Theater im Sommer: Warum nicht in die Ferne schweifen?

11.07.2009 | 18:00 |  von Barbara PETSCH und Isabella WALLNÖFER (Die Presse)

Wie Sie "theatralisch" über den Sommer kommen, ohne allzu sehr leiden zu müssen: Unsere Vorschläge von gediegen, originell, informativ bis sophisticated, von Kobersdorf bis Avignon, für Erwachsene und Kids.

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Gewaltige 255.000 Besucher hat der Theatersommer NÖ. Würden sie alle ins Burgtheater strömen, wäre dieses an 190 Tagen, also über die Hälfte des Jahres, bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Auch der Output an Premieren ist mit 29 in NÖ höher als an der Burg. Der Theaterfeinspitz muss auf dem Land freilich Abstriche machen. Das Regietheater dürften viele nicht vermissen.

Aber die Schauspieler sind selten so gut wie an der Burg, eine Ausnahme sind die Festspiele Reichenau, wo teilweise Burgschauspieler auftreten. Dass die Zahl der Besucher im NÖ-Sommertheater zuletzt stark expandiert ist, ist auch auf die Vermehrung der Spielorte zurückzuführen. Hier einige Tipps, wie Sie „theatralisch“ durch die hoffentlich bald warme Jahreszeit kommen, ohne allzu sehr leiden zu müssen. Wir haben Tanz-, Kinder- und internationale Events ausgewählt. Für die meisten Veranstaltungen gibt es noch Karten.


Reichenau. Den dortigen Festspielen zumindest örtlich nahe liegt der Thalhof, wo alljährlich die Wiener Regisseurin Helga David ihr kleines, feines Festival hat: Heuer gibt es Schnitzlers „Im Spiel der Sommerlüfte“ und „Virginia und Orlando“, die szenische Bearbeitung des Briefwechsels von Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Originelles: Junge, hübsche Gesichter versammelt der ehemalige ORF-Chefproducer Ernst Neuspiel zu immergrünem Zwecke in Gutenstein: Klimt und die Frauen, diesmal als Musical. Zu einem solchen wurde in dem Ort, in dem Raimund Urlaub machte und begraben liegt, 2008 schon Tutanchamun verarbeitet. Versprochen wird ein „Rausch aller Sinne“, rauschendes Regenwetter kann dem Festival nichts anhaben, die Aufführungen finden im Zelt statt.


„Geierwally“. Ein wildes Mädchen aus alter Zeit, das ist die „Geierwally“: René Freunds Fassung für die Waldbühne Bromberg in der Buckligen Welt spielt allerdings 1961: Im „Psychodrama einer Außenseiterin, die sich einer autoritären Männergesellschaft widersetzt“ (Aviso) sind u. a. Bernadette Abendstein, Vera Borek, Aap Lindenberg, Hakon Hirzenberger zu sehen. Achten Sie auf Hinweisschilder mit Geierwally auf einem grünen Traktor.

Promis. „Dancing Stars“-Queen Marika Lichter und Adi Hirschal treten in einer Wiener Posse namens „Orpherl in der Unterwelt“ in Laxenburg auf. Alfons Haider ist neuerlich in „La Cage aux Folles“ in Stockerau zu erleben – mit Musicalshowkönig Vincent Bueno. Der eher jugendliche Gregor Bloéb, bekannt aus TV-Krimis, von „Dancing Stars“ sowie als Bruder von Tobias Moretti, spielt beim Theatersommer Haag den alten Schwerenöter Cyrano de Bergerac. Shakespeare: Auf der Waldviertler Rosenburg inszeniert die Schauspielerin Birgit Doll, man spielt den „Sommernachtstraum“ mit Erni Mangold als (gewiss diabolischem) Puck, Erich Schleyer als Oberon, Alexander Waechter als Zettel.

