Reinsperger und Galke: Zwei Naturgewalten

Stefanie Reinsperger und Rainer Galke über endliche Liebe, große Sätze und die schmerzbefreiende Wirkung der Bühne.

Klassiker. Rainer Galke und Stefanie Reinsperger spielen „Kasimir und Karoline“ im Volkstheater.
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Klassiker. Rainer Galke und Stefanie Reinsperger spielen „Kasimir und Karoline“ im Volkstheater.
Klassiker. Rainer Galke und Stefanie Reinsperger spielen „Kasimir und Karoline“ im Volkstheater. – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Auf dem Oktoberfest waren Stefanie Reinsperger und Rainer Galke noch nie. Schlimm ist das nicht, schließlich steht das Münchner Spektakel, in dem Ödön von Horváth sein Volksstück „Kasimir und Karoline“ ansiedelte, wohl sinnbildlich für jede Art von Fest, das den Menschen eine kurze Flucht vor der krisengeschüttelten Realität bietet, wo Regeln dehnbar sind und aufgestaute Emotionen ein Ventil finden. Im Volkstheater spielen Reinsperger und Galke nun das Liebespaar, auf das im Rummel des Festes private wie auch allgemeine Krisen hereinbrechen. Die beiden Schauspieler, die schon in Düsseldorf gemeinsam engagiert waren, waren auf der Bühne bereits in allerlei Beziehungskonstellationen zu sehen. Das „Schaufenster“ traf sie zum Doppelinterview.

„Kasimir und Karoline“ spiele „in unserer Zeit“, schrieb Horváth 1932 in den Text. Da herrscht Krisenstimmung, die Leute blicken sorgenvoll in die Zukunft, haben ziemliche Abstiegsängste, gleichzeitig gibt es viel technologischen Fortschritt: Tatsächlich erinnert viel an die heutige Zeit . . .

Stefanie Reinsperger: Ich finde es erschreckend, wie aktuell ältere Texte oft sind.
Rainer Galke: Der Text ist nicht umsonst ein Klassiker. Auch in den 1980ern und 90ern haben die Leute gesagt: Das passt genau zusammen. Das macht die Qualität des Stücks aus. Es zu lesen, finde ich fast noch spannender, als es zu spielen: Weil da so zeitlose, große Sätze drinstehen, die die Welt auf den Punkt bringen und die man, wenn man sie spielt, nur kleiner machen kann.


Sind Kasimir und Karoline zwei Liebende, die durch die Umstände entzweit werden?

Reinsperger: Sie schieben es darauf. Aber das wäre ein bisschen zu einfach. Das Stück fängt zu einem Zeitpunkt an, an dem andere Stücke aufhören würden. Da muss es vorher schon gehakt haben. Karoline sagt einmal: „Man muss das trennen, die allgemeine Krise und das Private.“ Ich glaube, dieser Meinung ist Kasimir gar nicht. Beide haben eine sehr unterschiedliche Art, mit Krisen umzugehen.


Gibt es so etwas wie Schicksal in der Liebe? Waren die beiden vielleicht gar nicht füreinander bestimmt?

Reinsperger: Sie waren jedenfalls für eine bestimmte Zeit fürei­nander bestimmt. Es gibt vielleicht Paare, denen es nicht vergönnt ist, dass es für immer klappt.
Galke: Eine Zeitlang ist das sicher ganz gut gegangen. Aber eine richtige Liebe sollte es überstehen, dass einer arbeitslos wird. Auch wenn ihn das trifft, wenn er sich in seinem Stolz und in seiner Männlichkeit herabgesetzt fühlt.
Reinsperger: Das Fest, bei dem alles passiert, ist eine Art Ausnahmezustand. Weil ihre Beziehung schon so porös ist, sind die beiden unglaublich empfänglich für die Menschen, die ihnen begegnen und Sachen versprechen. Wenn sie einfach zu Hause geblieben wären und eine Pizza bestellt hätten, wären sie am nächsten Morgen anders ins Gespräch gekommen. Dann wäre diese Beziehung, traue ich mich zu sagen, zumindest für diesen Zeitpunkt noch intakt. Ich finde die Frage spannend: Wann sind diese Figuren einmal ehrlich zu sich? Und miteinander?


Karoline sagt auch einmal: „Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur.“ Wie spielt man eine Figur, von der man weiß, dass sie ihre Zeilen gar nicht immer meint?

Reinsperger: Unsere Figuren sind nicht unbedingt klüger als wir selbst. Wenn wir das lesen, dann tun wir das reflektiert, aber wenn wir das sprechen, dann ist mein Anspruch: Lass uns schauen, dass das so naiv und perlend und klar bleibt, wie der Horváth den Figuren das in den Mund gelegt hat. Was diese Sätze auch für Bilder beschreiben! Kasimir hat den einen Satz: „Du hast in mir drinnen gewohnt und bist aber seit heute ausgezogen“ – würde ein Mann das zu mir sagen, ich würde alles andere tun, als mich zu trennen!


