Turnen im Netz der „Weltmaschine“

Saskia Hölbling sprach mit der „Presse“ über ihr neues Stück, „Corps suspendus“: Es zeigt Menschen in einem Gewirr aus Seilen – vernetzt wie im World Wide Web.

Saskia Hölbling (hier bei der Probe) gründete 1995 ihre Tanz-Company Dans.Kias.
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Saskia Hölbling (hier bei der Probe) gründete 1995 ihre Tanz-Company Dans.Kias.
Saskia Hölbling (hier bei der Probe) gründete 1995 ihre Tanz-Company Dans.Kias. – (c) Hans Hochstöger

Ein schwarzes Netz, festgezurrt an die umstehenden Säulen – mehr braucht es nicht, um eine kleine „Weltmaschine“ aufzustellen, findet Saskia Hölbling. „Es ist ein Netz, das uns alle umspannt wie die Globalisierung oder das World Wide Web, ein System, aus dem man sich nicht herausnehmen kann“, erzählt sie am Rande einer Probe für ihr neues Stück, „Corps suspendus“, das heute, Freitag, als ImPulsTanz-Special im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste zur Uraufführung kommt.

Vier schwarz gekleidete Gestalten – zwei Männer, zwei Frauen – bewegen sich durch das Netz, laufen, turnen, purzeln durch das Gewirr aus Seilen, das wie ein schwarzes Spinnennetz im Raum hängt. Kleine Verfolgungsjagden, zartes Geplänkel, neugieriges Erobern des Raumes, fluchtartige Szenen – all das passiert, denn hier ist alles möglich, was zwischenmenschlich so passieren kann. Alles, außer völliger Ruhe. Liegt einer im Netz, um zu rasten oder einfach nur, um sich Zudringlichkeiten der anderen zu entziehen, muss er dennoch aufpassen, nicht durch die Schwingungen, die die anderen durch ihre Bewegungen erzeugen, aus dem Gleichgewicht zu geraten.

 

Wie große Luftmaschen im Raum

Jeder kann jederzeit durch die wie große Luftmaschen im Raum hängenden Seile fallen, kann ausrutschen und ausgespuckt werden von diesem Ding, das nach Ansicht Hölblings faszinierend und gefährlich zugleich ist: „Dieses Gewebe hat eine unheimliche Anziehungskraft. Man hat Lust, sich hineinzuschmeißen. Aber es stellt einem auch hin und wieder den Haxen und fordert.“ Es fordert großes Geschick von den Tänzerinnen und Tänzern der Company Dans.Kias, um das Geflecht und seine Tücken zu bezwingen. Höbling will mit ihrem „Corps suspendus“ die Vernetztheit unserer Gesellschaft zeigen, dass wir uns in großen und in kleinen Systemen bewegen – und dabei stets von allen anderen, die darin unterwegs sind, beeinflusst werden. Manchmal wirken die Körper hier auch sehr verletzlich. „Wenn einer im Netz hängt und sich ein anderer durchs Netz ackert, dann sind die Resonanzen der Bewegung sichtbar.“ Niemand könne in einem System auf den anderen zeigen, auf einen Fremden, und sagen: Mit dem habe ich nichts zu tun. In diesem Stück ist jeder mit jedem vernetzt, im wahrsten Sinne des Wortes verbandelt. Manchmal ergibt sich daraus eine vertraute Nähe, dann wieder wirkt ein Einzelner oder die Gruppe bedrohlich. Oft scheinen die Protagonisten, die sich sehr flink durch dieses schwierige Terrain manövrieren, wie getrieben. Ruhepausen sind nicht vorgesehen, in dem wackeligen Ding sowieso so gut wie unmöglich: „Dieses Stück hat einen ständigen Motor nach vorn – was ja auch zeitgemäß ist“, sagt Hölbling. Alles muss immer vorwärts gehen.

 

Erst die Stille, dann die Musik

Zwei Wochen lang hat sie mit Gudrun Lenk-Wane an der Konstruktion aus Kletterseilen und Spanngurten gearbeitet. Die Choreografie hat Hölbling zunächst in völliger Stille entwickelt. „Ich arbeite immer so: Meine Choreografie muss in der Stille halten. Das heißt aber nicht, dass die Musik nichts macht. Die Idee mit den Seilen, dem Netz, der Weltmaschine schwebte im Raum, und gleichzeitig, während wir an dem Stück gearbeitet haben, hat Wolfgang Mitterer die Sounds gesucht und reziprok die Musik dazu gemacht.“ Mitterer hat Beats, Seufzen, elektronische Klänge und Alltagsgeräusche zu einem teils geschäftigen, dann wieder ruhigen Soundteppich verwebt. „Durchaus auch, um punktuelle Stimmungen zu verstärken, dieses Gefühl von immer weiter, weiter, weiter“, sagt Hölbling. „Und er hebt Momente hervor: einen Blick, der mehr sichtbar wird, oder eine Geste.“ Gesamteindruck: unkonventionell.

„Corps suspendus“: 3. bis 8. März, 20 Uhr, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2017)

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