Sieben Frauen für die Orestie

Aischylos im Burgtheater: „Eine Wahnsinnsarbeit“ , in die sich die Schauspielerinnen fleißig stürzten.

Teamwork. Caroline Peters, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick, Barbara Petritsch, Maria Happel, Andrea Wenzl, Irina Sulaver (v.  l. n. r) ringen um die Balance zwischen gemeinsamem Ton und Individualität für die „Orestie“ in der Burg.
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Teamwork. Caroline Peters, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick, Barbara Petritsch, Maria Happel, Andrea Wenzl, Irina Sulaver (v.  l. n. r) ringen um die Balance zwischen gemeinsamem Ton und Individualität für die „Orestie“ in der Burg.
Teamwork. Caroline Peters, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick, Barbara Petritsch, Maria Happel, Andrea Wenzl, Irina Sulaver (v. l. n. r) ringen um die Balance zwischen gemeinsamem Ton und Individualität für die „Orestie“ in der Burg. – (c) Christine Pichler

Von der Blut-und-Boden-Gerichtsbarkeit zur Demokratie war es ein langer Weg, den das Theater begleitete. Seine Wiege stand in Griechenland: Nach dem Trojanischen Krieg kehrt Feldherr Agamemnon siegreich heim. Seine Frau, Klytaimnestra, hat sich einen Liebhaber genommen. Sie hasst ihren Gatten, weil dieser ihre Tochter Iphigenie geopfert hat, damit die Götter ihm für seine Fahrt nach Troja günstige Winde schicken. Klytaimnestra erschlägt ihren Mann. Jetzt ist Rache angesagt. Wie wird das enden? Im Burgtheater inszeniert Antú Romero Nunes die „Orestie“, Aischylos’ monumentale Tragödie aus dem Jahr 485 v. Chr., als die Bürger von Athen den Rechtsstaat beschlossen – statt auf Orakel und brutale Rituale zu vertrauen. Sieben Burgschauspielerinnen verkörpern sämtliche Rollen in der „Orestie“. Mit dem „Schaufenster“ sprachen sie über die Proben, ihre Träume, Erlebnisse in Griechenland, ihre Erfahrungen mit Rache, Vergebung und politischen Veränderungen.


Sieben Burgschauspielerinnen spielen die „Orestie“. Wie funktioniert das praktisch? Da draußen hängen so viele Kostüme, müssen Sie von einem ins andere springen?
Maria Happel: Mit den Kostümen ist es wie mit allem, sie sind Material, das zur Verfügung steht. Im Moment sammeln wir; was wir letztendlich nehmen, wird sich noch herauskristallisieren.


Meiner Erinnerung nach ist bei „Orestie“-Aufführungen immer das Schwierigste die Einstudierung der Chöre.
Maria Happel: Oh ja. Wir müssen einen gemeinsamen Ton finden. Das ist eine Wahnsinnsarbeit. Aber wir sind sehr fleißig.
Caroline Peters: Als Schauspielerinnen sind wir im Allgemeinen trainiert darauf, verschiedene Stimmen zu haben. Jetzt müssen wir als Chor mit einer Stimme sprechen.


Wie wird man die einzelnen Figuren erkennen?
Andrea Wenzl: Jede von uns spielt einen zentralen Part, Klytaimnestra, Elektra, Agamemnon, Orest, der sich in einzelnen Szenen in den Dialog mit dem Chor begibt.


Der Chor ist auch ein Synonym für das Volk, das hier mithilfe des Theaters umerzogen werden und überzeugt werden soll, von der Blutrache Abstand zu nehmen.
Aenne Schwarz: Wir haben dieses schöne Bild: Der Schauspieler tritt aus dem Chor – so beginnt das Theater. Wie in der Gesellschaft: Der Einzelne gehört zur Gemeinschaft, er existiert aber auch getrennt von ihr. Im demokratischen Rechtsstaat hat man das Gefühl, es gibt eine Gerechtigkeit für alle. Aber für den Einzelnen kann es trotzdem nicht stimmen. Er fällt durchs Netz.
Caroline Peters: Einer tritt heraus und redet mit den anderen. So entsteht ein Dialog. Der Chor ist bei uns auch wandlungsfähig. Er zeigt sich als Gruppe alter Männer, als Bürger oder Hunde. Als Erinnyen, Rachegeister, die Orest verfolgen nach dem Muttermord, und später, wohlmeinend, als Eumeniden.


