Böse Worte las man diesen Mittwoch in der „Presse“ über „Welt Ahoi!“, die neue Satiresendung auf Ö1, die nach dem „Guglhupf“ auf den „Planposten Ö1-Satiresendung“ (Zitat Martin Puntigam) gesetzt wurde. Nicht nur dem ehemaligen Chefredakteur dieses Blattes stößt die Sendung, die gekonnt mit ordinären (und vielen anderen) Andeutungen spielt, übel auf – auch eine Riege von Ö1-Hörern macht es sich seit fünf Wochen zum Hobby, Beschimpfungen gegen das Kabarettistenteam zu posten.
„Die Presse am Sonntag“ traf Thomas Maurer, der zusammen mit Puntigam und Hosea Ratschiller für die Texte von „Welt Ahoi!“ verantwortlich zeichnet, und wollte wissen, ob denn das Team zufriedener mit seinem Produkt sei als die Ö1-Hörer. „Wir wissen ja nur, dass jene Hörer großteils unzufrieden sind, die Postings schreiben. Von den anderen wissen wir es nicht“, wiegelt Maurer ab. Auch den Vorwurf, die Sendung klinge mehr nach FM4 als nach Ö1, weist er zurück. „Ganz im Gegenteil. Denn auf FM4 könnte man weder in der Länge, noch zu den Themen, noch mit dieser ,Liebe zur intellektuellen Debatte‘-Verarschung so arbeiten.“
Das Team ist auch deshalb mit dem Geleisteten zufrieden, weil die ersten Sendungen unter Zeitdruck „auf Kosten von Schlaf, Familie und Leben“ entstanden. „Es liegt viel Inspiration in dem Ö1-Ton. Wir schätzen alle den Sender sehr. Aber der aufgeklärte, freundliche Ernst, mit dem man sich jedes Themas annehmen kann, birgt ein hohes komisches Potenzial, weil man vollkommenen Irrsinn und Unfug mit diesem sehr kultivierten, warm timbrierten Radioton diskutieren lassen kann.“
Der Grund des Zusammentreffens war allerdings nicht der Tumult um die Radiosendung, sondern der Österreichische Kabarettpreis, den Maurer Donnerstagabend im Radiokulturhaus erhalten hat: Als erster Kabarettist Österreichs bekommt er die renommierte Auszeichnung zum zweiten Mal. „Als der Anruf kam, habe ich es für einen Irrtum gehalten und korrigierend eingeworfen, dass ich den Preis ja schon hab“, sagt Maurer.
„Das ist ein Luxusproblem!“, zeigt Joachim Brandl auf – eine Hälfte von „Buchgraber & Brandl“, dem Gewinnerduo des Förderpreises. Gemeinsam mit Martin Buchgraber leitet er das Theater am Alsergrund, einer Plattform für junge Kabarettisten. Das Kellertheater liegt gut versteckt im neunten Bezirk im Grätzel hinter der Volksoper. Wäre da nicht das gegenüberliegende Sanatorium Hera, würde kaum jemand die Löblichgasse kennen. „Aus dem Sanatorium kommt keine Laufkundschaft – nicht einmal Rollkundschaft im Rollstuhl“, scherzt Buchgraber.
Kabarett im ORF. „Als wir den Anruf erhalten haben, dass wir den Förderpreis bekommen, dachte ich, der verarscht mich“, sagt Buchgraber. „Da wir ja an keinem Wettbewerb teilgenommen haben, bei dem man mit einer theoretischen Chance rechnet, war die Auszeichnung für uns eine ziemliche Wucht.“ Es sei wohl so ähnlich, als wenn das Finanzamt anrufe und mitteile, dass man Geld refundiert bekäme, bringt es Maurer auf den Punkt.
Aber zurück zum ORF: Wie schätzt man als Kabarettist die Tatsache ein, dass im Fernsehen ein Kollege nach dem anderen (Dorfers Donnerstalk, Niavaranis Ex, Gernots Club, Lottosieger und bald Vitásek, Resetarits, Düringer etc.) eine eigene Sendung bekommt? „Wenn wir die Nächsten sind, gern!“, kommentiert es Buchgraber.
