Hier wird am Abgrund getanzt

Streamingtipps. Früher bot der Tanzfilm vor allem Romantik und Eskapismus. Heute versucht man sich abseits des Jugendfilms auch am Psychologisieren, wie in der Serie „Flesh and Bone“, die auf Amazon angelaufen ist. VON ISABELLA WALLNÖFER



Flesh and Bone

Die Zeiten, in denen Tanzfilme bloß Projektionsfläche für die Fantasien verträumter Teenies und verkannter Talente sein wollten, sind vorbei. Es geht nicht mehr nur um Eskapismus, tolle Tanztechnik oder Auditions in Dauerschleife – das wird in „Flesh and Bone“ deutlich: Das Drama um die durch Inzest traumatisierte Claire, die aus der Provinz nach New York flüchtet und auf Anhieb bei der berühmten American Ballet Company aufgenommen wird, ist vor allem eines: das Psychogramm einer verunsicherten und vielschichtigen Persönlichkeit.

Die Claire von Sarah Hay (sie tanzt an der Semperoper) pendelt zwischen einer schmerzbefreiten Ballerina (der Zehennagel geht schon beim Vortanzen ab) und der verheulten Existenz eines geprügelten Duckmäuschens. Gegenspielerin Kiira (Irina Dvorovenko) nimmt Drogen, um mit den Jungen konkurrieren zu können. Ballettchef Paul (Ben Daniels) ist ein ans Sadistische grenzender Quäler, der Claire skrupellos dem sexuellen Notstand seines Hauptsponsors ausliefert („Viagra auf Spitzenschuhen“).

In „Flesh and Bone“ (die Idee stammt von „Breaking Bad“-Autorin Moira Walley-Beckett) kontrastieren Sex, Gewalt und ordinäre Infamie das verklärte Bild des Balletts. Kein romantisches Ballettmärchen also. Amazon


Step Up

Ein Jugendfilm mit einem typischen Plot über den ganz großen Traum, Tänzer oder Tänzerin zu werden: Nora (Jenna Dewan), die nach dem Wunsch der Mutter später studieren soll, trifft einen coolen, hip-hoppenden Straßentänzer mit kleinkriminellen Tendenzen (Channing Tatum als Tyler). Der soll eine Missetat mit gemeinnütziger Arbeit an der Schule wiedergutmachen – und mausert sich vom Notfallstanzpartner zum Rettungsanker für die Schulaufführung. Klar, dass sich die beiden verlieben. Die Sache findet nicht nur ein gutes Ende (Nora darf Tänzerin werden, Tyler bekommt einen Platz an der Maryland School of the Arts) – der Film fand auch vier Fortsetzungen (zuletzt mit „Step Up: All In“, 2014). Teenie-Hit mit Dancefloor-Soundtrack. Netflix


Dance Academy

S. Strauss/J. Werner, 2010–2013

Auch garantiert jugendfrei ist „Dance Academy“ – eine vom ZDF koproduzierte australische Serie (65 Episoden in drei Staffeln) über eine Farmerstochter, die bei der Tanz-Akademie in Sydney (das eine malerische Kulisse bietet) aufgenommen wird. Schüleralltag mit ein bisschen Mobbing, Schwärmerei und Konkurrenzkampf – ein tänzerisches Vis-à-Vis zum vornehmlich gesanglichen Wettstreit in „High School Musical“. Amazon


Dirty Dancing

Von Emile Ardolino, 1987

Jennifer Grey und Patrick Swayze üben eine Hebefigur im Wasser. Wer kennt diese Filmszene nicht! „Dirty Dancing“ ist der Inbegriff des Tanzfilms – Happy End für die beiden inklusive! Amazon (3,99 €)


Fame

Von Alan Parker, 1980

„Fame! I'm going to live forever. I'm going to learn how to fly . . .“: 1980 sang und tanzte sich Irene Cara in Alan Parkers „Fame“ vom Fleck weg zu einem Oscar, einem Golden Globe – und drei Jahre später mit „Flashdance“ zu noch einem Disco-Klassiker. Parker castete für „Fame“ Studenten einer New Yorker Kunst-Schule, die – u. a. in großartigen Gruppentanzszenen – ihr Lebensgefühl vermitteln. Der Stoff wurde auch als TV-Serie (1982–1987; sie ist nicht als Stream abrufbar) und in einem Remake von Kevin Tancharoen (2009) verwertet. Amazon (2,99 €)


Pina

Als er das erste Mal eine Choreografie von Pina Bausch sah – das war 1985 – habe er „nach einigen Minuten ungläubigen Staunens den Gefühlen freien Lauf gelassen und hemmungslos geflennt“, erzählte Wim Wenders bei der Verleihung des Goethe-Preises an die Tanzpionierin 2008. Ein Jahr später war Pina Bausch tot – und Wenders musste das gemeinsam mit ihr geplante Projekt allein bewerkstelligen: Einen Tanzfilm, der nicht nur zur Dokumentation, sondern zur sehr persönlichen Hommage an die charismatische Tänzerin und Choreografin werden sollte, die mit ihrem Tanztheater Wuppertal Maßstäbe setzte. Google play (2,99 €)


Black Swan

Von Darren Aronofsky, 2010

Natalie Portman verkörpert eine von Paranoia und selbstzerstörerischen Ambitionen geplagte Ballerina, die sich in die abgründige Rolle des schwarzen Schwans bis zur tödlichen Wahnvorstellung hineinsteigert. Der weiße Schwan wird zum schwarzen, der gute Mensch zu einem bösen. Ein Tanzfilm als Hochglanz-Psychothriller – samt Oscar für Portman. Sky

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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