Schönes Kopfkino mit Raimund

Cornelia Rainer inszenierte „Der Diamant des Geisterkönigs“ als Psychodrama. Entgeisterte Figuren suchen nach ihrer Bestimmung. Andrea Eckert gibt ihnen Hoffnung.

Erfinderisch und ein bisschen trashig: „Der Diamant des Geisterkönigs“ (mit K. F. Kratzl als Geisterkönig mit Ballon) in Gutenstein.
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Erfinderisch und ein bisschen trashig: „Der Diamant des Geisterkönigs“ (mit K. F. Kratzl als Geisterkönig mit Ballon) in Gutenstein.
Erfinderisch und ein bisschen trashig: „Der Diamant des Geisterkönigs“ (mit K. F. Kratzl als Geisterkönig mit Ballon) in Gutenstein. – Joachim Kern

Ein Toter liegt auf der Bühne. Ein Blitz hat ihn erschlagen. Wer weiß, warum? Beim wohlhabenden Herrn Zephises flogen Geister im Haus aus und ein. Auch jetzt umschwirren sie die Leiche, die immer noch Fragen beantwortet – und dann ist sie plötzlich weg. Was wird hier gespielt? Ein Krimi? Ein Zauberspiel? Ein Psychodrama?

In Gutenstein, wo Raimund urlaubte, inszenierte Cornelia Rainer das Stück „Der Diamant des Geisterkönigs“: Nach dem Ableben seines Vaters steht sein verwöhnter und fauler Sohn Eduard, der die 20 längst überschritten hat, allein auf der Welt – und kennt sich nicht aus. Das Schlimmste ist: Papa Zephises hat ihm nicht verraten, wo das Geld ist.

Da erscheint die Hoffnung in Gestalt der heurigen Gutenstein-Prinzipalin, Andrea Eckert, mit spitzem Hexenhut: Ein goldener Schlüssel wird Eduard auf die Sprünge helfen. Aber sein Heil liegt nicht im Reichtum, sondern in der Liebe. Eduard muss mit seinem Diener in überirdische Gefilde reisen. Dort trifft er einen weisen, aber schon ein bisschen milde-vertrottelten Geisterkönig, einen hundsgemeinen Diktator – und eben das lautere Mädchen, eine Waise bzw. eine unbegleitete Minderjährige, die übers Meer kam. Tatsächlich aber bleibt Eduard bei all seinen Abenteuern immer im mit alten Möbeln vollgestopften Salon, wo sein Ausflug begann. Seine Läuterung ist Kopfkino.

Die Idee, Raimunds Entwicklungsstücke als Fiktion darzustellen, ist nicht neu. Sie stammt von Großmeistern der Albtraumdeutung wie Andrea Breth oder Martin Kušej. Cornelia Rainer kommt vom Burgtheater. Das zeigt sich in ihren Inspirationsquellen, aber auch in ihrer peniblen Erforschung von Raimunds Universum. Basis des Stücks sind Märchen aus 1001 Nacht. Die Beziehungen der k. k. Monarchie zu Ost und Orient waren stark. Im Geisterkönig bildete Raimund den „guten“ Kaiser Franz I. ab, der den elitären Karrieristen Kanzler Metternich und dessen Polizeistaat regieren ließ. Das Volk blieb als „Gespenst“ im Untergrund, auch die aufstrebenden Bürger hatten nichts zu sagen, bis die Wut in der 1848er-Revolution hochkochte und niedergeschlagen wurde.

 

Ein bisschen Mozart und viel Politik

In der niedlichen Zauberposse – die Mozarts „Zauberflöte“ ähnelt – gilt es, allerhand zu dechiffrieren. Rainer zeigt alles, das unheimliche Märchen, in dem die Politiksatire wetterleuchtet, ohne dass der heitere Anstrich von Sommertheater verloren ginge. Damit wird vor den Besuchern ein Spiegel aufgestellt, in dem sie, je nach Standpunkt, Gegenwart oder Vergangenheit erblicken, also fast eine Zauberei. Eduards Diener, Florian, war die Raimund-Rolle, Florian ist so sehr von seinem Herrn abhängig, dass es ihn beutelt, er zuckt, hat Schmerzen oder ist selig, je nachdem, was sein Chef treibt. Matthias Mamedof entzückt als pfiffiger, witziger und wendiger Leporello-Verwandter.

Karl Ferdinand Kratzl macht seit Jahrzehnten das Gleiche, aber er wirkt meist authentisch, hier als Geisterkönig, mit einer Gefährtin statt eines Kammerdieners; die hantige Seniorin (Alexandra-Maria Timmel) nervt ihr alter „Tatterer“, sie greift zur Flasche. Annette Isabella Holzmann gibt Florians Verlobte, Mariandel, die warten muss, bis der Geliebte heimkommt, sie empfängt ihn wie Solveig Peer Gynt: grau und blind. Florian ruft nach ihr – wird das Mädchen in Mariandel wieder erwachen? Eduard Wildner ist einmal mehr ein idealer Bösewicht, Lisa Weidenmüller die hübsche Amine, die Eduard (Alexander Meile) retten wird, wenn er sie lässt. Und die Musi (Klezmer Reloaded) spielt dazu. Gutenstein ist eine Reise wert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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