"Hair": Hippies haben immer noch Saison

Der Musicalsommer Amstetten stellt einen Klassiker auf die Bühne, der mit einem tollen Ensemble und modernisierter Hippie-Optik mehr als Retro-Flair bietet.

Marjan Shaki, Oliver Arno und Michael Souschek führen ein starkes "Hair"-Ensemble an.
Schließen
Marjan Shaki, Oliver Arno und Michael Souschek führen ein starkes "Hair"-Ensemble an.
Marjan Shaki, Oliver Arno und Michael Souschek führen ein starkes "Hair"-Ensemble an. – (c) Mag. Gerhard Sengstschmid

Hippies, Flowerpower, Pazifismus? Lange Haare und Nacktheit als Aufreger? Im Jahr 2017 funktioniert das Musical "Hair" anders, als noch damals im Jahr 1968 bei der Premiere am Broadway. Das Stück über gesellschaftliche Auflehnung, über Verweigerung des Kriegseinsatzes wird leicht zu einer Folklore-Showrevue, wenn man sich nicht zur Wurzel des Stückes durchwühlt: Der Drang nach Freiheit, nach Frieden. In Amstetten gelingt das in weiten Teilen gut. Dort feierte das Musical von Galt MacDermont (Musik), Gerome Ragni und James Rado (Buch) am Mittwochabend Premiere.

Nach dem Vorjahreserfolg von "Footlose" musste Intendant Johann Kropfreiter sein Team völlig neu aufstellen und bewies ein "glückliches Händchen", wie er selbst sagte. Mit dem jungen Regisseur Alex Balga und dem Choreographen Jerôme Knols kann er auch heuer in Amstetten feines Musiktheater zeigen. Die Kostüme (Diego Andrès Rojas Ortiz und Max Wohlkönig) sind stark an die späten 1960er-Jahre angelehnt.

Die Handlung ist nicht kompliziert. Vor einer massiven Mauer - dahinter scheint längst Krieg zu herrschen - trifft sich eine Gruppe von Pazifisten, die eine antiautoritäre Grundhaltung und die Liebe zu Drogen teilen. Claude schließt sich der Gruppe rund um den liebenswert-verrückten Schulaussteiger Berger und dessen Freundin Sheila an. Claude sucht noch nach seinem Platz in der Gesellschaft. Bleibt er bei der Truppe und kämpft ohne Waffen für den Frieden oder beugt er sich dem Druck von Eltern und Gesellschaft und zieht in den Krieg? 

Beeindruckendes Ende

Von Anfang an schmettert das Ensemble dem Publikum die volle Lebensenergie entgegen. Regisseur Balga nutzt den Raum auf der Bühne (und im Publikum) perfekt aus, weiß aus spannenden Momenten optisch etwas zu machen. Die Szenen in Claudes Drogentrip im zweiten Akt sind voller guter Einfälle. Und Balga macht das Ende ("Let the sunshine in") nicht zu einer Happy-Peppy-Nummer im Sinne von "Hurra, wir leben noch", sondern zu einem traurigen, von Herzen kommenden aber eindrucksvollen Appell. 

Die Choreographien sprühen vor Energie und bleiben doch bodenständig, um den natürlichen Charakter der Truppe nicht zu konterkarieren. Beeindruckend auch die von Sam Madwar geplante Bühnenkonstruktion einer großen, mit Stacheldraht bewehrten Mauer. Auf zwei gerüstartigen Elementen gibt es genug Raum für inszenatorische Kunstgriffe.

Energiegeladenes Ensemble

Das Ensemble begeisterte durch die Bank. Oliver Arno als Claude und Michael Souschek als Berger (ein paar schiefe Töne im Song "Hair" seien der Über-Energie geschuldet) überzeugen ebenso wie Marjan Shaki, die als Sheila neue gesangliche Seiten zeigen kann. Da war Hauch, da war Kratzen, da waren Pop-Verzierungen - nicht alles perfekt, aber spannend. Christopher Dederichs war ein liebenswerter Woof, dessen Stimme auf jeden Fall Potenzial für größere Rollen hat. Jana Stelley gab die wundervoll quirlige und schwangere Jeanie, Stefan Konrad überzeugte als Margaret Mead mit gutem komödiantischem Timing. Top-Stimmen: Chayenne Lont (Dionne), Barbara Obermeier (Crissy).

Musikalisch war das überhaupt ein Abend zum Genießen. Die Band (musikalische Leitung: Christian Frank) hatte hörbar Spaß mit den Arrangements, das groovte richtig und kam dank gutem Tondesign (Andreas Frei) auch im Publikum an, gerade noch nicht zu laut. Der Kartenverkauf läuft zu recht auf Hochtouren. Auch für Sommer 2018 kann man bereits Karten kaufen, da wird die österreichische Erstaufführung von "Rock of Ages" in Amstetten zu sehen sein.

>> Zur Produktions-Homepage

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    "Hair": Hippies haben immer noch Saison

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.