Die Seligkeit und die Pein einer Kur in Reichenau

KritikUraufführung von „Raxleuchten“ am Thalhof: Eine szenische Lesung führt mit Raffinesse in das 19. Jahrhundert.

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(c) Christoph Wölflingseder

Die Freifrau sah ihren längeren Aufenthalt auf dem Lande ziemlich durchwachsen: „Erste Woche leidend. Zweite Anfang seligen Aufatmens. Dritte reine Seligkeit. Vierte Pein.“ Die Einheimischen, „die schönen, kräftigen, gutmütigen Niederösterreicher“, kamen besser weg. So differenziert bewertete die österreichische Erzählerin Marie von Ebner Eschenbach (1830–1916) ihre einmonatige Kur in Reichenau an der Rax, das sich im 19. Jahrhundert zu einem beliebten Erholungsort am Rande der Ostalpen entwickelte. Besonders im Thalhof, einer alten Gaststätte, die mit Einsetzen des Tourismus-Booms im Biedermeier sukzessive zum Grandhotel ausgebaut wurde, traf sich die noble Wiener Gesellschaft zur Erholung, meistens zur Sommerfrische.

In Reichenau konnte man beim Spaziergang oder auch beim Bergsteigen dem einen oder anderen Erzherzog begegnen, literarischen Größen wie Nestroy, Raimund, Altenberg oder Schnitzler, ja sogar Sigmund Freud, dem Schöpfer der Psychoanalyse. Seit drei Jahren dient der Thalhof als Veranstaltungsort für das Sommerfestival des Salon 5, das Theater, Lesungen und Gespräche bietet. Da liegt es nahe, sich der Geschichte dieses Hauses zuzuwenden. Die Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl hat recherchiert, was Dichter und Theaterleute über diesen Genius Loci schrieben.

 

Vom Biedermeier zur Gründerzeit

Das Ergebnis: Teil eins ihrer Spurensuche sind Schlaglichter auf Biedermeier und Gründerzeit, von Jérôme Junod als szenische Lesung mit Musik eingerichtet. Am Sonntag gab es die stark akklamierte Uraufführung dieses „Raxleuchten“: Intendantin Anna Maria Krassnigg und Martin Schwanda, ländlich gekleidet, mit Picknickkorb und Schirmen ausgestattet, lesen voll Süffisanz und Koketterie Texte von einem Dutzend Autoren – berühmten wie Nestroy, Hebbel und Raimund, Geheimtipps wie Betty Paoli, Daniel Spitzer oder Bettina Holzapfel-Gomperz, die 1948 im Schweizer Exil starb. Auch die Arisierung von Reichenauer Villen wird thematisiert. Das Simply Quartet spielt Passagen aus Streichquartetten Mozarts, Beethovens, Schuberts, Schönbergs, immer wieder ungeduldig unterbrochen von den Vortragenden: Der Feuilletonist Ludwig Hirschfeld lobt die klare dünne Bergluft, Schauspieler Franz Carl Weidmann schwärmt von der wohlbesorgten Küche, während sich der Dichter Nikolaus Lenau der Affäre mit einer Dame hingibt – Beamtengattin, zwei Kinder, wie mehrfach streng betont wird. Ein Kurschatten an der hohen, wilden Rax.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2017)

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