Flüchtlinge als Tigerfutter: Streit in Berlin

Die Genehmigung für eine Aktion des Zentrums für politische Schönheit wurde nun zurückgezogen.

Die Erzählung hat ihre komischen Seiten. Die Tiger, so verrät eine Mitarbeiterin am Infostand, seien ein Geschenk des türkischen Präsidenten Erdoğan nach dem Flüchtlingsabkommen mit der EU gewesen. Doch die große Geschichte hinter dem Tigerkäfig neben dem Berliner Gorki-Theater ist tragisch, oder zynisch, je nach Blickwinkel. Das Zentrum für politische Schönheit hat das Gehege vergangene Woche präsentiert, der Titel: „Flüchtlinge fressen“. Gesucht wurden Menschen, die sich öffentlich von den vier Tigern zerfleischen lassen. Natürlich hat die für Aktionismus bekannte Truppe ein interaktives Element eingebaut: Der Bundestag müsse einen Paragrafen kippen, der den Flugtransport von Flüchtlingen ins Inland mit Strafen belegt. Die Abgeordneten werden dabei mit jenen verglichen, die im alten Rom per Daumen rauf oder runter über Leben und Tod entschieden.

Jenen Menschen, die auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrinken, stellt die Aktion jene gegenüber, die sich als Futter für die Tiger opfern wollen. Tatsächlich präsentierte man am Montag die syrische Schauspielerin May Skaf, die sich als Opfer vorstellte. Sie habe nichts zu verlieren, weil sie schon alles verloren habe, erzählte sie unter Tränen.

Parallel dazu haben die Aktivisten Geld für einen Charterflug gesammelt, der 100 Flüchtlinge von Izmir nach Deutschland bringen soll. Online kann man (angeblich) abstimmen, ob Flüchtlinge wie Omar oder Amer mit an Bord dürfen. Bei erfolgreichem Crowdfunding soll der Flug Joachim 1 – benannt nach dem deutschen Bundespräsidenten – am kommenden Dienstag abheben.

 

„Politische Provokation“ untersagt

Im Innenministerium bezeichnete man die Aktion als „zynisch“, als „geschmacklose Inszenierung, die auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen werden soll“. Für derartige Tabubrüche ist das Zentrum allerdings bekannt – so hat man 2015 Leichen von Flüchtlingen exhumiert, um sie in Berlin zu bestatten. Es waren starke Bilder, mit denen die Aktivisten international für Aufsehen sorgten. Mit den Tigern läuft es ähnlich.

Allerdings: Am Dienstag zog das Bezirksamt Berlin-Mitte die Genehmigung für die Installation zurück – sie sei als Informationsveranstaltung angemeldet worden, aber in Wirklichkeit eine politische Provokation. Die Aktivisten verkündeten allerdings, dass sie die Aktion nicht abbauen würden. Auf Twitter hieß es: „Unsere Reaktion auf den Genehmigungsentzug: Amtsleiter hat sehr krudes Verständnis von Informationen. Informationen können provozieren!“ (eko)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2016)

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