Volkstheater: Zwischen Fröhlicher Apokalypse und Lazarus

Die Auslastung lässt weiterhin zu wünschen übrig, Volkstheater-Chefin Anna Badora ist trotzdem optimistisch, Das Programm für die nächste Saison ist ambitioniert.

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Volkstheater-Geschäftsführer Cay Stefan Urbanek und Intendantin Anna Badora – Lupi Spuma

Letztes Jahr lag die Auslastung bei 66 bis 69 Prozent. Heuer werde er sich nicht zu „Zahlen hinreißen lassen“, so Volkstheater-Geschäftsführer Cay Stefan Urbanek, denn: Die Saison sei noch nicht vorbei. Seit 2015/16 führt Anna Badora, in Dresden gestählt, in Graz geliebt, nun das Volkstheater. Während ihr Vorgänger Michael Schottenberg mehr und mehr die leichte Unterhaltung wählte, wählen musste, entschied sich Badora für ein anspruchsvolles, gesellschaftskritisches Programm. Dieses sieht sie nun angenommen, trotz der mäßigen Auslastung.

Die Politik immerhin bekennt sich zum Volkstheater, genauer: die SP-Politiker, noch genauer: Kulturminister Thomas Drozda und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Zu gleichen Teilen zahlen Bund und Stadt Wien die Renovierung, die dringend nötig ist, da reicht schon ein Blick in die Toiletten des Hauses. 24 Millionen kommen von der öffentlichen Hand, 3,5 Millionen Euro muss das VT durch Spenden aufbringen. Zahlt sich das aus? Ja, wenn man die Sache von der demokratiepolitischen Seite betrachtet: Theater haben in den letzten Jahren große Partizipationsprogramme aufgebaut und versucht sich damit ein neues Publikum heranzuziehen. Wer selbst auf der Bühne steht, spielt, Hand anlegt bei Kulissen oder Videoaufzeichnungen, lernt eine neue Art von Leidenschaft: Leben, Machen, statt Simulation, Netflix-Serien anschauen, Computerspiele spielen.

Der geisteswissenschaftliche Unterricht in den Schulen schrumpft, die Probleme - Suche nach Liebe und Sinn im Leben - aber bleiben. Theater ist auch dazu da, die Jugendlichen mit den letzten Fragen bekannt zu machen – und mit der Politik, auf die sie sonst oft verdrossen reagieren. Theater ist zwar nicht profitabel, im Gegenteil, es kostet viel, aber es kann positiv für die Entwicklung einer Gesellschaft sein, was schon die alten Griechen wussten. Zum Saisonauftakt fusioniert Badora „Iphigenie in Aulis“ von Euripides mit „Occident Express“ von Stefano Massini. Euripides wird von Soeren Voima bearbeitet, einem Autorenduo, bestehend aus dem Regisseur und Hochschullehrer Robert Schuster und dem Schauspieler und Regisseur Christian Tschirner. „Iphigenie in Aulis“ erzählt, wie Feldherr Agamemnon seine Tochter opfern wollte, damit die Götter ihm günstige Winde zur Heerfahrt nach Troja gewähren. „Occident Express“ wiederum spielt in der Gegenwart und ist eine wahre Geschichte, die sich 2015 ereignet hat: Eine alte Frau und ihr vierjähriger Enkel flüchteten 18.000 Kilometer vom Irak ins Baltikum.

Yael Ronen über Trump

Ein paar der weiteren VT-Premieren: Nestroys „Höllenangst“, Georg Kreislers „Wien ohne Wiener“ (Kreisler liebt an Wien nicht die Musik, sondern die Messer wie man künftig launiger Weise auf Ö1 hören durfte), Nikolaus Habjan illustriert Kreislers schwarzen Humor, die Musik kommt von der aufgeweckten Franuj-Banda. Stephan Kimmig, sonst eher an den höheren Stadttheatern zu Hause, bringt „Die zehn Gebote“ von Krzysztof Kieslowski (1941-1996) heraus: „Dekalog“ war in den 1980ern ein zehnteiliger Filmzyklus, der in Cannes den Jurypreis gewann und die zehn Gebote in Fallbeispielen hinterfragt. Neues Autorentheater gibt es von der israelischen Theatermacherin Yael Ronen, die Probleme treffend, süffig, humorvoll zu verpacken versteht, ohne die im deutschen Theater gern zum Überdruss geübte Ironie: Mit Donald Trump wollte Ronen abrechnen, dabei entdeckte sie das Heitere an dem Mann „mit der aufregenden Frisur“: „#Fröhliche Apokalypse“ heißt das Ergebnis ihrer Recherchen, das im Jänner 2018 im Volkstheater zu erleben sein wird.

Musical mit Hits von David Bowie

Ab Mai 2018 beginnt die Generalsanierung. Das VT weicht ins Odeon aus, wo zum Beispiel „Lazarus“, ein Musical von David Bowie und Enda Walsh zu erleben sein wird, das kurioser Weise so funktioniert wie das Rainhard-Fendrich-Musical, das im Herbst im Raimundtheater zu sehen sein wird: Mit Bowie-Hits. Bowie ist allerdings mehr sophisticated als Fendrich. Das Volx/Margareten scheint Badora besser zu bewältigen als das große Haus. Dort gibt es immer wieder echte Renner, zum Beispiel auch für Schulen wie „Der Trafikant“ (über Sigmund Freud) nach dem wunderbaren Roman von Robert Seethaler oder die Macho-Entlarvung „Mugshots“ von Thomas Glavinic. Dessen Co-Regisseur Paul Splittler inszeniert „Extremophil“ von Alexandra Badea über Systemgewinner, die in eine Lebenskrise geraten (30. 9.). Am 13. Oktober folgt „Vereinte Nationen“, ein unheimliches Stück über Kindesmisshandlung von Clemens J. Setz. Die VT-Bezirkstournee zeigt u. a. den Hollywood-Hit „Das Haus am See“ („On Golden Pond“ 1981, Henry Fonda und Katharine Hepburn bekamen für das alte Paar je einen Oscar), ferner einen Renner aus Frankreich „Anderthalb Stunden zu spät“ von Gérald Sibleyras über die Sinnkrise einer Seniorin, die sich nicht mit dem Oma-Dasein abfinden will.

Emsiges energiegeladenes Ensemble

Viel Liebe steckt in diesem Spielplan, auch viel Hoffnung, alles allen und jedem etwas zu bringen. Merkwürdig ist, dass an dem von einer Frau geleiteten Volkstheater wenig Frauen große Produktionen inszenieren – und kaum konkret Schauspieler bekannt gegeben wurden, obwohl diese doch das Wichtigste am Theater sind (oder sind sie das womöglich nicht mehr und die Regisseure haben, wie beim Film, endgültig die Macht übernommen?). Es gibt auch viel mehr männliche als weibliche Schauspieler in dem für den großen Output kleinen Ensemble. (Nachts produzieren sich die Mimen auch noch in der Roten Bar, ihre Energie ist staunenswert). Neu engagiert wurden Sebastian Pass (er spielte den Johann in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ im VT) und Isabella Knöll. „Follow me“ steht auf dem Spielplanheft, die Schildkröte im Vordergrund schaut schon etwas müde und fertig aus, aber hinten gibt es einen bunten Farbnebel. Aus diesem flüchtet eine rosa Silhouette – und wir hoffen, dass es nicht das Publikum ist. Diesem wird kommende Saison im VT nämlich wirklich viel geboten.

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