Maurer findet die Tatsache nicht sehr überraschend, weil es in Österreich eben eine Generation von Leuten gibt, die das, was sie machen, gut können und sich teilweise unabhängig vom Fernsehen einen Anhängerstock aufgebaut haben: „Es ist nicht abwegig, dass man die populären Leute fragt, ob sie nicht fürs Fernsehen was machen würden.“ Es fehlt jedoch eine Plattform für junge Kabarettisten. „Zur Zeit meines ersten Programmes um 1988 gab es die Sendung ,Neu im Kabarett‘“, so Maurer, „und ich hatte Glück, dort gleich reinzurutschen“. Doch bis erstmals ein ganzes Programm im ORF zu sehen war, sollte es weitere 13 Jahre dauern.
Das sorgt nicht für Motivation bei Buchgraber und Brandl. „Wir haben zwar über Ecken gehört, dass wir für die zweite Staffel von Prokopetz' Komedy Klub angedacht waren“, sagt Brandl. Aber leider ist diese Sendung auf ATV ebenso nach einer Staffel im Nirwana verschwunden wie zuvor „Frischlinge“ im ORF. Brandl: „Unser einziger ORF-Kontakt war bisher für die Ö1-Kabarettsendung Contra.“ Das ist wohl die einzige Plattform, die auch junge Kabarettisten beachtet.
Es geht sich aus. Wie soll man über 30-jährige Gewinner des Förderpreises eigentlich korrekt nennen? Liest man über sie „Nachwuchstalent“, „Geheimtipp“ oder gar „Nachwuchsstar“? „Über uns liest man bisher gar nichts“, überlegt Brandl. Maurer dazu: „Das Interessante ist, dass es in Österreich keine Zwischenstufe gibt. Ich war zehn Jahre lang ,Nachwuchstalent‘ und dann auf einmal ,Kabarettstar‘. Die Bezeichnung ,Kabarettist‘ gibt es bei uns nicht.“
Und als Nachwuchsgeheimtipp – kann man da vom Kabarett leben? „Nur, wenn man eine reiche Freundin hat“, antwortet Buchgraber. „Es geht sich so irgendwie knapp aus“, sagt Brandl, „dass wir von unseren Auftritten unseren Unterhalt zusammenkriegen“. Aber entspannt ist es nicht. „Als Freiberufler ist es an und für sich nie entspannt“, wirft Maurer ein: „Da sind die psychischen Amplituden zwischen kompletter Hysterie und absoluter Apathie durchaus charakteristisch.“
Gilt das auch für Buchgraber und Brandl als Intendanten des Theaters am Alsergrund, oder ist ein so kleines Theater, in dem vorwiegend Newcomer auftreten, kaum zu retten? „Das kommt darauf an. Einerseits wurde von der Stadt Wien im Frühjahr 2009 der Bedarf auf Förderung erhoben. Da kam heraus, dass wir 90.000 Euro benötigen. Daraufhin sagte die Stadt: ,Passt. Dann kriegen sie 40.000‘“, erzählt Brandl. Auf dieses Geld warten sie bis heute, während der Betrieb weiterläuft und Rechnungen zu zahlen sind. „Die Frage beim Suchen nach Förderungen ist halt, ob die Stadt eine Nachwuchsplattform erhalten will – oder nicht. In der Szene sagt jeder, die Plattform ist wichtig und super. Schließlich hat jeder einmal so angefangen“, erzählt Buchgraber. Wo sonst spielt man noch vor zehn, 15 Leuten? Die 68 Sitzplätze im Alsergrund füllen sich fast nur, wenn die Stars spielen – etwa als Michael Niavarani und Viktor Gernot ihre Vorpremiere der „2 Musterknaben“ hier abhielten.
