Akademietheater: Thomas Köcks verlorene Paradiese

Kritik Eine Fülle an Untergängen gibt es in "paradies fluten/verirrte sinfonie" des jungen Dramatikers aus Oberösterreich. Robert Borgmann inszenierte sie recht reizvoll.

Tanzen, bis es wehtut: Anna Sophie Krenn in einer endzeitlichen Umgebung.
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Tanzen, bis es wehtut: Anna Sophie Krenn in einer endzeitlichen Umgebung.
Tanzen, bis es wehtut: Anna Sophie Krenn in einer endzeitlichen Umgebung. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

Die Welt steht nimmer lang. In ein paar Milliarden Jahren wird die Sonne endgültig ausgestrahlt haben, vor dem Ende wird sie die Erde zumindest mit Tausenden Grad Celsius gebacken, wenn nicht sogar inhaliert haben. Diese pessimistische, aber nicht zu vermeidende Perspektive steht am Beginn von Thomas Köcks Drama „paradies fluten“, das am Samstag im Akademietheater in Wien in der Inszenierung von Robert Borgmann seine österreichische Erstaufführung hatte. Drei Stunden, doppelt so lang wie die deutsche Uraufführung im Vorjahr, dauerte die Apokalypse in Wien. Und das war auch gut so.

Denn es mussten mehrere Untergänge zelebriert werden – familiäre, koloniale und neoliberal-prekäre. Die 15 Schauspieler haben sie mit großem Körpereinsatz und voll Intensität gemeistert. Aber auch das Zusehen strengte an – wegen der Reizüberflutung. Bei all den Bildern, Tänzen, Gesängen und Botschaften, die an Wänden aufleuchteten, war es manchmal eine Kunst, dem komplexen Text zu folgen. Auch er ist zuweilen zügellos. Man hört nicht nur äußerst gelungene Phrasierungen, die an Elfriede Jelineks irre Sprachverspieltheit erinnern, sondern auch so manche Phrasen, die entbehrlich scheinen. Noch etwas mehr Spiel und ein etwas strafferer Text wären vielleicht besser. Das Premierenpublikum zeigte sich dennoch begeistert – lang anhaltender Applaus.

Schon der Beginn ist eine Herausforderung: Zwei Frauen stehen in einem futuristischen Raum. Im Zentrum ein schwarzer Strang von Gummibändern, der bis ganz nach oben reicht, drum herum hängt eine helle Plane halbrund herab, sie könnte ein sich ausdehnendes oder schrumpfendes Universum sein. Es tröpfelt. Die zwei Wesen mit langen blonden Haaren und maskenhaften Zügen sind offenbar nicht von dieser Welt. Sabine Haupt spielt „Die von der Prophezeiung Vergessene“, Alina Fritsch „Die von der Vorsehung Übersehene“. Langsam, synchron schreiten sie an die Rampe. Hinten pulsiert eine Wand voller Glühlampen. Die Musik von Philipp Weber: erst minimal, dann rauschend, schließlich im Verlauf des Abends sogar barock bis romantisch. Manchmal blenden auch Lichtblitze die Zuseher. Kosmos, Chaos und retour. Vorn angelangt, fassen die beiden Frauen, die den Endzeitmythos erzählen, die Geschichte bereits im ersten Wort zusammen: „Shit!“

 

Kosmische Katastrophe im Kleinen

Das grundiert die Stimmung: Erde, Flüssigkeiten, nicht eindeutig identifizierbare Substanzen mit raumfüllendem Hautgout werden bald diese Welt beflecken (Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm). Die beiden unheimlichen Prophetinnen bewerfen zudem alle übrigen Figuren mit einer Art Sternenstaub, zum Beispiel zwei halb nackte, neon gefärbte Tänzer (Marta Kizyma, Christoph Radakovits), die schwerelos ein Hohelied des Hedonismus darstellen, vielleicht irgendwann Ende des vorigen Jahrhunderts.

Schon ist man mitten drin in der jüngeren Menschheitsgeschichte. Zwei Erzählungen beherrschen diesen Abend. Eine handelt von einer Familie, die zum Ende des 20. Jahrhunderts vom sozialen Aufstieg träumt und doch nie von der Urangst des Scheiterns loskommen wird: Die Oma (Elisabeth Orth, so würdevoll wie rührend) wird bald schon vergehen. Die Enkelin träumt von der Superkarriere als Tänzerin, landet aber in prekären Verhältnissen. Es ist toll, wie Aenne Schwarz entschlossen und verloren zugleich wirkt. Wie plagt sie sich beim Üben des Spitzentanzes! Auch wenn sie eine Kollegin herrisch anleitet, es wird für beide eine Serie von Hinfallen und Aufrappeln. Ihren Beruf – Aufträge „auf Honorarbasis“ – wird sie schließlich durch den Verkauf des Elternhauses „querfinanzieren“. Der Vater wird nämlich einen Schlaganfall erleiden. Peter Knaack spielt diese Katastrophe kosmisch im Kleinen. Und aus ist es mit seinen Träumen. Er hat sich selbstständig gemacht, betreibt eine Kfz-Werkstätte und befindet sich deshalb mit seiner Frau im Dauerstreit. Katharina Lorenz verkörpert ideal das Elend einer geplagten Klasse. Sie trifft es genau: Was soll der Handel mit Reifen kurz vor dem Zusammenbruch des industriellen Zeitalters, wenn die große Flut und der Zerfall des Ökosystems drohen?

 

Kapitalistische Entwicklungshelferin

Das ist die Klammer zur zweiten großen Saga: Von den abgefahrenen Reifen auf all unseren Müllhalden zurück zur Gewinnung des Kautschuks in frühen Tagen der Industrie. Das Amazonasgebiet wird erschlossen. Die Entwicklungshelferin ist schon dort. Sylvie Rohrer in ihrer noblen Garderobe verkörpert furchterregend glaubhaft eine Extremkapitalistin. Indigene Völker sind Staffage, ihre Arien hören sich schrecklich deplatziert an. Das Projekt einer Oper im Urwald war nur ein Vorwand zur Ausbeutung. Der Architekt für diesen Kulturpalast (Philipp Hauß spielt mit Herzblut einen Sonderling) steht auf verlorenem Posten. In höfischen Kostümen wird vorgezeigt, wie Klassen geherrscht haben, ehe für Europa die Zeit abgelaufen war: „Au bout de l'Europe“ steht flächendeckend an der Wand. „Und nichts wird bleiben“, sagt die Mutter. Nur kurz schimmert am Ende noch Hoffnung auf in diesem verlorenen Paradies: In einem Video spielt eine junge Frau mit einem Kind.

DIE „PARADIES“-TRILOGIE

Thomas Köck, geboren 1986 in Oberösterreich, studierte in Wien Philosophie und Literatur. Seit seinem Debüt mit „jenseits von fukujama“ 2014 hat er bereits mehrere Theaterpreise erhalten. 2016 wurde „paradies fluten“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt. Das Drama ist Teil eins einer Trilogie. Teil zwei, „paradies hungern“, wurde 2015 in Marburg uraufgeführt, Teil drei, „paradies spielen“, soll im Dezember in Mannheim folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2017)

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