dass ich prosaisch schreibe, zurückfinde auf den Boden, auch frech werde und manchmal vulgär. Mein Bruder, der vor zweieinhalb Jahren gestorben ist, kam damals nach Salzburg, um sich „Über die Dörfer“ anzuschauen. Da saß er dann mit seinen Zimmermannskollegen. Fünf Stunden hat die Aufführung gedauert, das konnte man damals noch machen, von zehn Uhr vormittags bis drei Uhr nachmittags! Es war ihm alles recht. Aber er hat gefragt, wann kommt in diesem Stück, das eher festlich ist, endlich einmal das Wort „Arschloch“?

Ihre Kindheit liest sich dramatisch.

Ich hatte eine glückliche Kindheit.

 

In Ihren Dramen gibt es öfter Schimpforgien. Ist das das Kärntnerische?

Es könnte auch steirisch sein. Die Niederösterreicher sind vornehmer, kleinlauter. Die Salzburger sind fürsterzbischöflich. Ich habe am Schluss ein wenig Raimund-Lokalfärbung in mein neues Stück eingefügt, es darf nicht zu viel sein. Aber: Das hat mir Freude gemacht!

 

Ist Österreich eine Art Zuhause?

Früher konnte ich mit der Bundeshymne nichts anfangen. Jetzt muss ich aufpassen, dass mir nicht die Tränen kommen, wenn ich sie als Handy-Klingel höre. Ich mache aber einen Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus. Nationalismus heißt: Mein Land ist besser als alle anderen. Patriotismus heißt für ein Land aufzutreten, wenn es herabgesetzt wird. Dann bin ich bereit, Österreich zu verteidigen. Als die FPÖ in die Regierung kam, habe ich mit Luc Bondy gestritten. Da kamen Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy, alle haben sich eingemischt. Das hat mich empört. Ich habe gesagt, wir Österreicher machen das unter uns aus – und wir werden das schon selbst schaffen. Da bin ich Patriot. Aber ich möchte, dass ein Land in seinen Dichtern verkörpert wird: Grillparzer, Stifter, Doderer, Hofmannsthal, Schnitzler.

 

Wie ist es jetzt, in Frankreich zu leben?

Man merkt den Ausnahmezustand schon. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, stehen Polizisten da, im Warenhaus oder im Kino wird man durchleuchtet. Recht so. In Marseille gibt es fast jeden Tag einen Mord im Gang-Milieu. Frankreich ist trotz allem ein herrliches Land. Aber es sollte sich nicht als Hort der Menschenrechte aufspielen.

ZUR PERSON

Peter Handke. Geboren 1942 in Griffen/Kärnten. Werke: „Wunschloses Unglück“, „Die morawische Nacht“. Der Schriftsteller lebt in Paris. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße, ein Schauspiel in vier Jahreszeiten“ wird kommenden Samstag (27. 2.) im Burgtheater in der Regie von Claus Peymann uraufgeführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2016)

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