Fürst Myschkin umarmt den irren Mörder

Eine treffliche Dramatisierung des „Idioten“ im Salon 5 am Thalhof, mit Daniel F. Kamen virtuos im Zentrum.

Gioia Osthoff, Daniel F. Kamen, Isabella Wolf, Jens Ole Schmieder, Murali Perumal
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Gioia Osthoff, Daniel F. Kamen, Isabella Wolf, Jens Ole Schmieder, Murali Perumal
Gioia Osthoff, Daniel F. Kamen, Isabella Wolf, Jens Ole Schmieder, Murali Perumal – (c) Andrea Klem/Salon5

Kann man Fjodor M. Dostojewskis dickleibigen Roman „Der Idiot“ (1868/69) in knapp zweieinhalb Stunden erkennbar auf die Bühne bringen? Dem Salon 5 ist das zur Eröffnung des diesjährigen Festivals am Thalhof in Reichenau an der Rax beeindruckend gelungen. Mit geringem Aufwand beim Bühnenbild (treppenartige Podeste, die mit dicken weißen Teppichen überzogen sind), dafür umso stärkeren schauspielerischen Leistungen wurde die Essenz dieses so reißerischen wie tiefsinnigen Buchs erfasst. Am Klavier begleitete Jérôme Junod die Szenen einfühlsam.

Bei der Vorpremiere am Mittwoch hatte das Publikum zudem den Vorteil, dass der Publizist Franz Schuh zu diesem von ihm favorisierten Werk befragt wurde, von der Chefin des Salons 5, Anna Maria Krassnigg. Sie inszenierte. Plastisch vermittelte Schuh eine Atmosphäre des Umbruchs in Russland, die zu Revolutionen führte. Er stellte konkrete Bezüge zur Gegenwart her, zu jenen gerissenen Typen in Österreich, die maßlos öffentliches Geld kofferweise ins Ausland geschafft hatten. Nein, meinte er, nicht einmal 800 Seiten Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft reichten, um das Geheimnis dieses „Romans“ von heute zu lüften.

Nach der intellektuellen Erbauung geht es mitten hinein in den Thriller, fast an den Schluss. Fürst Myschkin (Daniel F. Kamen), von einer Nervenkrankheit geplagt, ein edler Charakter, den so viele berechnende Menschen umgeben haben, sitzt nun eng umschlungen mit seinem Antagonisten, dem triebhaften Rogoschin (Murali Perumal), auf dem Podest. Wie ein Kind wirkt er neben dem Mörder der zuvor von beiden begehrten Frau. Eine Pietà. Tatsächlich erhält der simple Myschkin bei Dostojewski Züge von Jesus, er glaubt, dass die Schönheit die Welt retten wird.

 

Von stiller Tragik bis zum Slapstick

Doch die Welt ist nicht schön, sondern clever, wie Myschkins Besuche bei General Jepantschin zeigen. Dort trifft er Ganja, (Jens Ole Schmieder), einen haltlosen Bürokraten, und die Töchter des Hauses. Geworben wird um Aglaja (Gioia Osthoff). Zu ihr, der jüngsten, entspinnt sich eine Art Liebe, während die ältere, eine Kombination aus Mutter und Tochter, vor allem das Geschehen kommentiert: Isabella Wolf macht das Publikum dabei ostentativ zum Komplizen. Myschkins Alternative zu Aglaja, die berückende Nastassja (Michaela Saba), wird nur auf einem Videoscreen gezeigt, so wie ihr reicher Verführer Totzkij (Horst Schily), der sie als Zwölfjährige zur Mätresse nahm. Eine böse Geschichte der Erniedrigung und Beleidigung. Nastassja erregt das Mitleid des Fürsten. Wo aber bleibt die Liebe? Wo das Glück? Kamen spielt die Rolle des reinen Toren virtuos, von stiller Tragik bis zum Slapstick. Er ist das mystische Zentrum eines typenreichen Ensembles. Fast wie im Roman.

Termine: 25.–28., 31. Aug., 1.–4. Sep., 18.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2016)

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