In der „Orestie“ gibt es eine Mordserie. Doch anders als im Fernsehen sieht man die Taten nicht auf der Bühne.
Caroline Peters: Ein wichtiges Bühnenutensil im griechischen Drama war das Ekkyklema. Man weiß nicht genau, wie es ausgesehen hat, es war vermutlich eine Art Wagen, in dem die Leichen auf die Bühne gefahren wurden. So hat man damals den Mord erzählt. Und auch wir werden in keinen Realismus zurückfallen.


Wer von Ihnen hat schon einmal eine Katharsis erlebt?
Barbara Petritsch: Im besten Fall erzielt Kunst die Katharsis.


Ich glaube, öfter erfährt man sie durch das Leben selbst.
Sarah Viktoria Frick: Auch. Zum Beispiel ein Kind zur Welt zu bringen, das würde ich als kathartischen Moment beschreiben.
Maria Happel: Und erst die Pubertät bei den Kindern! Das ist eine Katharsis! Wir erleben eine ununterbrochene Verwandlung, eine Häutung, bei der oft etwas anderes herauskommt als erwartet. Aus der hässlichen Raupe wird ein schöner Schmetterling. Das klingt banal, aber es passiert ununterbrochen.
Irina Sulaver: Ich finde es interessant und auch etwas seltsam, dass man bei Katharsis zuerst auf Mutterschaft kommt. Es gibt noch viele andere Verwandlungen.
Maria Happel: Der Tod eines nahestehenden Menschen oder andere Schicksalsschläge können eine Katharsis auslösen.
Barbara Petritsch: Aber auch Schauspielerin zu werden ist eine Katharsis. Dass man es darf, ich hätte mir das nie gedacht, dass es passiert. Ich bin sehr glücklich darüber!
Aenne Schwarz: Und dann findet man im Betriebsbüro des Burgtheaters eine Werbung für Botox.
Andrea Wenzl: Auch wenn das nicht ganz ernst gemeint war, denkt man doch über das Älterwerden nach.


Äußere Verwandlung, Älterwerden, ist doch nicht nur negativ.
Maria Happel: Am Theater unbedingt!
Jetzt sprechen alle plötzlich laut im Chor: „Julia nein!“

Was meinen Sie damit?
Caroline Peters: Wir haben festgestellt, dass keine von uns sieben jemals die Julia gespielt hat. Keine von uns war so sanft und bezaubernd, dass sie diese Rolle spielen hätte können. Daher sind wir jetzt Erinnyen. Manchmal denkt man darüber nach, was für eine Geschichte man als Schauspielerin durchlaufen hat. Obwohl: Keine von uns bedauert, nicht Julia gewesen zu sein, auch ein denkwürdiger Umstand.


Wie steht’s um die Demokratie heute?
Caroline Peters: Was uns frappiert hat, war, wie schnell sich allein innerhalb unserer Probenzeit die Welt um uns herum verändert hat. Als wir vor vielen Monaten begonnen haben, wollten wir die „Orestie“ machen – über die Entstehung der Demokratie. Wir haben viel zusammen gelesen und geredet und waren ganz zufrieden, und dann wurde Donald Trump US-Präsident. Und auf einmal fragt man nicht mehr nach der Entstehung der Demokratie, sondern nach ihrer Existenz.
Aenne Schwarz: Demokratie heißt auch, dass die anderen gewinnen können. Man denkt, dass alle die gleiche Einstellung zu Menschenwürde haben wie man selbst. Aber es gibt jetzt eine sehr laute Mehrheit, die nicht so denkt.
Caroline Peters: Eine der guten Ideen in der Demokratie ist, dass Politiker ohne Blutvergießen abgeschafft werden können. Interessant ist, wie knapp die Mehrheit für die Freisprechung Orests bei Aischylos ist. Tatsächlich ist Pallas Athene das Zünglein an der Waage. Sie entscheidet gegen die weitere Verfolgung des Muttermörders. Mein Demokratieverständnis ging bisher immer von Mehrheiten aus. Was passiert, wenn sich keine finden?


