Die bösen Seiten des Spielens

Esther Muschol zeigt mit „Weiße Neger sagt man nicht“ eine gelungene und blendend gespielte Wirtschafts- und Gesellschaftssatire über den leisen Büroterror.

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Treffende Typologie der Aufsteiger und Variationen der Aufstiegsmethoden im Tag. – (c) Anna Stöcher

Ein steriler Raum, hier warten sechs Anwärter für höheres Management auf ihre Beförderung in einen internationalen Konzern. Ein Trainer erscheint und avisiert einen harten und langen Tag im Assessmentcenter. Die Methode geht auf chinesische Auswahlverfahren für den öffentlichen Dienst sowie jene für Offiziersanwärter nach dem I. Weltkrieg zurück. Grob gesprochen vertraut man nicht auf das Gerede der Interessenten, man lässt sie sich leibhaftig erproben, kreiert Spielsituationen, in denen sie sich offenbaren oder entlarven.

Spielen ist ein weites Feld. Es sollte spontan sein, das ist es weder im professionellen Theater noch bei der Personalsuche noch bei Planspielen der Wirtschaft. Jeder versucht, sich besser darzustellen, als er ist. Das tun auch die Anwärter fürs höhere Management. Doch für einen gut dotierten Job, so stellt sich heraus, können Menschen zu den unglaublichsten Handlungen gebracht werden: Sie kriechen auf dem Boden herum und massieren einander den Hintern, sind also, wie der Volksmund sagt „weiße Neger“, die sich aufgrund einer Notsituation jedem Missbrauch unterwerfen müssen.

 

Brillant: Nancy Mensah-Offei

„Weiße Neger sagt man nicht“, heißt ein Stück von Esther Muschol, das Samstagabend im Theater an der Gumpendorfer Straße (Tag) uraufgeführt wurde. Die 1976 geborene Münchnerin, die am Reinhardt-Seminar studiert und am Burgtheater gearbeitet hat, wollte Nestroys „Talisman“ über die Karrierekapriolen eines Rothaarigen nacherzählen, kam aber dann auf die Diskriminierung von Schwarzen. Von Nestroy blieb in dem Text, den Muschol mit dem Ensemble erarbeitet und selbst inszeniert hat, nur mehr die Grundidee übrig. Die 90 Minuten ohne Pause dauernde Wirtschafts- und Gesellschaftssatire ist gleichermaßen komisch wie grausam. Schwarzer Humor? Nein. Was hier geboten wird, ist nur allzu realistisch und stellt Brecht mit seinen poetischen, politisch aber oft allzu plakativen Lehrstücken über Ökonomie („Die heilige Johanna der Schlachthöfe“) weit in den Schatten. Die Aufführung verzichtet jedoch auch auf die Zeigefingermoral vieler heutiger Wirtschaftssatiren. Muschol hat sich mit dem Thema wirklich gründlich befasst.

Dass sie ohne Illusion agiert, macht die Sache umso erfreulicher, könnte aber für Diskussion sorgen: Die Frage, ob Machthaber aus der Dritten Welt mit ihrer Grausamkeit Geschöpfe des europäischen Kolonialismus sind oder sie, auf sich gestellt, skrupelloser wären als die Europäer, ist ja stets virulent. Der Text ist großartig, die Aufführung witzig, das Ensemble erweist sich als typengerecht besetzt und wunderbar vorbereitet.

Nancy Mensah-Offei begeistert als undurchschaubare Aufsteigerin und als zynische Rächerin, Michaela Kaspar spielt die ehrgeizige Amelia, die immer als Erste aufzeigt, Jeans Claßen gibt Björn, den bissigen Systemveteranen, Georg Schubert Johann, den Kumpel aus der Chefetage, Elisabeth Veit brilliert als Beatrix und erheitert mit einer kleinen Pröll-und NÖ-Satire – und Raphael Nicholas hat sich Salomo, den stets vom Absaufen bedrohten Surfer auf Hierarchien anverwandelt. Peinlichkeit und Schadenfreude sind ein wichtiger Treibstoff des Theaters. An diesem Abend über den leisen Terror im Büro zündet er besonders grell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2017)

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