Teenie-Komödie mit Tiefgang

Das Duo Gerafi überzeugt in seinem dritten Kabarettprogramm „Zusammen sind wir individuell“ mit präzisem Timing und überraschenden Wendungen.

Gerald Dell'mour und Rafael Wagner sind zusammen Gerafi.
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Gerald Dell'mour und Rafael Wagner sind zusammen Gerafi.
Gerald Dell'mour und Rafael Wagner sind zusammen Gerafi. – (c) Gerald Strehlow

Da geht man ins Kabarett – und plötzlich findet man sich in einem Singspiel wieder. So machen Gerafi das immer. Die zwei guten Freunde Gerald Dell'mour und Rafael Wagner haben mit „Zusammen sind wir individuell“ im November ihr drittes abendfüllendes Programm im Theater am Alsergrund zur Premiere gebracht. Sie wechseln flott zwischen sketchartig gespielten Szenen und solchen, in denen die Figuren sich singend unterhalten – bzw. ihr Innerstes in Form von Liedern nach außen kehren.

Warum so viele Songs? Die Antwort gibt im Stück Rafael Wagner in der Figur als Werbeagentur-Boss: „Ein Song? Information und Manipulation über Emotion? Eine gute Idee!“ Der „Falter“ schrieb, dass das Publikum von Gerafi bei der Premiere so überraschend jung war. Die „Presse“ wundert das nicht – denn die zwei Niederösterreicher verbreiten einen Hauch von Jugendtheater im Saal.

Schmähs und Slapstick erinnern an manch Teenie-Komödie aus den USA. Auch die Namen der Protagonisten in dem Fünf-Figuren-Stück für zwei Personen lassen vermuten, dass das Stück im angloamerikanischen Raum angelegt ist: Der eine heißt Geoffrey Efferson, der andere Randy Jack Johnson. Doch sobald Ortsnamen oder U-Bahn-Stationen vorkommen, weiß man: Die Geschichte spielt in Österreich, zwischen Wien und St. Pölten. Ortsnamen außerhalb von Österreich kommen nur vor, wenn sie witzig oder ordinär klingen wie Darmstadt, Wixhausen oder Pissen. Drei Paradeorte in Deutschland, denen der Werbefuzzi Geoffrey in diesem Stück durch neue Werbekonzepte zum Touristenboom verhelfen soll.

Mit Herz und Freude

Geoffrey, das ist der eine der Freunde, die sich in „Zusammen sind wir individuell“ über 20 Jahre aus den Augen verloren hatten. Randy, das ist der andere. Im übertrieben kindisch gespielten Einstieg waren diese zwei als Kinder noch auf der selben sozialen Stufe und beste Freunde. Doch 20 Jahre trägt Geoffrey Anzüge und bucht einen Urlaub in den Malediven, während Randy sich nicht einmal leisten könnte, einen Maledivenurlaub zu stornieren. Er kellnert, um sich ein Leben als erfolgloser YouTube-Rapper zu ermöglichen.

Das Schicksal – und die von Robert Blöchl und Ursula Bleyer inszenierte Dramaturgie – bringen die zwei Burschen wieder zusammen. Es kommt zum Wiedersehensrausch. Mit einem magischen Erwachen: Das Piratenamulett des Urururururgroßvaters verursachte einen Seelentausch: Für 24 Stunden ist Geoffrey Randy und Randy Geoffrey. Diese zweite Hälfte des Stücks funktioniert wunderbar – wieder wähnt man sich in einem US-Film, allerdings diesmal in einer Verwechslungskomödie.

Gerald Dell'mour und Rafael Wagner spielen mit Herz und Freude. Vor allem bei stark pantomimisch angehauchten Szenen merkt der Zuseher, wie viel Arbeit in Timing und Präzision gesteckt wurde. Sei es im Zeitlupen-Sketch oder bei Jack Sparrow mäßigen Fight-Szenen.

Lacherfolge durch Ungesagtes

Apropos Pantomime: Gerafi bringen gern durch Ungesagtes das Publikum zum Lachen. Etwa wenn sie durch ein riesiges Schild auf dem Kopf klarstellen, wen die Figur darstellt: „Kaffeehausbesucher“ oder „unterbezahlter Klavierspieler“ liest man in großen Lettern auf dem Zettel.

Solche plakativen Schmähs gleichen Gerafi zwischendurch mit Tiefgang aus: Etwa bei dem gesellschaftskritischen Song über schicke, vegane Bobos, die nicht auf ihr Smartphone verzichten wollen, obwohl sie wissen, wie viel Raubbau im Kongo dafür betrieben wird. „Was ist schon ein bisschen Leid gegen permanente Erreichbarkeit?“, singen sie. Auch zum Schluss transportieren Gerafi eine Message: „Lebe deinen Traum“. Das Lied bleibt als Ohrwurm in den Köpfen der Zuseher, die über ein Happy End der so liebenswürdig gezeichneten Figuren glücklich sein dürfen.

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