Das „Muttertheater“ Václav Havels in Wien

In einer kleinen, feinen Ausstellung im Theatermuseum wird die intensive Beziehung des Prager Dramatikers zu Wien gezeigt, die Burgtheaterdirektor Achim Benning initiierte.

 Václav Havel
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 Václav Havel
(c) Václav Havel, Plakatsujet

Das kommunistische Regime in der ČSSR hat Václav Havel bis zum Schluss verfolgt. 17 Jahre lang hatte dieser Dichter und Dissident, der keine Kompromisse kannte, wenn es um bürgerliche Freiheiten ging, Publikations- und Aufführungsverbot. Auch zuvor wurde der Nachkomme einer großbürgerlichen Prager Familie drangsaliert, durfte zum Beispiel nicht Geisteswissenschaften studieren. Er wurde Laborant, Taxifahrer, Bühnentechniker. Doch er schrieb. Auf den kurzen Prager Frühling 1968, der vor allem auch ein kulturelles und subkulturelles Phänomen war, folgte verstärkte Repression. Von 1979 bis 1983 wurde Havel inhaftiert, seine Gesundheit litt darunter schwer. Das Revolutionsjahr 1989, das samten endete, musste er in den ersten Monaten ebenfalls im Gefängnis verbringen. Doch was für eine Wende brachte diese Zeit! Ende des Jahres wurde Havel nach dem Fall der KP-Herrschaft zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt – zum letzten dieses Staates. Von 1993, als die Slowakei unabhängig wurde, bis 2003 war er der Staatschef Tschechiens. Da blieb wenig Zeit für die Literatur. 2011 starb Havel, dieser große Sohn seines Landes, eine moralische Instanz für die ganze Welt, mit 75 Jahren.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag (5. Oktober) wurde im Wiener Theatermuseum soeben eine Ausstellung eröffnet, die sich mit der Beziehung des Dramatikers zu Wien in den Siebziger- und Achtzigerjahren beschäftigt: „Seine Freiheit, unsere Freiheit. Václav Havel und das Burgtheater“ lautet der Titel dieser von der Weggefährtin Anna Freimanová gemeinsam mit der Václav-Havel-Bibliothek Prag kuratierten Schau, die konzentriert auf zwei Säle einen Überblick über diese wichtige Phase des Dichters gibt. Die meisten der ausgestellten Objekte stammen aus der Prager Bibliothek.

Es ist das Verdienst des damaligen Burgtheaterdirektors, Achim Benning, dass er Havel, dem Verfolgten und Verfemten, der ein wesentlicher Initiator der oppositionellen Bürgerrechtsbewegung Charta 77 war, in Wien eine Bühne für seine aufklärerischen, gesellschaftskritischen und meist auch leicht absurden Stücke gab. Das Akademietheater wurde Havels zweite künstlerische Heimat, sein „Muttertheater“, wie er es nannte. Der Reigen der Uraufführungen begann im Oktober 1976 in der Ära Benning mit den Einaktern „Audienz“ und „Vernissage“. Havel durfte dafür nicht nach Wien reisen, KP-Generalsekretär Gustáv Husák gab entsprechenden Bitten der österreichischen Bundesregierung nicht nach. Dieser Autor vertrete nicht die Kultur seines Landes, hieß es.

 

Briefe aus dem Gefängnis

Die Premieren waren Widerstand gegen ein diktatorisches Regime, wie begleitende Texte demonstrieren. Die Dramen (u. a. „Protest“, „Berghotel“ und „Largo Desolato“) werden durch Programmhefte, Szenenfotos, das Modell eines Bühnenbilds, Kostüme und vor allem auch Briefe hilfreich kontextuiert. In einem Schreiben setzt sich etwa der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky in Prag für Havel ein. Briefe aus dem Gefängnis sind ausgestellt und (verbotene) Samisdat-Manuskripte, als Kontrast zu den Büchern, die im Westen erschienen. Auratisch wirken die abgewohnten Gartenmöbel Havels aus seinem kleinen Haus in Hrádecek im Norden von Böhmen und seine orange mechanische Schreibmaschine aus den Siebzigerjahren.

Im Finale, wenn es nicht mehr um Literatur geht, sondern um Politik, triumphiert die Vernunft: Havel, der vielfach Geehrte, wird als Präsident gezeigt, der aufsehenerregende Reden hält, man sieht ihn auf Fotos unter den Großen der internationalen Politik, auch mit Papst Johannes Paul II. – Havel ist bereits ein älterer Herr, der noch nicht vergessen hat, wie man verschmitzt lächelt.

Bis 17. April 2017 im Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien. Täglich außer Dienstag, 10 bis 18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2016)

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