Die vielseitig verwendbare Theatergurke

Ali M. Abdullah zeigt im Werk X "Macht und Rebel" von Matias Faldbakken: Popliteratur. Es geht vorwiegend um das eine.

Ein Mann steht an der Kassa im Supermarkt. Er hasst alle. Er kauft eine Gurke. Und jetzt kommt's. Nein, wir erzählen das lieber nicht – und auch anderes aus Matias Faldbakkens Roman „Macht und Rebel“, in einer szenischen Fassung im Werk X in Meidling zu sehen, bleibt unbeschrieben. Es gibt ja so herrlich technoide Wörter für all die Sauereien und Perversionen, die hier in rund zwei Stunden vorgeführt werden: Nazi-Koketterie, Pädophilie, Analfixierung usw.

1974 verursachte Liliana Cavanis Film „Der Nachtportier“ einen Skandal, hochbesetzt mit Dirk Bogarde und Charlotte Rampling. Es ging um die sadomasochistische Beziehung einer KZ-Überlebenden mit ihrem SS-Peiniger zwölf Jahre nach dem II. Weltkrieg. Der Umgang mit der Thematik ist roher geworden. In Faldbakkens Gewaltcomic, der bereits in Buchform manchem deutschen Kritiker die Haare zu Berge stehen ließ, werden antisemitische Witze erzählt. Man treibt Gruppensex mit Gummipenissen.

Angeblich ist die Botschaft tiefgründig, unterfüttert mit Theorien von Bakunin bis Noam Chomsky. Kapitalismus-und Konsumkritik sind angesagt. Eine These ist, dass die Popindustrie, nachdem sie im Mainstream versunken ist, wieder radikalisiert werden muss. Faldbakken will ihr das Explosive zurückgeben. Was hier explodiert, sind Banalitäten wie die Erkenntnis, dass dem Menschen eine destruktive Kraft innewohnt.

 

Grenzenlose Anarchie

Ali M. Abdullah, Ko-Prinzipal des Werks X hat bereits die anderen Faldbakken-Bücher inszeniert: „The Cocka Hola Company“ über die Pornoindustrie und „Unfun“, eine Paraphrase auf das Horrorgenre. „Macht und Rebel“ bezieht den größten Witz daraus, dass die Machomänner, die hier einen Krieg der Konzerne entfachen, Frauen sind, die sich, dem grotesken Ambiente entsprechend, tapfer durchschlagen, nicht zuletzt, weil sie sich alle fünf Minuten umkleiden müssen. Das Publikum jubelte.

Faldbakken, der auch bildender Künstler ist, siedelt irgendwo zwischen Andy Warhol und Christoph Schlingensief. Letzterer fehlt uns sehr. Faldbakkens schrille Ideen haben wenig Substanz. Eines stimmt nachdenklich: Aus den Trümmern der Parteien- und Denklandschaft scheint ein Anarchismus zu wachsen, von dem man froh sein kann, wenn er sich im Theater austobt. Das Stück ist übrigens erst ab 18 Jahren freigegeben, sinnlos, denn da sind die schlimmsten Pubertäts- und Hormonschübe, in denen „Macht und Rebel“ ein Trost wäre, vorbei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2017)

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