„Die Presse“: Der Kampf gegen die Nazis kommt in einigen Filmen vor, in denen Sie gespielt haben – in „Georg Elser“, in „Das Spinnennetz“. Am Sonntag lesen Sie im Burgtheater aus dem Werk des 1945 vom NS-Regime ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer. Wie ordnen Sie ihn in diesem Kontext ein?
Klaus Maria Brandauer: Zufällig häufen sich an diesem Wochenende Veranstaltungen zu diesem Thema, an denen ich beteiligt bin. Jetzt bin ich unterwegs, als wäre ich ein Spezialist für diese Zeit, aber es hat sich einfach so ergeben. Zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit werde ich mit der Staatskapelle und großem Chor am Brandenburger Tor unter anderem an Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ mitwirken. Dieses Werk beeindruckt mich. In Berlin wird zuvor am Samstag, in München am Sonntag mein Film Georg Elser wiederaufgeführt, über den Hitler-Attentäter von 1939. Man sollte diese beiden tapferen Menschen nicht vergleichen! Ich frage mich aber immer wieder, was mit mir damals wohl geschehen wäre. Ich würde meine Hand nicht für mich ins Feuer legen. 70 Jahre danach gegen Hitler zu sein, ist nicht genug. Es ist nicht mehr unsere Aufgabe, durch diese Themen die damalige Zeit zu bewältigen. Wir sollten aber anhand dieser Geschichte über Menschen sprechen, die den Mut hatten, etwas gegen das Böse zu tun, unter Einsatz des Lebens. Ich sehe das als Anleitung für das Leben heute.
Wie meinen Sie das konkret?
Brandauer: Ich denke zum Beispiel an die mangelnde Zivilcourage, wenn jemand wie unlängst in München in der U-Bahn am Perron erschlagen wird, weil er Schülern gegen Schlägertypen helfen will, und alle sehen weg. An Menschen wie Bonhoeffer kann man sich ein Beispiel nehmen.
Bonhoeffer hat sich bewusst fürs Ausharren im NS-Regime entschieden. Er hätte Deutschland jederzeit verlassen können, war auch mehrmals im Ausland.
Brandauer: Er war in Amerika, in London, hat dort Leute gesucht, die sehr früh gespürt haben, dass das mit den Nazis nicht gut ausgehen werde. Er wollte sie schon als Student verhindern, nicht nur aufgrund seines Glaubens, sondern auch im echten Widerstand. Er stellte sich als Christ die Frage, ob er sich deshalb auch politisch betätigen solle, dachte über den Tyrannenmord nach.
Welche Passagen aus seinem Leben präsentieren Sie an diesem Abend im Burgtheater?
Brandauer: Es geht um folgende Situation: Bonhoeffer wird ins Gefängnis gesteckt, er kann sich ausrechnen, dass es nicht gut ausgehen wird, dass er sterben wird. Er ist verlobt, schreibt Briefe an dieses Mädchen und an seine Eltern, er verfasst Gedichte. Natürlich hat er Angst. Da geht es nicht wie bei „Johanna von Orleans“ – „Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude“. Bonhoeffer hadert mit Gott, über sein Schicksal. Es ist herzzerreißend, wie dieser Mann ungelenk vor seiner Verlobten steht. Sie waren noch nicht einmal zusammen. Das tiefste menschliche Empfinden offenbart sich meist in dem Moment, in dem man das Gefühl hat, man könnte alles verlieren. Darüber sollte man gelegentlich nachdenken.
Auch Bonhoeffer ist sehr am Leben gehangen, wie man seinen Briefen entnimmt.
Brandauer: Er meinte, man müsse die Diesseitigkeit des Lebens so aufnehmen, dass man es genießen kann, so wie es ist. Er war ein großartiger Mensch.
Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Brandauer: Ich habe vor vielen Jahren in den USA für ABC an einem Film über Bonhoeffer mitgewirkt, da habe ich über diesen Pastor noch nicht so viel gewusst. Jahre später hat mich die Bonhoeffer-Gesellschaft gefragt, ob ich einen Abend im Dom gestalten wolle. Ich habe mich mit dem Geiger Daniel Hope zusammengetan, so ist diese Lesung entstanden, die Kombination von Geige und Stimme. Seither machen wir das immer wieder, jetzt eben erstmals in Wien.
Was empfinden Sie für die Sprache dieses stilistisch brillanten und doch auch naiv glaubenden Theologen?
Brandauer: Sie können jedes Gedicht pathetisch lesen oder einfach. Ich spiele aber nicht einen Pastor Bonhoeffer, das kann ich nicht, sondern ich lasse mich auf diese Texte ein, die vom Glauben handeln. Wenn dann ein Gedicht kommt, das durchaus Pathos verlangen könnte, dann kann ich mich dem schon aussetzen. Das Publikum wird oft sehr nachdenklich. Wir nehmen uns eineinhalb Stunden Zeit, über diesen Menschen nachzudenken. Ich erzähle keine Heldengeschichte, vielleicht will ich nur zur Courage ermuntern.
Welcher Text fällt Ihnen spontan ein?
Brandauer: Das Gedicht über Jonas, sein Hadern mit Gott, aber auch eines, in dem er die Gefangenschaft beschreibt. Es kommt Bonhoeffer vor, er sei der Hausherr im Gefängnis, die Bewacher seien seine Bediensteten. Er bleibt in bedrohlicher Situation fröhlich, will seine Eltern beruhigen. Bonhoeffer war sehr verantwortungsvoll, er hat sein Handeln sehr genau abgeklärt. Es gibt auch Helden, die ohne zu überlegen handeln. Denken Sie an Hamlet. Solange er nachdenkt, kann er nicht handeln. Denn die Handlungen könnten anderen schaden. So zögert er mit Entschlüssen, bis er eben nicht mehr denkt.
Wie kann man sich heute als Held erweisen?
Brandauer: Es genügt, dass man ein Beispiel gibt, das fängt in der Familie an. In ordentlichen Verfassungen steht drin, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Dazu gehört wohl auch, dass man sich selbst gern hat. Man sollte Herzensbildung lernen.
■Im Burgtheater liest Klaus Maria Brandauer an diesem Sonntag um 20.30Uhr zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 aus den Texten von Dietrich Bonhoeffer, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis ermordet wurde. Brandauer wird an diesem Abend vom vielfach ausgezeichneten britischen Geiger Daniel Hope begleitet.
www.burgtheater.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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