Nestroy. Nestroy-Spezialist Peter Gruber inszeniert, teilweise mit Laien, die aber wie Profis agieren, „Heimliches Geld, heimliche Liebe“. Die Aufführungen im Schlosshof Rothmühle von Schwechat sind im Stil traditionell und mit aktuellen Anspielungen angereichert. Am 23. 7. gibt es heuer ein Extra mit dem unbeugsamen Antinazi, dem berühmten Fleischhauer „Bockerer“.Historie: Zur heurigen NÖ-Landesausstellung über Napoleon auf der Schallaburg wird in Melk „Krieg und Frieden“ nach Tolstoi gespielt.


Andere Bundesländer: Eine Uraufführung haben heuer die Schlossspiele Kobersdorf unter Intendant Wolfgang Böck („Trautmann“): „Der Kopf des Joseph Haydn“ ist eine Art Collage über den heurigen burgenländischen Jahresregenten (Todestag vor 200 Jahren). Der Titel bezieht sich auf die wahre Begebenheit, dass bei der Exhumierung Haydns der Schädel fehlte, dem eine gruselige Odyssee beschieden war, bis er 1954 in Eisenstadt zur Ruhe kam. Manche Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Der ambitionierte Theaterverein k. l. a. s. spielt heuer auf der Kärntner Heunburg Shakespeares „Macbeth“. Die Tiroler Volksschauspiele in Telfs haben eine Uraufführung von Felix Mitterer im Programm: „1809 – Mein bestes Jahr“, ein Wirtshaustheater. Außerdem wird Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“ mit Markus Völlenklee, erfolgreich an deutschen Bühnen, gezeigt sowie Mitterers „Der Patriot“ über den Briefbombenattentäter Franz Fuchs. „Erklär mir Liebe“ ist ein Gedichtzyklus von Ingeborg Bachmann: Im Innsbrucker „Theater Melone“ steht der Titel für „Das Stück zur Antikrise“. Regisseur Florian Hackspiel hat das Werk geschrieben und es handelt – oh Wunder – von Menschen, die trotz Krise darum kämpfen, glücklich zu sein.


Kinder. Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen wollen endlich mal was Neues erleben und aus ihren Märchen aussteigen, was beinahe den Ausschluss aus der Märchenwelt zur Folge hat: Nina Blum führt Regie beim interaktiven Wandermärchentheater für Menschen ab vier Jahren in Schloss Poysbrunn im Weinviertel. Bis 16. 8. Auf Burg Forchtenstein geht es ebenfalls „fantastisch“ zu: mit einem neuen Musical zum Haydn-Jahr, „Ritter Roland rastet aus“, einem neuen Puppentheaterstück für die Kleinsten sowie zahlreichen anderen Aktivitäten vom Schminken bis zur Tuchfühlung mit Falken.
Tanz. Das Impulstanz-Festival macht Wien vier Wochen lang zur Weltstadt des zeitgenössischen Tanzes. Zum Auftakt geht Savion Glover zu Live-Jazzmusik aus New York daran, das Publikum im Hof des Museumsquartiers in Verzückung zu steppen (freier Eintritt!). Der Mann hat Feel-good-Erfahrung, stand mit Sammy Davis Jr. vor der Kamera und choreografierte das Pinguinmusical „Happy Feet“.

Intendant Karl Regensburger hat wieder große Namen versammelt – und will nicht nur eingefleischte Tanzfans begeistern. Anne Teresa de Keersmaeker – Doyenne ihres Genres, die diese Punzierung wohl mit eisigem Schweigen quittieren würde – geht in „The Song“ der Frage nach, was passiert, wenn sich der menschliche Körper in technischen Errungenschaften auflöst. Und sie tanzt selbst in „Rosas danst Rosas“ – zeitgenössische Tanzgeschichte live in Wien.

