"Anna Göldi": Europas letzter Hexenprozess als Schweizer Musical

Am 13. Juni 1782 wurde in der Schweiz die 48-jährige Dienstmagd Anna Göldi enthauptet. 235 Jahre später kommt ihre Geschichte auf die Bühne - und wird auf zwei Zeitebenen erzählt.

Illustration der Enthauptung von Anna Göldi
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Illustration der Enthauptung von Anna Göldi
Illustration der Enthauptung von Anna Göldi – (c) APA/EPA

Der letzte Hexenprozess Europas als Musical: Im schweizerischen Neuhausen am Rheinfall hat am Donnerstagabend "Anna Göldi - das Musical" seine Weltpremiere gefeiert: Ein heißes neues Stück, dem es gelingt, das komplexe Thema der Hexenverfolgung einem breiten Publikum zu vermitteln.

Am 13. Juni 1782 wird im schweizerischen Glarus die 48-jährige Dienstmagd Anna Göldi enthauptet. Ihr werden Giftmischerei und die Verhexung der Tochter ihres Arbeitgebers, des Arztes und Richters Johann Jakob Tschudi, vorgeworfen. Das Kind soll Nägel gespuckt haben. Die Glarner Justiz kommt wegen des Prozesses in argen Verruf, ist doch die Zeit des Hexenwahns in Mitteleuropa vorbei. Der Journalist Heinrich Ludewig Lehmann soll die Obrigkeit reinwaschen. Er wird nach Glarus eingeladen.

Das Musical spielt auf zwei Zeitebenen: Jener, in welcher Anna Göldi lebte, und jener, in welcher Lehmann Gespräche führt mit den Protagonisten des Prozesses. Je mehr Lehmann aber hört, desto mehr Zweifel an den "offiziellen" Darstellungen kommen ihm. Unterstützt wird er in seiner Skepsis von Gerichtsschreiber Johann Melchior Kubli. Immer klarer wird das Bild eines Johann Jakob Tschudi, welcher von Anna Göldi fasziniert ist, sich an sie heranmacht, und sie dann aus Angst um seinen Ruf, seinen Stand, sein Geld aus dem Weg räumen lässt - mit tatkräftiger Mithilfe eines Klüngels einflussreicher Glarner. Das Buch von Regisseur Mirco Vogelsang nach der Musik von Robert D. C. Emery webt Gefühle und unterhaltende Elemente ein, bleibt inhaltlich aber bei den Fakten.

Bühne in ausgedehnter Industriehalle

Gespielt wird in einer ausgedienten Industriehalle in Neuhausen am Rheinfall. Den Darstellerinnen und Darstellern steht eine großzügige Bühne zur Verfügung, die sie auch vollumfänglich nutzen. Gut zur Geltung kommen hier die Tänzerinnen und Tänzer als Bevölkerung oder Traumfiguren. Masha Karell und Simon Schnorr bestechen als Anna Göldi und Doktor Tschudi, Raphael Tschudi und Roland Herrmann geben überzeugend den Journalisten und den Gerichtsschreiber. Eveline Suter verkörpert bewegend-zurückhaltend die unglückliche, eifersüchtige Ehefrau Elsbeth Tschudi.

Die Bühne hat Jana Denhoven karg gestaltet. Ein paar mobile Elemente, aus der Wand herausgeschoben und gedreht, deuten einzelne Schauplätze an. Lichteffekte und auf die Wände projizierte Videos und Fotos sowie akustische Effekte unterstützen und bereichern die Szenen. Schwachpunkt der Aufführung ist aber die Akustik: Die gesungenen Stücke waren an der Premiere über weite Strecken schlicht unverständlich. Dies dürfte auch das Verständnis der Geschichte beeinträchtigen.

(APA/sda)

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