Wiener Festwochen: Sirup, weiße Federn und ein Schuss „King Lear“

Kritik „Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness“ von Saint Genet wirkt im Grunde harmlos: nette Minimalmusik, intensive Tänze, verschrobene Diskursfragmente übers Schicksal.

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Symbolbild. – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Das Erstaunlichste am neuen Projekt, das Derrick Ryan Claude Mitchell aus der US-Stadt Reno für seine Gruppe Saint Genet eben erdachte und inszenierte, ist der Abgang: Countrymusik. Sechs Darsteller verschwinden hinter der Bühne – und kommen nicht wieder. Nur der motorisch herausgeforderte Schauspieler Baso Fibonacci, den anfangs vier Frauen umsorgt haben wie einen kranken König, bleibt an der Rampe liegen und stöhnt. Das verunsicherte im Museumsquartier jene, die am Dienstag bei der Uraufführung von „Promised Ends“ bei den Wiener Festwochen geblieben waren und applaudieren wollten, derartig nachhaltig, dass niemand zu wissen schien, wann einzusetzen sei. Also blieb der Beifall beinahe aus.

Die Unentschlossenheit passt zum wie ein endlos schmerzensreicher Rosenkranz heruntergebeteten Finale. Von Pein ist die Rede, während viele längst wohl an die Afterhour denken. Der fast fehlende Applaus passt auch insgesamt zu dieser durchwachsenen Aufführung – dem Abschluss einer Trilogie. Sie begann vor zwei Jahren mit einer 72 Stunden langen „Performance-Installation“, wurde 2016 mit einer umfassenden „Installation-Performance-Serie“ fortgesetzt. Das große Stückwerk findet nun in Wien ein Endspiel en miniature, mit Tanz samt eingestreuten, gefälligen Slogans und einschmeichelnder Musik. Es tut nicht weh, wie insinuiert wird, es reißt nicht von den Sitzen.

 

Ein bisschen Mitleid mit den Egeln

Ein Streichquartett und Tasteninstrumente (Piano, Synthesizer) beweisen nachdrücklich, dass die Erinnerung an Minimal Music sowie Anklänge an Harmonien Arvo Pärts effektvoll zur emotionellen Erbauung und deren affektierter Steigerung beitragen können. Und die zentrale Lichtskulptur? Blendend! Dutzende eigenwillige Neonröhren. Die sich entfaltenden Figuren? Mythisch! Die TänzerInnen agieren professionell. Es scheint, als ob sie die intensive Kunst von Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas imitieren wollen. Eine Einschränkung gibt es: Die Darsteller werden zwar hart hergenommen, mit rotem Saft, Sirup und sogar mit weißen Federn traktiert, die auf den Boden geworfenen Tänzerinnen wälzen sich, schlagen, stampfen. Manchmal sind sie völlig entblößt – doch diese Aktionen bleiben im Grunde keimfrei und bieder, wie eine puritanische Einlage zum Abschlussball einer High School in Nevada, bei der man mal so richtig schockieren will. Bewegend ist bloß der Beginn. Da sitzt Zeremonienmeister Mitchell begossen und blutend vorn auf der Bühne, trinkt Wein und hat Egel an den Armen. Die werden, halb satt, bald in ein Glas gesperrt. „Arme Tiere“, denkt man: „Dulden müssen sie ihr Scheiden aus der Blutbahn.“

Aber schockiert wenigstens der Inhalt? Immerhin sollen laut Programm sowohl Filetstücke aus Shakespeares Drama „King Lear“ als auch eine „Go-West“-Tragödie von 1846/47 verhandelt werden – tödliche Blizzards in der Sierra Nevada, Kannibalismus inklusive. Davon bekommt man als unvoreingenommener Besucher auf den Tribünen an drei Seiten der Bühne wenig mit. Die Litaneien, wechselweise von den Kommentatoren Mitchell und Fibonacci vorgetragen, rauschen so rasch vorbei wie die manchmal an die Seitenwände projizierten Texte. Lears Töchter werden zitiert, kurz blitzen Wörter wie Mao, Castro, Trump, Diktator auf – und sogar Obama. Am Schluss fasst der Liegende all seine mutige Verzweiflung zusammen: „Fuck!“, schreit er. Damit hat er wohl recht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2017)

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