Der Auftrag: Danton als Marionette köpfen

Kritik Jan-Christoph Gockel zwingt Georg Büchners Revolutionsdrama mit dem von Heiner Müller zusammen. Das ehrgeizige Projekt ist trotz der Fülle an Ideen kein großer Wurf. Der Abend wirkt oft unübersichtlich und ist viel zu lang.

Florian Köhler lässt die Puppen tanzen. Er spielt Galloudec, einen Bauern als Revolutionär.
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Florian Köhler lässt die Puppen tanzen. Er spielt Galloudec, einen Bauern als Revolutionär.
Florian Köhler lässt die Puppen tanzen. Er spielt Galloudec, einen Bauern als Revolutionär. – (c) Lupi Spuma

Drei äußerst gewaltbereite Männer sind Ende des 18. Jahrhunderts aufgebrochen, um die Französische Revolution nach Lateinamerika zu bringen. Ihr Plan scheint schlecht durchdacht, wie sich in der Collage „Der Auftrag: Dantons Tod“ bei der Premiere am Freitag im Grazer Schauspielhaus bald gezeigt hat. Nebel kommt auf. Die Kinder der Revolution sitzen in einem Geländewagen und fahren im Kreis. Geht es nach Jamaika? Oder nach Peru? Sie halten an: „Wir haben uns verfahren!“ Das kann man auch über die Inszenierung von Jan-Christoph Gockel sagen. Sein Versuch, Georg Büchners 1834/35 verfasstes Drama „Dantons Tod“ mit Heiner Müllers 1980 uraufgeführtem Stück „Der Auftrag“ zu kreuzen, ist auf hohem Niveau gescheitert, nicht aus Mangel, sondern aus einem Übermaß an Einfällen, die von einem Quartett an Schauspielern und zwei Puppenspielern (Michael Pietsch, Raphael Muff) mit Verve dargeboten wurden. Der Gesamteindruck: größtmögliche Verwirrung wie in einer gescheiterten Revolution. Das fast drei Stunden dauernde Unternehmen Marionettenmüller wurde gemischt aufgenommen. Bemerkbar viele Zuseher kehrten nach der Pause nicht zurück, aber das Gros jener, die bis zum Schluss ausharrten, gab erst zögerlichen, dann langen Applaus.

Die Revolution frisst längst ihre Kinder

Die Grundidee, das muss man sagen, ist verführerisch. Müller, der große Brecht-Verehrer, der in der DDR stets zwiespältig aufgenommen wurde, bezieht sich in seiner sarkastischen Abrechnung mit Revolutionen direkt auf Büchner. Bei ihm liefern sich Danton und Robespierre mörderische rhetorische Schlachten. Danton endet unterm Fallbeil, Robespierre wird ihm folgen. Bei Müller werden diese Kontrahenten durch den Sklaven Sasportas (Komi Mizrajim Togbonou) und den Bauern Galloudec (Florian Köhler) ersetzt. Ihre Synthese, wenn es so etwas in diesem anarchischen Albtraum überhaupt gibt, ist der Aufklärer Debuisson (Julia Gräfner), ein Moralist, der mit zwei Egozentrikern den Auftrag zur Revolutionsausfuhr erfüllen soll. Das Trio, bewaffnet mit modernen Gewehren, die Kleidung häufig wechselnd, weiß da noch nicht, dass mit Napoleons Griff zur Macht die Reaktion eingesetzt hat: Die Revolution frisst längst ihre Kinder.

Die einstigen Stars von 1789 werden als Marionetten vorgeführt (auch Büchner erwähnt in seinem Stück manipulatives Puppenspiel). Vor dem Vorhang steht eine kleine, blutverschmierte Guillotine, die Marionette Danton schreitet an der Rampe über die Bühne, legt sich unter das Fallbeil. Aus einem Ghettoblaster tönt beim Köpfen der Jubel der Menge. Hinter halb transparenter, dunkler Leinwand hängt schon Sasportas. Der Vorhang hebt sich, nun sieht man einen Theaterkarren, dessen roter Vorhang aufgeht. Ein Puppenspiel mit putzigem Mobiliar aus alter Zeit (Bühnenbild: Julia Kurzweg). Im Wagen ein weiterer Vorhang. Ein Spiel im Spiel im Spiel. Und dann auch noch massig Videos!

Es ist allerliebst anzusehen, wie ein einziger Mann eine ganze Volksmenge an dünnen Fäden manipuliert. Diese Erinnerungen an die verlorene Sache in Paris sind beherzt, herzig und zudem verständlich. Reizvoll ist auch, dass einer der Puppenspieler zugleich den Regisseur gibt (er wird einmal sogar in einen Käfig gesteckt). Doch mit Fortdauer des Abends siegt das Gesetzlose über die Dramaturgie. Man hat sich eben ein wenig verfahren, wie es hier in der berühmten surrealen Fahrstuhlszene von Müller heißt, die das Scheitern des Auftrags verdeutlicht. Diesen Nachgeborenen direkt gegen Büchners gewaltiges Genie antreten zu lassen, scheint doch unfair. Bereits vor der Pause gibt es lähmende Längen, wenn „Der Auftrag“ dominiert. Nach der Pause ist der Kontrast zwischen packenden und langweiligen, zu ausführlich zelebrierten Szenen noch größer.

Musik von den Doors: „This Is the End“

Die Leistungen der Schauspieler sind aber beachtlich. Gräfner hat stets starke Präsenz, nicht nur in den lauten Passagen, sondern auch, wenn sie Angst zeigt „vor der Schönheit der Welt“. Togbonou, der auch exzellent musiziert (man hört zum Beispiel „The End“ von den Doors), ist in seiner raffinierten Zurückhaltung geradezu geheimnisvoll, voll latenter Aggression: „Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand.“ Köhler zeigt sein vielfältiges Können, in Satire wie in tieferer ironischer Bedeutung, und Evamaria Salcher überzeugt als Antoine, als Erste Liebe und als Engel der Verzweiflung. Mit großen Flügeln rauscht sie wie ein Bote des Todes durch die mehrfach gebrochene Scheinwelt. Fazit: Selbst bei genauer Textkenntnis ist dieses Potpourri nur schwer zu durchschauen. Man befindet sich im Nebel auf dem Rücksitz eines Autos, irgendwo auf einer Landstraße in Peru, in einem Fahrstuhl, im Dschungel von Jamaika oder auf dem Freiheitsplatz in Graz. Der Fahrer wechselt das Rad. Angeblich hat es eine Revolution gegeben. Doch es war alles nur Puppentheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2017)

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