Michael Schumacher entwickelt eine Zeitlupen-Gesellschaftsstudie von Ji?í Kylián zum abendfüllenden Beziehungsthriller weiter. Frankreichs Choreografie-Ikone Maguy Marin kommt gleich mit einer Werkschau nach Wien. Jan Fabre rechnet in seiner „Orgy of Tolerance“ schonungslos mit dem Spätkapitalismus ab etc. etc. Damit Kopf und Gemüt nach der einen oder anderen Performance nicht zu schwer werden, kann man sich vor, während und nach den Vorstellungen in der Festival Lounge im neuen Novomatic Forum am Naschmarkt niederlassen. Dort gibt's Cocktails, Sofas, DJ-Musik, Livegigs und – dem diesjährigen Motto folgend – Bollywood-Movies und indische Snacks. Feel good, Vienna!

International. Tolles Ambiente, köstliches Essen, originelle Kunst, Sommer wie bei Gott in Frankreich: Das Festival von Avignon zeigt heuer u. a. Aufführungen von Wajdi Mouawad, seine „Verbrennungen“ waren im Akademietheater zu sehen, von Jan Lauwers, dessen Needcompany sich kommende Saison am Burgtheater präsentiert, oder von der Gruppe Rimini Protokoll. Einiges wie „(A)pollonia“ von Krzysztof Warlikowski hat der Theaterfex schon bei den heurigen Festwochen gesehen, anderes wie Christoph Marthalers „Riesenbutzbach“ würde er vielleicht nicht mehr anschauen, aber in Avignon, wo es auch viele spannende freie Produktionen gibt, gilt: Der Weg ist das Ziel, das Festival der Event.


Edinburgh. Ähnliches gilt bei vermutlich kühleren Außentemperaturen für Edinburgh, auch hier: Oper einerseits (14. 8. bis 6. 9.), Riesen-Fringe-Fest andererseits (7. bis 31. 8.). Wagners „Fliegender Holländer“ kommt von der Hamburger Oper, Simone Young dirigiert, es gibt einen „Faust“ aus dem rumänischen Sibiu (Hermannstadt) und einen schottischen Peter Pan: „Gott ist ein Komödiant, der vor einem Publikum spielt, das sich nicht zu lachen getraut“, wird im Programm Voltaire zitiert. Klingt originell, ist aber als Motto wohl kaum geeignet für ein Sommerfestival.

Mitarbeit: Camilla Herricht

TICKETS, TERMINE

Der andere Schnitzler in Reichenau
„Im Spiel der Sommerlüfte“ 23. 7. bis 23. 8.; 25–45€, ? 0664/3788725

Klimt-Musical in Gutenstein
bis 9. 8., Familienvorstellung heute, Sonntag, 18h; 15–59€, ? 02634/72700

„Geierwally“ in Bromberg
Schlatten 34, 2833 Bromberg, bis 18. 7.; Karten: 28–36€, ? 02629/8234

„Orpherl“ in Laxenburg
bis 30. 8.; Karten: 15–28€,
? 02236/73640

„La Cage aux Folles“ in Stockerau
bis 15. 8.; Karten: 29–50€,
? 02266/67689

„Cyrano de Bergerac“ in Haag
bis 9. 8.; Karten: 19–49€,
? 07434/44600

Nestroy Divers
im Schwechater Schloss Rothmühle:bis 1. 8.; Tickets: 19–40€, ? 96096, oder mit Elfriede Ott auf Burg Liechtenstein bei Mödling: 29,40–43€
? 02236/47222

„Krieg und Frieden“ in Melk
bis 8. 8.; 20–48€, ? 02752/54060

„Der Kopf des Joseph Haydn“
Schlossspiele Kobersdorf, bis 2.8.;
38–41€, ? 02682/66211

Theater in Tirol
Volksschauspiele Telfs: 25. 7. bis 30. 8.; 19–30€, ? 05262/62013; Theater Melone in Innsbruck, Feldstraße 1,
6.–15. 8.; 9–14€, ? 0650/6438259

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2009)

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