Mit Handschlag verabschiedet. Aber woher nimmt man die Motivation, wochenlang vor zehn Leuten zu spielen? „Monatelang!“, korrigiert Buchgraber. Brandl dazu: „Man muss jeden Gast einzeln abholen. Einmal waren wir in einem Theater mit 80 Sitzplätzen. In der ersten Reihe waren vier Leute, in der dritten Reihe einer. Und der ist in der Pause draufgekommen, dass er im falschen Stück ist. Doch am Ende waren alle begeistert, haben sich mit Handschlag verabschiedet und für den tollen Abend bedankt.“ Die fünf Leute waren nicht einmal verwandt mit ihnen! Auch Maurer erinnert sich: „Es ist ein großer Initiationsritus im Leben eines jungen Kabarettisten, wenn Leute kommen, die man nicht kennt.“
Für die Newcomer ist es heutzutage nicht einfacher geworden. In der fast unüberschaubaren Menge an Nachwuchskünstlern ist es eine Herausforderung, sich einen Namen zu machen und ein Publikum zu erobern. „Außer man wird für irgendeinen Comedykäse entdeckt“, sagt Maurer, „dann kriegt man die Hallen voll“. Die Comedyformate aus Deutschland sind eine eigene Industrie – das Publikum dafür findet sich auch in Österreich. „Wenn der Vater meines Sohnes Michael Mittermeier heißen würde, könnte der Bua in der Schule sicher besser mit seinem Vater angeben“, so Maurer. „Seit es Kabelfernsehen gibt, sind die heimischen Kabarettisten vom Publikum her nur mehr der Appendix der Deutschen.“
Die „Vercomedysierung“ hat die Zuschauer auch gewissermaßen umerzogen, erklärt Buchgraber. Ein klassisches Feedback nach ihren Auftritten sei: „Das Stück war toll. Aber man muss schon mitdenken, gell?“ Immer mehr Leute erwarten, dass sie im Kabarett das Hirn abschalten können, um herzhaft zu lachen. „Bei uns dürfen die Leute auch lachen, aber wer bei uns das Hirn abschaltet, kriegt viel nicht mit“, so Brandl.
Fühlt man sich als österreichischer Kabarettist stets zum politischen Kommentar verpflichtet? „Politik haben wir nur in Kleinigkeiten drinnen“, sagt Buchgraber: „Wir kommentieren lieber den Zeitgeist.“ „Das halte ich auch für gescheiter“, bestätigt Maurer. Auch seine Programme sind großteils – entgegen dem ihm anhaftenden Ruf – definitiv nicht tagespolitisch. Zwar war „Papiertiger“, in dem er aus seinen Kolumnen vorlas und über das politische Geschehen improvisierte, „ein guter Thrill“. Aber danach war es wieder an der Zeit, etwas in theatralischer Form zu machen. „Das sollte frei von österreichischer Innenpolitik sein, und dann hat es mich halt nach China vertragen.“Trotzdem ist „Àodìlì“ kein unpolitisches Programm. In der Darstellung des Mühlviertler Ingenieurs, der in Beijing am Flughafen festsitzt, ist Platz für Globalisierungs- und Marktwirtschaftskritik sowie für ein satirisches Bild der österreichischen Seele. „Mir war aber von Beginn an wichtig, mit jedem Programm was völlig Neues zu machen. Auch, weil einem sonst fad wird“, sagt Maurer.
In ihrer kurzen Zeit auf der Bühne (seit 2004) haben Buchgraber und Brandl den gleichen Grundgedanken der ewigen Erneuerung. „Nur unsere fiktive Firma (Ingeltoppen – nich' zu toppen, Anm.) haben wir vom zweiten ins dritte Programm mitgenommen“, sagt Brandl: „Das Problem beim Sich- neu-Erfinden ist, dass der Wiedererkennungseffekt flöten geht.“ Dann können die Zuschauer nicht sagen: „Das ist doch der Dings mit dem Dings“. Aber soviel muss man seinem Publikum eben zumuten, dass man auch ohne den immer selben Schmäh auf der Bühne erkannt wird. Oder wie Maurer sagt: „Ganz wird man sich selber eh nicht los.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2009)

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