Von der Freund- und Feindschaft zwischen Mensch und Tier

"Wir Hunde/Us Dogs" von Signa und Arthur Köstler ist eine fünfstündige, überwiegend lehrreiche, manchmal auch schockierende Veranstaltung.

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Kampf- oder Schoßhund? „Wir Hunde/Us Dogs“ von der Gruppe Signa, Uraufführung (bis 18. 6.). – (c) Erich Goldmann

Da sitzt er, der scharfe Wachhund, nah bei seinem Herren, von diesem eng an der Leine gehalten. Er knurrt und bellt laut. Ein Stück weiter, ein Schoßhund mit Masche und grämlichem Blick: Ein Mops? Hat vielleicht heute noch kein Hühnerbrüstchen bekommen, der Köter. Über eine Treppe wandern die Besucher in einen Saal. Der Verein Canis Humanus des Grafen Sigbert Trenck von Moor feiert mit einem Tag der offenen Tür sein 40-Jahr-Jubiläum. Der Hausherr ist leider krank: Mit 81 Jahren hat er einen Schlaganfall erlitten, er liegt auf seinem imperialen Bett und raunt Besuchern zu: „Die Schöpfung ist nicht verhandelbar!“

Das Künstlerduo Signa, bestehend aus der Dänin Signa und dem Österreicher Arthur Köstler, hat für diese Festwochen in Koproduktion mit dem Volkstheater erstmals eines seiner Environments in Wien 7, Faßziehergasse eingerichtet. Die begehbare Installation „Wir Hunde/Us Dogs“ in einem Altbau lockt Besucher in verschiedene Wohnungen, wo die Bewohner ihre Geschichte erzählen: „Meine Schwester Yardinia, ,Wauzi‘, und ihre Kinder Rosa, ,Coco‘, Yakira, ,Kika‘, Dalia und Tamara laden Sie herzlich ein!“ Bei Kamillentee erlebt man freilich ein Verhör: Eine Dame mit Chihuahua-Mischling – der einzige echte Hund hier – fragt: „Warum wollen Sie keinen ,Hundsch‘ zu sich nach Hause einladen?“ Wie? Was ist ein „Hundsch“? Im Wesentlichen ein Wesen zwischen Hund und Mensch, auch ein Synonym für einen Außenseiter oder Fremden.

Wer möglichst schnell in diese Kommune einsteigt und mitmacht, am leichtesten scheint das Frauen und Hundebesitzern zu fallen, hat die wenigsten Probleme: In die Hocke gehen, die Schauspieler, die mit Bandagen, Leinen, Knieschützern auf dem Boden herumkriechen, bellen, furzen, rülpsen, knurren, an Hosen lecken und um Leckerlis betteln, kraulen und mit ihnen spielen. Wer mit kritischen Fragen Zeit vergeudet (Was zum Teufel soll das? Wer sind diese scheußlichen Kreaturen?), dem ist nicht zu helfen.

 

Brutales Bootcamp im Zwinger

Wer Pech hat, erlebt den Auftakt der Performance im Zwinger: Unter einem Garderobeverbau hocken in engen Verschlägen „Hundsche“, die entweder beim Domestizieren versagt haben oder noch domestiziert werden müssen. Auch zwei Wölfe sind da. Der eine heißt Pascoal, schaut aus wie ein Guerillaführer und behandelt die Besucher, die sicherheitshalber mit einem Elektroschocker ausgestattet wurden, wie Geiseln. Seine angebliche Frau Nina 13 (die überwältigend somnambul anmutende Signa Köstler) hasst sich, den Eindringling und faselt mit weit aufgerissenen Augen etwas vom Verschwinden der Welt. Wurde Nina einer Gehirnwäsche unterzogen, oder ist sie im Drogenrausch durchgeknallt? Man erfährt es nicht.

Das Signa-Duo erboste und begeisterte 2011 das Publikum beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele mit Grabarbeiten in einem vergammelten Haus. Wer einmal bei einer Performance dabei war, reagiert weniger entsetzt auf die Tuchfühlung zwischen Spielern und Besuchern. Signa hat mit bildender Kunst zu tun, so viel steht fest. Aber was machen diese Leute mit dem Theater? Seinen religiösen, repräsentativen, aufklärerischen Wurzeln – und der moralischen Anstalt? Von alldem ist erstaunlich viel in diesen Aufführungen. Im Grunde gewinnt Signa dem Theater alte Werte zurück: Die Katharsis durch Mitleben und Mitleiden; die Aura, die Sinnlichkeit (dazu gehört auch die olfaktorische Belästigung) und den Erkenntnisgewinn durch spielerisch-verspielte Pädagogik. Machen nicht genau das auch die Hunde mit uns? Sie wecken unsere Empathie für die vermeintlich hilflose Kreatur, verströmen positive Energie, wecken den Spieltrieb und besetzen kompromisslos die bei vielen karge Freizeit mit Liebe – die im Leben schwer zu bekommen ist – und Spaß. Und: Der Rassehund dient als Statussymbol.

 

Puzzle, vielschichtig, widersprüchlich

Das Programmheft zitiert Konrad Paul Liessmann, Jacques Derrida, Eugen Drewermann. Es geht hier um Philosophie, Naturwissenschaft, Kreationismus, vielleicht in Wahrheit gar kein so großer Widerspruch? Aber die Kapazitäten oder die Theorie, sie spielen nicht die Hauptrolle. Während man durch die Räume wandelt, stetig umschwirrt von strengen Zweibeinern („Sind Sie Herrchen?“, „Sind Sie Hundsch?“) oder anhänglichen Vierbeinern, hat man auch Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen: Den persönlichen, an schrullige Tierfreunde im Familien- und Bekanntenkreis, ferner über das Leben von Menschen, die in die Gewalt einer Sekte oder eines Wahnsinnigen geraten sind und Jahrzehnte ein- und weggesperrt zubringen – ja, auch an die Psychiatrie und ihre Anstalten.

Puzzleteil um Puzzleteil häufen Signa aus ihren Recherchen auf. Der Schluss ist versöhnlich: Zu den Klängen von „Wind of Change“, der Rockballade der Scorpions, fordern zwei „Hundsche“ auf, die Leinen im Park loszumachen und das Revier zu teilen. Übrigens, die „Hundsche“ kann man tatsächlich zu sich einladen. Eine Liste mit Kontaktnummern liegt dem Programm bei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2016)

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