"Thomas Bernhard ist wie eine Droge“, meinte der ehemalige Burgtheaterdirektor Claus Peymann, der wichtige Uraufführungen des für ihn wichtigsten österreichischen Dramatikers in Salzburg und in Wien inszenierte: „Die Menschen werden gefangen genommen von dieser Welt. Sie verfallen dieser Welt.“
Dieses Peymann-Interview von Benjamin Henrichs im Katalog zur Ausstellung „Thomas Bernhard und das Theater“ ist eine Liebeserklärung an den streitbaren Dichter, so wie auch die Schau im Österreichischen Theatermuseum (ab 5. November) eine liebevolle Hommage an einen großen Künstler wurde. Die Kuratoren Manfred Mittermayer und Martin Huber zählen zu den versiertesten Kennern seines Werkes. Sie haben papierene Artefakte – Manuskripte, Bücher, Briefe, Bilder, Dokumente – eingebettet in ein kleines Bernhard-Universum, das den Geist dramatischer Jahre erweckt.
Gleich nach dem Eintritt im Palais Lobkowitz wird man im Innenhof mit einer riesigen Szene aus „Heldenplatz“ konfrontiert, für das Bernhard 1988 angefeindet wurde wie ein Hochverräter. Man kann auf einer Bank gegenüber Wolfgang Gasser Platz nehmen, der im Bild auf einer Bank sitzt. Dazwischen befindet sich eine Installation mit zwölf ausgestopften schwarzen Vögeln, vom wirklichen Tierpräparator Alfred Höller, der auch im Roman „Korrektur“ als fiktive Gestalt vorkommt. „Österreich selbst ist nichts als eine Bühne“ steht über einem Lebenslauf von Bernhard, dann gabelt sich der Weg in Schwarz und Weiß, einerseits, andrerseits: links nach Wien, rechts nach Salzburg, dazwischen sind Zeichnungen von Bernhard zu sehen, frühe Bühnenskizzen, drei Dokumentationen auf Video, ein Film von Sepp Dreissinger, mit einem souveränen, skeptischen, ironischen Dichter.
Rechts Salzburg. Ein Raum in edlem Rot voller Anspielungen und Kontraste. Oben signalisiert eine Reihe von Notlichtern, dass man sich mitten in einem Salzburger Theaterskandal von 1972 befindet. Peymann wollte am Schluss der Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ kein Notlicht, sondern absolute Finsternis haben. Abgelehnt! Wie niedrig und gemein: Man liest von einem Gymnasialprofessor, der sich bei den Festspielen in einem Brief darüber alteriert, dass seine Heimatstadt Augsburg verhöhnt werde. Man liest von einem Bürokraten, der den angeblichen Einsatz von Fliegen und Blut im Landestheater verbieten will. Lauter Ignoranten und Wahnsinnige. Man fragt sich tatsächlich: Wer hat hier die schärferen Satiren geschrieben, der Autor oder seine Kritiker?
Die Vitrinen im Salzburg-Raum sind metallene Seziertische, darauf liegen Sägen, Messer, Präparate neben Texten von Bernhard, für die er Passagen aus einem Pathologieskriptum seines Bruders Fabjan entliehen hat. An der Wand Bilder von Zirkusartisten, darunter Notenblätter, die „Macht der Gewohnheit“ des Forellenquintetts, Königinnen der Nacht, die Bernhard bewunderte, darunter anatomische Zeichnungen. Fotos oberösterreichischer Wirtshäuser harmonieren mit dem Bühnenmodell eines Wirtshauses, in dem auf einem kleinen Schirm überdimensional der „Theatermacher“ Buhre wütet. Minetti, Hoppe, Schwab, Ganz, Wildgruber – Welttheater, putzig eingefangen.
Links Wien. Eine Atmosphäre wie im Burgtheater, in dessen kleiner, aufgeblasener Version sieht man auf einem Schirm Dramolette. „Ritter, Dene, Voss“ und „Heldenplatz“ dominieren den Raum, mittendrin ein gedeckter Tisch, wie in der feinsten Gesellschaft. Wittgenstein ist da, und sein Neffe. Man kann aber auch, öffnet man eine Glaskabine, hören, wie die Menge brüllte, als Hitler sie auf dem Heldenplatz heim ins Reich holte. Gleich daneben eine ausführliche Rezension Hilde Spiels in der „FAZ“ über „Die Jagdgesellschaft“ (1974). Das Stück, schreibt sie, sei „nicht so sehr tragisch-grotesk wie eschatologisch, eine Operette in Moll und im Trauermarschtakt“. Er war nicht immer nur verkannt, der Thomas Bernhard.
■„Thomas Bernhard und das Theater“ ist im Palais Lobkowitz, Wien I, bis 4. Juli 2010 zu sehen, Dienstag bis Sonntag, 10–18 Uhr.
■Rahmenprogramm. Jeweils 19.30 Uhr, Eintritt 18 Euro: am 25. 11. „Die Billigesser“, Lesung von Joachim Bißmeier; am 4. 12. „Thomas Bernhards Zauberflötentraum“, mit Ulrich Matthes und dem Merlin Ensemble.
■Katalog: 27,90 Euro an der Museumskassa, Christian Brandstätter Verlag, 192 Seiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)

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