Schon die Verwandlung von Rachegöttern, Erinnyen, in Gutgesinnte, Eumeniden, wie bei Aischylos, ist ja ein Transformationsprozess, den es nur im Theater gibt. Oder?
Barbara Petritsch: Momentan kommen die Erinnyen wieder stark an die Oberfläche der Welt. Kriegslüsternheit und Profitgier gewinnen. Viele Menschen, auch wir, haben Angst, dass die Demokratie in diesem wunderbaren Europa bröckelt.


Basis des Neubeginns sind Vergeben und Vergessen. Wie halten Sie es damit in Ihrem Leben?
Sarah Viktoria Frick: Ich glaube, es ist ein Fehler, Vergeben und Vergessen als Einheit zu sehen. Um einen Neuanfang zu erreichen, braucht es die Gabe zu vergeben, aber eben auch die Erinnerung. Barbara Petritsch: Ich bin noch nie in einer so extremen Situation gewesen wie die Figuren in der Orestie. Zum Glück! Wenn mein Kind umgebracht würde, ich weiß nicht, dann wäre ich vielleicht auch bereit zur Blutrache und würde sie sogar selbst ausführen.
Sarah Viktoria Frick: Wenn der eigenen Familie etwas passiert, ist das immer etwas anderes. Einzelschicksale berühren einen auch stets stärker als das, was der Masse passiert.
Aenne Schwarz: In dem Stück geht es nicht darum, ob man verzeiht, sondern darum, wie man mit einer extremen Situation umgeht. Das alte System sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn du mein Kind tötest, töte ich deines und so weiter. Der neue Vorschlag ist: Wir geben das Urteil ab, diese Sache ist für ein Individuum zu schwer zu tragen, ein Gericht soll entscheiden.
Andrea Wenzl: In der „Orestie“ steht: „Blut, das die nährende Erde trank, wird dick, gerinnt, verfestigt sich zur Rache mahnend, unauflöslich.“ Vielleicht geht es gar nicht ums Vergeben, sondern um eine gegenseitige Annäherung. Ein Beispiel ist der kolumbianische Präsident, Juan Manuel Santos. Er hat 2016 den Friedensnobelpreis bekommen, weil er versucht hat, das Volk zu versöhnen.


Hat es eigentlich einen besonderen Grund, dass in dieser „Orestie“ sieben Frauen spielen – und überhaupt keine Männer?
Caroline Peters: Zu Aischylos’ Zeiten waren im Publikum und auf der Bühne nur Männer. Im ganzen öffentlichen Raum gab es keine Frauen. Das wird hier umgedreht.


Wer von Ihnen kennt Griechenland?
Caroline Peters: Ich hatte als Kind ein tolles Griechenland-Erlebnis. Ich fuhr mit meinen Eltern nach Delphi. Wir sahen das halbe Ei, Omphalos: den Nabel der Welt. Die Menschen haben in der Antike Fragen gestellt und Bindfäden drumgewickelt und diese Fäden haben sich in den Stein geschliffen, das hat mich irrsinnig beeindruckt. Dass man es sehen kann, dass diese Geschichte auch wirklich stattgefunden hat und dass Fäden aus dieser uralten Zivilisation bis ins Heute reichen.


Möchte noch jemand ein Schlusswort sagen?
Irina Sulaver: Die „Orestie“ steht am Anfang der europäischen Dramatik. Man kommt auf dem Theater an diesem Urdrama nicht vorbei, es ist wie eine Ursuppe, und die versuchen wir in den Proben – bei aller Ernsthaftigkeit – vor allem möglichst lustvoll zu löffeln! Das heißt, dass wir die in der „Orestie“ behandelten Motive mit unserer eigenen Fantasie, aber vor allem auch mit Spaß, Leichtigkeit und Mut zur großen Geste bearbeiten. Mit Psychologie kommt man dem Ganzen gar nicht bei. Viele Motive scheinen sehr nachvollziehbar und geradezu gespenstisch aktuell, andere sind fremd, verschlüsselt oder lassen sich nicht auf unsere Gegenwart übertragen. Umso schöner, dass wir sieben Frauen alles gleichzeitig sind: Chöre und Figuren, Erinnyen und Eumeniden und die Erzählerin. Wenn man so will, ein sehr dionysisches, lustvolles Prinzip!

Tipp

„Orestie“ von Aischylos in der Regie von Antú Romero Nunes, Bühne: Matthias Koch, ab 18. März im Burgtheater. Weitere Termine: 20., 25., 28. März, 1. April.

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