Goethe und die Liebe zu dritt

Kritik Ein amouröses Schlamassel im zuckerlfarbenen Retrolook: Der deutsche Regisseur Robert Gerloff präsentiert „Stella“ als rasante Komödie.

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"Stella" – (c) www.lupispuma.com / Volkstheater

Polyamorie, ja darf das denn sein? Drei Menschen, die sich „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“ teilen? 1775 durfte das nicht sein: In seiner ersten Fassung von „Stella“ fand Goethe für das literarisch beliebte Motiv, dass zwei Frauen einen Mann (oder umgekehrt) lieben, eine praktische Lösung: die Beziehung zu dritt. „Nimm ihn ganz! Lass mir ihn ganz! Jede soll ihn haben, ohne der andern was zu rauben“, ließ er die Ehefrau zur Geliebten sagen, und alle waren selig, am meisten vermutlich der vormals unschlüssige Mann, dem die Entscheidung zwischen den Frauen nun erspart blieb.

Das Publikum aber war empört. Es empfand das Happy End als zutiefst unmoralisch, eine Inszenierung in Berlin wurde nach zehn Vorstellungen verboten. Es entstanden allerlei neue Versionen mit sittsamerem Schluss, „Fan Fiction“, könnte man heute sagen. Dreißig Jahre nach der Uraufführung überarbeitete Goethe schließlich selbst seinen Schlussakt, ließ zwei von drei Liebenden sterben und nannte sein Stück „ein Trauerspiel in fünf Akten“.

 

Wortspiele und Popkulturreferenzen

Die Produktion des Volkstheaters, die im Volx Premiere hatte und nun durch die Bezirke tourt, hält sich an die ursprüngliche Fassung. „Ein Schauspiel für Liebende“, deren Untertitel, prangt in großen roten Lettern über der Bühne. Darunter sieht es aus wie in einer Mischung aus Milchshake-Bar und schmuckem Wohnzimmer: Zuckerlfarbene Wände, Möbel und Kleider, Neonschild und Eberkopf an der Wand. Der deutsche Regisseur Robert Gerloff, der erstmals in Wien inszeniert, macht aus „Stella“ eine rasante Komödie, ohne – zumindest textlich – allzu weit von der Vorlage abrücken zu müssen: Situationskomik und Wortspiele entstehen direkt aus Goethes Zeilen, dazu wirft Gerloff fröhlich Referenzen aus Popkultur und dem modernen Leben (von Jan Böhmermann bis zum Postkutscher, der „Ausstieg in Fahrtrichtung links“ brüllt). Slapstick trifft auf genüssliche Übertreibung. In Turmperücken wird munter geträllert, geschnattert und geschmachtet, dazwischen fliegt der Kunstschnee: ein großer Spaß.

Die Darsteller brillieren: Hanna Binder wackelt als Stella im meterbreit aufdrapierten Kleid über die Bühne, changiert zwischen sentimental und übersprudelnd und gibt eine wunderbar peinliche ABBA-Performance: „Can you hear the drums, Fernando?“ Dieser (Andreas Patton) ist ein bindungsunfähiger Vagabund, der ja eh beide liebt, die Ehefrau Cäcilie (Bettina Ernst) wie auch die Geliebte Stella, und der sich als Gefangener der gesellschaftlichen Normen sieht. Tochter Lucie (Sofie Gross) lässt sich vom amourösen Schlamassel nicht aus der Ruhe bringen und schaut glubschäugig zu. Am Ende wird Goethe persönlich (Constanze Winkler) sein Ende verteidigen: „Sagen Sie nicht, dass ich da nicht ein ziemlich repräsentatives Männerbild geschaffen habe.“

Aber auch aktuelle Gesellschaftskritik kann man erkennen. Der Retrolook (tolles Bühnenbild: Gabriela Neubauer) ist Programm. Vieles hier – nicht nur den im Sessel eingebauten Polaroid-Automaten – kann man als Seitenhieb gegen Hipster und ihren oft hinter modernem Lifestyle getarnten Wertkonservativismus interpretieren. Wenn eine schmachtende Stella etwa kurz nach der Wiederkehr ihres Geliebten mit Topfhandschuhen und einem Blech herzförmiger Kekse in der Tür erscheint, erinnert das verdächtig an jene jungen amerikanischen Superhausfrauen, die in sozialen Medien ihre Back- und Handarbeitskünste präsentieren – und neben ihrer Popularität im Netz auch eine Rückkehr zum Spießertum feiern. Ob sie für so eine Ehe zu dritt zu haben wären?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2017)

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