Kasimir sagt einmal: „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.“ Würden Sie dem zustimmen?

Galke: Nein, natürlich nicht. Wenn man intelligent ist, sollte man versuchen, das Positive zu sehen und sich nicht dem viel zu allgemeinen Pessimismus anschließen. Du kannst immer alles schlechtmachen. Was in unserer Zeit Populismus genannt wird, das ist einfach, das sind kurze Sätze, das sind prägnante Statements. Es ist ziemlich pessimistisch, aber es ist nicht unbedingt intelligent. Die Menschen, die es sich ausdenken, die sind leider unglaublich intelligent, weil sie das ja ins Kalkül ziehen. Die meinen das wahrscheinlich gar nicht so, wie sie es sagen. Aber sie wissen, mit solchen Sprüchen kommt man im Moment am weitesten, weil es genug Dumme gibt, die sie einfach nachbrüllen.


Muss das Theater politisch sein? Oder: Dürfte das Theater auch ein Tempel des Eskapismus werden?

Reinsperger: Theater ist immer politisch. In dem Moment, in dem wir uns informiert auf eine Bühne stellen, wird das Gesagte aktuell. Das ist eine große Verantwortung, die man als Künstler hat. Oft merkst du: Diesen Satz sprichst du ganz anders, weil du gerade Zeitung gelesen hast, wo wieder etwas Furchtbares drinstand.
Galke: Ich habe mir vor Kurzem „Medea“ angeschaut. Auch als Zuschauer siehst du das jetzt anders: Da steht ein Zelt auf der Bühne. Das wäre in den 1980er- oder 90er-Jahren Sozialkitsch gewesen. Natürlich gibt es Zuschauer, die sagen: Ach, muss es jetzt wieder um die Flüchtlinge gehen? Wobei es ja bei Grillparzer schon steht: Die sind hier nicht willkommen. Das ist eine Flüchtlingsgeschichte.


Kann Theater die Welt verbessern?

Galke: Schön wäre es! Mir reicht es, wenn ich den Menschen ein paar Impulse liefern kann. Eben ein Zelt auf der Bühne oder die Szene mit den zwei toten Kindern in „Medea“. Ich habe auch zwei Kinder. Das löst Gedanken aus! Dann denkt man nicht mehr darüber nach, was das für eine Inszenierung ist oder wer darin spielt. Man denkt: Was ist dieser Frau passiert, dass sie das tut? Was hat diese Gesellschaft aus ihr gemacht? Wenn man an einem Abend ein paar Menschen so berühren kann, dass sie über sich und ihre Umwelt kurz anders nachdenken, dann hat man schon sehr viel erreicht. Dann muss ich gar nicht die Welt verändern.
Reinsperger: Bei „Medea“ waren Freundinnen von mir im Publikum, die im Sozialamt arbeiten und Müttern manchmal ihre Kinder wegnehmen müssen. Es gibt diese Szene, in der Medea um ihre Kinder schreit. Meine Freundinnen meinten dann: „Steffi, das ist wirklich so.“ Es hat sie fertiggemacht und verstört, aber es war auch gut für sie, das, mit dem sie sich dauernd auseinandersetzen, einmal abgekoppelt von sich zu sehen. Das hat ihnen geholfen, es anders zu verarbeiten. Dafür mache ich diesen Beruf.


Sie haben schon am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo Sie beide engagiert waren, viel zusammen gespielt. Erinnern Sie sich an Ihre ersten gemeinsamen Bühnenerfahrungen?

Reinsperger: Ich weiß noch, dass ich wahnsinnige Angst vor Rainer hatte. Er war schon ein großer Star in Düsseldorf. Wenn er auf die Bühne kam, dann haben die Leute im Zuschauerraum getuschelt: „Der Galke kommt, der Galke kommt!“
Galke: Ich erinnere mich gern an den Abend über Sisi und Franz, den wir gemacht haben, weil Steffi und die Regisseurin, Wera Mahne, so riesige Sisi-Fans waren.
Reinsperger: Und Rainer hatte keine Ahnung, wer Sisi ist!
Sie werden beide von Kritikern gern mit dem Wort „Naturgewalt“ beschrieben.
Reinsperger: Rainer ist für mich vor allem ein Spieler, bei dem ich so klein und schwach sein kann wie selten bei jemand anderem. Das finde ich toll. Er ist ein Kollege, der einen auffängt, egal, wie stark oder schwach man ist.
Galke: Das ist aber nett gesagt.


Haben Sie (noch) Lampenfieber?

