Alfred Dorfer: „Nur Bananenkisten und ich“

Der Kabarettist Alfred Dorfer betritt in seinem Stück „und...“ neues Terrain: den einsamen Monolog.

Umzug. Alfred Dorfer mit seiner Bühnendeko am Naschmarkt – ein Heimspiel.
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Umzug. Alfred Dorfer mit seiner Bühnendeko am Naschmarkt – ein Heimspiel.
Umzug. Alfred Dorfer mit seiner Bühnendeko am Naschmarkt – ein Heimspiel. – Carolina Frank

Mit Alfred Dorfer über den Naschmarkt zu ziehen ist ganz gemütlich – also zu schnell wird man nicht. Am Gemüsestand von Martina Himmelsbach wird er per Handschlag empfangen, fünf Meter weiter winkt der nächste Arm aus einer kleinen Ladenöffnung. Dorfer kennt den Markt und seine Gesichter, seit vielen Jahren zieht der Kabarettist in der Gegend herum. Seine erste Wohnung in der Kettenbrückengasse lag noch akustisch uncharmant hinter einer Fleischerei, erzählt er. „Um 5 Uhr in der Früh wurden die Knochen geschnitten. Ich dachte, ich wohne in einem Sägewerk. Die Raumaufteilung war ganz klassisch, du kommst herein, stehst in der Küche, ein Zimmer, Toilette am Gang, Ölofen, sehr kuschelig. Ich wusste, das ist mein Revier. Obwohl es sich doch auch sehr verändert hat in den Jahren.“ Das verruchte Rotlichtmilieu ist verschwunden, Dorfers studentische Bescheidenheit nicht ganz. Was erwartet er sich von einer Wohnung? „Ganz, ganz wenig. Es gibt aber Grundbedingungen: Altbau, Holzboden, alte Fenster.“ Einmal hat er sich sogar für eine Wohnung entschieden, ohne sie besichtigt zu haben. „Es war der Sternparkett. So etwas kannte ich nur aus Museen und der Hofburg. Ich bin hereingekommen, hab’ den Boden gesehen und zugesagt.“ Kurzer Ortswechsel: In seiner aktuellen Küche ist übrigens der größte Teil seines neuen Programmtexts entstanden. Der Titel: „und...“, um was geht es? Umzugskisten.

Lampenlose Kabel. „Die Idee, etwas über das Thema Umziehen zu machen, hatte ich schon sehr lange. Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass es über dieses fundamentale Thema nichts gibt. Und da es eine Erfahrung ist, die wir alle machen, mehrmals wahrscheinlich, und es für viele fast traumatisch ist, hat es mich als Stückthema sehr gereizt.“ Wie lange hat man keine Lampen in einer Wohnung? Wie richtet man überhaupt ein? Was stimmt alles nicht, wenn man die Wohnung bezogen hat? Und was ist, wenn man die Wohnung bezieht und merkt, dass es eigentlich gar nicht das ist, was man wollte? Der Mietvertrag läuft aus und man muss hinaus, auch wenn man es nicht möchte. „Diese Probleme hängen oft mit einem Identitätsverlust zusammen, mit einer sehr ursprünglichen Geschichte, dem Verlust des Rückzugsgebietes und der Frage: Welche Bedeutung hat Intimität? Dieses Konvolut hat mich interessiert“ – für den Mantel des Programms. Zwei Ebenen gibt es. „In der ersten Hälfte ist es eine Godot’sche Wartesituation.

 Alfred Dorfer
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 Alfred Dorfer
Alfred Dorfer – Carolina Frank

Die Bühne ist nahezu leer, es stehen nur ein paar Bananenkisten herum. Man wartet offensichtlich auf die Spedition, damit die Wohnung verlassen werden kann.“ In der zweiten Situation bezieht er dann die neue, leere Wohnung. Aufbrechen und ankommen. „Es geht aber auch um diese Illusion der klaren Bruchlinien im Leben, die es ja nicht gibt, weil immer das Gestern noch mitspielt und das Morgen schon hereinschaut.“ Zwischen diesen Linien wird sich Dorfer – respektive eine Person in seinem Alter – auch selbst spiegeln. Wie wirkt der Gesellschaftswandel mit der zur Mode gewordenen Kontaktlosigkeit, dem Verfall der Sprache, dem Verfall von Respekt auf jemanden wie ihn? Keine einfache Sache. „Ein 50-Jähriger auf der Bühne, der versucht, immer noch jugendlich zornig zu sein, ist lächerlich. Von der Satire wird Angriffigkeit erwartet, man kann sie aber nicht mehr haben wie vor 25 Jahren.“ Nicht, dass Dorfer müde geworden wäre, er wirkt, als habe er einen anderen Blickwinkel, den vor der altersweisen Gelassenheit. „In dieser Zwischenphase gilt es, sehr vorsichtig zu sein, was vielleicht mit ein Grund ist, warum ich länger kein Stück gemacht habe.“

Neues Terrain. Alfred Dorfers letztes Teamspiel hatte er vor drei Jahren mit „Ballverlust“ an der Seite von Florian Scheuba. „Dieses Stück jetzt ist eigentlich mein erstes Solo: Kein Gunkl, keine Band, nur Bananenkisten und ich.“ Einsamkeit auf der Bühne konnte er sich sehr lange überhaupt nicht vorstellen. Allein schon deshalb, weil man die ganze Zeit allein durch die Gegend fährt – „unvorstellbar“. Egal ob Schlabarett, MA 2412 oder Dorfers Donnerstalk, „ich war zeitlebens immer in Gruppengeschichten eingebettet. Dieses Monologisieren ist für mich ein völlig unbekanntes Terrain. Ob ich das möchte, weiß ich noch nicht. Der Aspekt des alleine Herumfahrens ist ja noch immer da.“ Was er mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er gerne unterrichtet hat. Dorfers an seine Dissertation anschließenden Satireseminare an den Unis von Graz und Klagenfurt haben ihn erfüllt. „Das war eine Erfahrung, die ich gerne fortsetzen würde. Ob Theater oder Schauspiel auf meinem Weg liegen, glaube ich derzeit nicht. Aber ich habe auch vor zehn Jahren gesagt, dass ich nie solo auf der Bühne stehen werde.“

Tipp

„und...“ Alfred Dorfers erstes richtiges Soloprogramm hat die hessische Testphase hinter sich und läuft nun auch in Österreich an. Premiere feiert das Stück am 17. Oktober im Wiener Stadtsaal. Alle weiteren Termine finden Sie hier www.dorfer.at

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