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Kabarett: Skrupel sind out

05.11.2009 | 18:35 |  VERONIKA SCHMIDT (Die Presse)

„Atomic Wedgie“ bietet jene Untergriffigkeiten, die dieser Terminus technicus ankündigt.

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In der Statistik jener Wörter, die Martin Puntigam gerne ausspricht und die man selbst im gepflegten Gespräch mit Freunden oder Vorgesetzten lieber vermeidet, gewinnt heuer das Wort „Vorhaut“ als häufigste Nennung. In der Zeitmessung gewinnt „speiben“: Nach nur zwei Minuten spricht er es bei der Premiere von „Atomic Wedgie“ im Kabarett Niedermair aus. Nichts davon regt noch auf. Denn irgendwann kann das „Oage“ nicht mehr ärger werden. Oder mit Puntigams Worten gesagt: „Wenn man bei Strangulierspielen zehn Mal die Dosis erhöht, ist man halt tot.“ Auch die Bühnenfigur des abstoßenden Ungustls läuft Gefahr, sich totzuspielen. Nach „Luziprack“ erwartet man eine vielschichtige Figur, die in tiefste Tiefen blicken lässt. Doch was Puntigam – inzwischen 40 Jahre auf der Welt und 20 Jahre auf der Kabarettbühne – hier und jetzt bietet, lässt nicht viel tiefer blicken. Oder, um es im Tonfall des Stücks zu sagen: „Sequel? No way!“

Es steht also wieder ein Unsympathler auf der Bühne. Ob im Priestertalar – „weil 90 Prozent der Menschen würden einen Priester im Talar nicht erschießen“ – oder im smarten Survival-Seminar-Outfit: Auf viele Schichten der Figur wartet man vergebens. Vielleicht liegt es daran, dass die Figur vorher Lehrer war? Informatiklehrer. „Aber das lernen die Kinder heut von ganz alleine. Da brauchen's nicht mich dazu.“

Er braucht dafür die eine oder andere Schülerin erst nach der Matura, wenn er endlich „dran dürfert“. Blöd nur, dass die Maturantin jetzt schwanger ist. Wo doch grad seine Frau auch ein Kind von ihm erwartet. Und er doch in der Firma vom Schwiegervater Karriere machen will: bei der institutionalisierten Ausbeutung der Menschen im Survivaltraining à la „Be your future today! Get prepared now!“.

Denn in Zeiten wie diesen „müssen die Menschen erst wissen, wovor sie sich fürchten sollen, um sich sicher zu fühlen“. Dazu sei die Wirtschaftskrise ein Geschenk, „das uns Millionen an Werbebudget spart, um die Menschen in die richtige Stimmung zu bringen“. In Puntigams Fantasie müssen wir für den Zusammenbruch des Systems gut gerüstet sein. Weil dann sind andere die „Warlords“ – und wer dann keine Backups hat, hat Pech. Die Auswüchse dessen, worauf sich Puntigam vorbereitet, sind nicht immer zum Lachen. Aber so ist das halt mit der Krise. Da gibt's nicht immer was zu lachen.

 

Schnellkurs für Pornovokabular

Es sind viel mehr das Jetzt und die Vergangenheit des Ungustls, die das Kabarettpublikum erheitern. Wer zu Puntigam kommt, weiß, dass dieses brave Tunwort hier meist im sexuellen Sinn verwendet wird. Einen Schnellkurs für Pornovokabular liefert Puntigam verlässlich mit. Da wundert's einen, dass Puntigam kürzlich im Gespräch erklärte: „Meine Eltern sehen sich meine Programme an und die finden es ganz lässig.“ Hut ab! Denn für Puntigam sind „Skrupel so was von old school“. Langweilig wird einem jedenfalls nicht bei der Performance des „Be prepared“-Egoisten. Denn das Programm hält, was die Werbung für „Atomic Wedgie“ verspricht: „So unterhaltsam wie wenn man seinem Vordermann die Unterhose ins G'nack zieht!“. Wedgie ist nämlich der Terminus technicus für diesen Bubenschmäh, „Atomic wedgie“ die Premiumclass: Wenn man die Unterhose so lange hochzieht, bis es nicht mehr lustig ist, und sie beim Unterkiefer des Gequälten einhängt.

MARTIN PUNTIGAM

„Atomic Wedgie“ läuft im November im Kabarett Niedermair, Tel.: 01/408 44 92.

Mit den Science Busters und ihren physikalischen Experimenten macht Puntigam den Rabenhof unsicher.

„Welt ahoi!“ heißt die neue Satiresendung auf Ö1, jeden Sonntag um 9.30 Uhr, bei der Puntigam Teil des Starteams ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)

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