Galke: Oh ja.
Reinsperger: Ich mag das auch, diese Anspannung. Eine Vorstellung ist für mich wie eine Skiabfahrt. Du weißt vorher nicht, wo ist das Glatteis? Dann kommt es darauf an: Sitzen Leute im Publikum, die man kennt? Das macht mich viel nervöser. Es ist ein schönes Gefühl, diese Aufregung, wenn du alle zwei Minuten aufs Klo musst.
Galke: Das Lampenfieber hilft ja auch. Das hat die Natur so eingerichtet, da sorgt das Adrenalin dafür, dass man wach, konzentriert, fluchtbereit ist.
Reinsperger: Und so wahnsinnig schmerzunempfindlich! Wenn du ganz krank bist, merkst du das gar nicht, während du spielst. Auch wenn du dich auf der Bühne verletzt.
Galke: In Kiel habe ich einmal in „Romeo und Julia“ gespielt, und wir hatten eine echt schwere, sehr lange Fechtszene ganz am Anfang. In den Endproben übt man die zweimal am Tag. Uns tat alles weh, wir haben uns ständig auf die Finger geschlagen. Auf der Bühne waren wir wie junge Götter, ganz elegant, aber wenn wir dann abgingen . . . (geht gebückt und hält sich das Kreuz).


Sie beide kennen das Düsseldorfer und das Wiener Publikum. Was sind die größten Unterschiede?

Galke: Düsseldorf hatte eine harte Zeit, als wir da waren. Wir haben tolle Vorstellungen wie „Der zerbrochene Krug“ und „Nora“ vor 150 oder 200 Leuten gespielt. Das war uns egal, weil die Inszenierung so toll war. Aber es ist schon erbärmlich, wenn in einem Theater, das annähernd tausend Leute fasst, nur die ersten drei Reihen gefüllt sind. Das Düsseldorfer Publikum ist sich seiner Bürgerlichkeit sehr bewusst. Die wissen, dass sie eine tolle Kunstakademie und viele Galerien haben, und wenn sie Geld fürs Theater ausgeben, dann wollen sie auch gut unterhalten werden. Die haben überhaupt kein Problem damit zu gehen, wenn sie sich schlecht unterhalten fühlen. Da war teilweise ein ständiges Rein und Raus.
Reinsperger: Was mir aufgefallen ist, seitdem ich wieder in Wien bin: Es gibt keine andere Stadt, in der die Leute so gern für ihre Schauspieler ins Theater gehen. In Deutschland gehst du eher wegen der Inhalte oder vielleicht, wenn gewisse Regisseure inszenieren oder wenn Lars Eidinger spielt – er ist eine der wenigen Ausnahmen. Hier gehen die Leute wegen ihrer Schauspieler. Das ist natürlich wahnsinnig schön, wenn sie dich mögen. Man muss halt aufpassen, dass man nicht bequem wird durch diese unglaubliche Liebe.


Ist das ein Grund, warum Sie in der nächsten Spielzeit nach Berlin gehen?

Reinsperger: Wir reden über „Kasimir und Karoline“ und das Theater an sich. Aber wenn du in Deutschland eine Wohnung suchst und sagst, du bist Schauspieler, dann ist es erst einmal schwieriger, Vermieter zu überzeugen.


Über Berlin wollen Sie nicht reden, aber vielleicht über Salzburg, wo Sie im Sommer die Buhlschaft spielen werden?

Reinsperger: Ach, das ist so langweilig für Rainer!


Dann frage ich ihn: Würde der Jedermann Sie denn reizen?

Galke: Nein. Mit Steffi vielleicht. Ich schau mir das einmal an.


Ist das nicht mehr die ultimative Traumrolle jedes Schauspielers?

Galke: Entschuldigung, wenn ich das so sage – aber richtig ernst nehmen kann ich die Veranstaltung nicht . . .


Was wären denn dann Traumrollen, die Sie gern spielen würden?

Reinsperger: Seit ich Ultimo Pussi in „Die lächerliche Finsternis“ gespielt habe und mich selbst überrascht hat, welche Liebe ich für so eine wahnsinnig abstruse Figur entwickeln kann, habe ich gar keine Traumrollen mehr. Medea würde ich gern irgendwann wieder spielen, wenn ich Kinder habe.
Galke: Das fände ich extrem spannend zu sehen, ob du sie dann anders spielst.
Reinsperger: Ich glaube, ganz bestimmt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich die Konflikte verlagern. Als wir für „Nora“ nach eineinhalb Jahren Pause wieder die ersten Proben hatten, hat man gemerkt, dass wir alle in unserem Rucksack mehr drinhatten. Meine Nora in Düsseldorf war viel kindlicher und naiver. Ich finde es toll, dass es Stücke gibt, die seit fünf Jahren irgendwo laufen. Das wäre ein Traum: Die Chance zu haben, dass die Figuren mit dir mitwachsen können.

Tipp

„Kasimir und Karoline“. Regie: Philipp Preuss. Premiere am 17. März, weitere Termine: 21., 24., 31. März; 4., 5., 8., 24., 27. April.

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